Fußball Der Kapitän hat das SVP-Schiff verlassen

Marius Venturini, vom 14.06.2017 08:00 Uhr
Murat Cicek Foto: Archiv/Peter Mann
Murat Cicek Foto: Archiv/Peter Mann

Pattonville - Wie es zu seinem Spitznamen kam, daran kann sich Murat Cicek nicht mehr erinnern. „Ich war 16 oder 17, und irgendwie nannten mich auf einmal alle ‚Mucki’“, sagt der 26-Jährige und lacht. Lange hat er den Antreiber im Mittelfeld des SV Pattonville gegeben, seit Gründung des Aktiventeams war er dabei, zwei Jahre lang hatte er das Kapitänsamt inne – und jetzt hängt er im besten Fußballeralter seine Kickstiefel an den Nagel.

„Man soll zwar niemals nie sagen“, holt Cicek für die Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“ aus, „und es ist auch keine Entscheidung gegen die Mannschaft oder das neue Trainerteam.“ Denn sowohl von den Spielern als auch von den neuen Übungsleitern um Chefcoach Andreas Eschenbach hält er eine ganze Menge. „Ich will jetzt einfach auch mal an mich denken. Seit ein, zwei Jahren hat mir ein wenig diese hundertprozentige Motivation gefehlt.“ Die Freude, die man als Fußballer brauche, sei ihm abhandengekommen. „Und die Veränderungen, die jetzt gerade beim SVP stattfinden, sind meiner Meinung nach eine gute Gelegenheit für einen Cut.“

Der SV Pattonville war der einzige Verein, in dem Cicek je gespielt hat. In der D-Jugend stieß der gebürtige Stuttgarter dazu, und gerne erinnert er sich an die Anfangszeit bei den Aktiven. Denen gelang gleich in der ersten Spielzeit 2010/2011 der Aufstieg in die Kreisliga B. Zwei Jahre später glückte der Sprung in die A-Liga. „Es waren zwar auch ältere Spieler dabei, aber es gab noch nicht diese Hierarchie“, blickt er zurück. Dennoch habe man schnell als Team funktioniert. „Daran hatte auch der Trainer Sven Seiler einen großen Anteil“, betont Cicek, der im vierten Semester in Ulm Informationsmanagement im Gesundheitswesen studiert und nebenbei kellnert.

„Diese beiden Aufstiege, so etwas vergisst man nicht“, bekräftigt Cicek. Auch in den weiteren Jahren – und auch über den Trainerwechsel von Seiler zu Ioannis Kountoulis hinweg – habe sich die Mannschaft gut entwickelt. „Wir waren eigentlich schon mehr als eine Einheit, es war wie eine Familie. Wir sind nach dem Training oft stundenlang zusammengesessen und haben nicht nur über Fußball, sondern auch über ganz alltägliche Probleme gesprochen“, sagt der Ex-Kapitän. Er übernahm das Amt vor zwei Jahren von Keeper Janusz Liermann, als dieser zum SV Kornwestheim wechselte. „Wenn ich ehrlich bin, war ich nicht überrascht, als Ioannis Kountoulis mich vorgeschlagen hat, denn es war immer mein Ziel, diese Mannschaft zu führen.“ Und schließlich fiel die Wahl der anderen Teammitglieder erwartungsgemäß auf ihn.

Allerdings war während seiner Zeit beim SVP lange nicht alles eitel Sonnenschein. Mehrfach verdaddelte die Mannschaft teilweise ohne Not den Sprung in die Bezirksliga. Besonders bitter war das Ende der Saison 2015/2016: In der zweiten Relegationsrunde unterlag der SVP im strömenden Regen zwei Minuten vor Ende der Verlängerung mit 2:3 gegen den TSV Bönnigheim. „Danach musste sich das Team erst wiederfinden“, sagt Cicek, der seine Farben damals mit 1:0 in Führung geschossen hatte. „So unglücklich in der Verlängerung zu verlieren, da hat jeder erst mal Zeit gebraucht, das zu verarbeiten.“

Seine ruhige, besonnene Art hat er sich aber auch in jenen dunklen Momenten bewahrt. „Ich war nie ein Kapitän, der auf Streit aus ist“, sagt Cicek, „sondern ich war immer darauf bedacht, dass die Mannschaft sich auf sich selbst konzentriert.“ Denn es habe während seiner Zeit nur wenige Teams gegeben, die eine solche Spielstärke an den Tag gelegt hätten wie der SVP. „Ich wollte immer, dass wir uns dessen bewusst sind. Manchmal hat das geklappt, manchmal leider nicht.“

Aber wie gesagt: Sein Abgang habe weder an den Mitspielern noch an den Trainern gelegen. „Im Winter wird man ja gefragt, wie es aussieht, und da war ich noch nicht schlüssig“, berichtet er. Aus einem „eher nicht“ wurde dann jedoch schnell ein klares „Nein“, was auch in der Mannschaft rasch die Runde machte. „Aber am Ende wollten es trotzdem ein paar Spieler nicht so ganz wahrhaben.“ Dennoch kam der Moment, an dem es vorbei war: Seine letzte Begegnung im Dress des SVP absolvierte er am 28. Mai dieses Jahres beim Heimspiel gegen die SGM Hochberg/Hochdorf – und er machte sich in der 34. Minute in Form seines Tores zum 2:0 selbst das schönste Abschiedsgeschenk. Endergebnis: 3:3.

Nun beginnt also ein neuer Lebensabschnitt für Murat Cicek. „Was ich mit der Zeit alles anfangen kann, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“, sagt er. Fitness, Schwimmen, sich mal ein Spiel der alten Kollegen ansehen, all das stehe im Raum. „Dafür aber keinen ganzen Tag opfern zu müssen, das wird schön“, blickt der Mann nach vorn, dessen Spielerpass nach wie vor beim SVP verbleibt. „Und ich glaube, dass sie den so schnell nicht hergeben“, vermutet er und lacht. In Zukunft traut er seinen früheren Mitspielern einiges zu: „Pattonville wird einen breiten Kader und ein gutes Trainerteam haben. Die reißen etwas, da bin ich mir sicher.“

Zurück zum Anfang, zurück zu den Spitznamen: Warum Stadionsprecher Andi Weiß ihn ab und an als Mucki „Iniesta“ Cicek angekündigt hat, weiß er derweil ziemlich genau. „Iniesta ist einer meiner absoluten Lieblingsspieler, und damit wollte er mich sicher motivieren.“