Fußball „Die Mannschaft hätte die Klasse gehabt“

Marius Venturini, vom 17.06.2017 09:00 Uhr
Benjamin Scherl hatte während der vergangenen Saison sportlichen Gegenwind. Foto: Archiv/Horst Dömötör
Benjamin Scherl hatte während der vergangenen Saison sportlichen Gegenwind. Foto: Archiv/Horst Dömötör

Kornwestheim - Benjamin Scherl ist Fußballtrainer durch und durch – und mit der SVK-Frauenmannschaft auf- und wieder abgestiegen. Zugunsten seiner Familie legte er nun sein Amt nieder. Dass ihm das nicht so leicht fiel und dass er auch im Gespräch bei anderen Teams gewesen ist, verrät er im Interview. Darüber hinaus blickt er auf eine schwierige Saison 2016/2017 zurück, bei der die Krux vor allem in einer völlig verkorksten Hinrunde gelegen hat.

Herr Scherl, Ihre Zeit beim SVK hat mit dem Abstieg aus der Regionenliga geendet. Sind Sie froh, dass es jetzt endlich rum ist?
Ich habe mir natürlich einen schöneren Abschied vorgestellt. Wobei es alles in allem ja eine erfolgreiche Zeit war, als ich als Nachfolger von Chris Händgen die Mannschaft übernommen habe. Wir sind in meiner ersten Saison erst im Spiel um den Aufstieg gescheitert und in der nächsten Spielzeit dann ungeschlagen aufgestiegen. Klar hätte ich mir gewünscht, dass wir jetzt die Regionenliga halten können.
Wie ist die momentane Gefühlslage?
Es ist ein komisches Gefühl, denn wir haben auch viel Pech gehabt. Aber es war schon nach dem Verlauf der Hinrunde klar, dass es schwierig werden würde.
Oft gab es Niederlagen, obwohl Ihr Team nicht die schlechtere Mannschaft, häufig sogar besser als der Gegner war. Wie oft wird man da an der Seitenlinie verrückt?
Die Ergebnisse spiegeln selten die Leistung der Mannschaft wider. Wir haben uns, vor allem in der Hinrunde, oft selbst geschlagen. Diese Häufung an individuellen Patzern, das war fast mysteriös. Aber ich habe den Spielerinnen nie einen Vorwurf gemacht.
Lag es nur an Patzern?
Man muss das Gesamtbild sehen: Wir hatten keine gute Vorbereitung, hatten viele Urlauberinnen, und in der Anfangsphase der Saison haben sich dann auch noch Friederike Eilert und Cilem Schmitt verletzt, zwei unserer wichtigsten Spielerinnen. Außerdem haben wir auf eine defensive Viererkette umgestellt, was in den Testspielen gut geklappt hatte – nur eben in der Regionenliga nicht. Vielleicht haben wir auch daran zu lange festgehalten.
Wann haben Sie das System wieder geändert?
Gegen Hoffeld, am achten Spieltag. Mit Dreierkette und Fünfer-Mittelfeld wurde es dann besser. Und im Verlauf der Runde kamen dann auch Cilem Schmitt und Friederike Eilert wieder. Aber wie gesagt, wir haben zu keiner Zeit jemandem einen Vorwurf gemacht. Man kennt das vielleicht aus der Arbeitswelt. Wenn viel Neues auf einen zukommt, dann macht man vielleicht auch Fehler.
Sie betonen, dass Sie den Spielerinnen nichts vorwerfen. Werfen Sie sich selbst vor, das System nicht schnell genug wieder geändert zu haben?
Wir waren uns ja ziemlich sicher, dass das klappen würde. Einige hatten das in ihren vorigen Vereinen schon gespielt. Aber uns haben die sogenannten Leitwölfe in der Viererkette gefehlt, das haben die Spielerinnen auch selbst erkannt.
Sie haben auch das Pech erwähnt, das Ihre Truppe zugegebenermaßen fast gepachtet hatte. Aber durch Pech alleine steigt man nicht ab. . .
Das stimmt. Wir hatten natürlich Pech bei vielen Gegentoren, aber unser großes Problem war eben die Hinrunde. Hätten wir da schon den Biss, die Trainingsbereitschaft und auch die mentale Fitness gehabt wie in der Rückrunde, dann hätten wir die Liga ziemlich sicher halten können. Die Mannschaft hätte die Klasse gehabt, um da mitzuhalten. Es hat einfach etwas gefehlt.
Wie war denn am Ende die Stimmung im Team?
Nach der Winterpause waren wir sehr motiviert. Dann gab es das glückliche 1:1 gegen Plattenhardt, das sich die Mannschaft aber erarbeitet hat. Das war noch mal ein neuer Antrieb. Die Pleite gegen Münchingen war dann nicht so tragisch.
Und wann kam der erste Knacks?
Das war das 2:2 gegen den SB Asperg. Und dann in Ludwigsburg nach 2:0-Führung in der Schlussphase noch 2:2 zu spielen, war auch nicht hilfreich. Es war ständig sehr viel Motivationsarbeit nötig. Aber das Gefühl zuhaben, ‚heute gibt’s eine Packung, hoffentlich nicht so hoch’, das war niemals da.
Zumal rein rechnerisch bis kurz vor Ende noch alles – oder vieles – drin war.
Genau. Das hat uns am Leben gehalten. Und ich habe auch immer versucht, den Druck rauszunehmen. Aber am Ende wurde es auch personell ziemlich eng. Und wenn man in der Regionenliga eben 22 Spiele hat anstatt zwölf in der Bezirksliga, ist das eben ein Unterschied. Aber noch mal: Es haben sich alle reingehängt. Schade, dass das nicht von Anfang an geklappt hat.
Was nehmen Sie denn nun mit aus Ihrer Zeit als Trainer der SVK-Frauen?
Vieles, sehr vieles sogar. Diese Zeit hat mich geprägt. Ich habe, inklusive Jugendspielerinnen, zwischen 40 und 50 verschiedene Mädchen und Damen trainiert, habe verschiedene Charaktere mit all ihren Macken kennengelernt. Man ist in der Jugend da fast wie eine Art Streetworker, der mit den Kids arbeitet. Ich habe auch viele andere tolle Menschen im Verein kennengelernt. Ich empfinde große Dankbarkeit. Ich muss ja zugeben, dass ich, als ich jünger war, Frauenfußball überhaupt nicht mochte. Mittlerweile hat sich das natürlich geändert, auch durch die gute Entwicklung, die er auch im Amateurbereich genommen hat. Und noch eins: Auch meine Frau habe ich dadurch besser verstehen gelernt.
Inwiefern?
In Bezug auf den Umgang mit zum Teil typischen weiblichen Verhaltensmustern. War nicht immer einfach bei 23 Spielerinnen im Kader.
Dass Sie voll beim SVK dabei waren, zeigte sich auch an Ihrem Rücktritt vom Rücktritt in der Winterpause. . .
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Familie wirklich vernachlässigt. Meine Frau hat das Thema Fußball gehasst. Dementsprechend angefressen war ich dann selbst. Ich habe entschieden, dass die Familie vorgeht. In meinem Herzen wollte ich die Saison aber zu Ende bringen, zumal ja klar war, dass ich nach Ende der Spielzeit gehe. Aber Abteilungsleiter Ralf Albrecht hat in der Winterpause keinen neuen Trainer gefunden. Er wollte ohnehin, dass ich bleibe.
Und die Familie?
Als meine Frau gemerkt hat, dass ich ohne Fußball noch mehr leide, hat sie gesagt, dass ich weitermachen soll. Wir haben uns dann zusammengesetzt und einen Plan gemacht. Ich habe zum Beispiel das Freitagstraining alle zwei Wochen an meinen Co-Trainer Michele La Greca abgegeben. So hat es funktioniert und dafür bin ich meiner Familie und Michele sehr dankbar.
Wie fanden die Spielerinnen das Hin und Her?
Einige haben es nicht verstanden, dass ich in der Winterpause gegangen bin – und noch weniger, dass ich dann wieder gekommen bin. Ich habe es Ihnen aber nicht übel genommen, da sie meine private Situation nicht verstehen konnten, da sie keine Kinder haben. Andere wiederum, ich denke, die Mehrheit, haben sich gefreut, dass ich wieder da bin.
Ist jetzt wirklich Pause angesagt? Sie waren ja auch als Trainer einer zweiten Männermannschaft im Gespräch.
Es gab die Abmachung mit meiner Familie: Pause. Aber dann habe ich gedacht, jetzt ist alles so leer, so ohne Fußball. Klar, ich spiele nun bei der AH des SVK, aber es war ein komischer Gedanke, kein Trainer mehr zu sein. Und bei einer zweiten Herrenmannschaft wäre es ein perfekter Einstieg gewesen. Der Vorsitzende hat auch Interesse bekundet. Aber es ging nicht. Die Familie wünscht sich die Pause. Also war für mich klar, dass ich absage. Der Vorsitzende hatte da auch vollstes Verständnis dafür, das fand ich toll.
Sie scheinen ja fast schon besessen vom Trainerjob zu sein. . .
In mir steckt natürlich immer der Fußballtrainer, ganz klar. Ich schaue auch im Fernsehen zum Beispiel nicht auf Tricks oder schöne Tore, sondern darauf, wie eine Mannschaft taktisch verschiebt. Das ist schon fast krankhaft bei mir. Aber ich habe ja noch viel Zeit. Denn: Ich bin noch jung. Auch das hat mir meine Frau beigebracht (lacht).
Sie haben schon vor langer Zeit geäußert, dass Ihre nächste Mannschaft auf jeden Fall ein Männerteam werden wird. Warum?
(überlegt lange) Bei Frauenteams gibt es vor allem eine Herausforderung: Wie finde ich das richtige Training? Da sind Spielerinnen dabei, die schon seit Jahren aktiv sind oder schon höherklassig gespielt haben, aber auch Quereinsteigerinnen. Man ist froh, wenn man überhaupt genügend Spielerinnen hat. Jedenfalls: Man muss einen Mittelweg finden. Es darf die Älteren und die besser veranlagten Spielerinnen nicht langweilen, die anderen müssen aber auch mitkommen.
Und das hat bei Ihnen gut geklappt?
Naja, oft merkt man eben doch, dass es nicht klappt. Das ist dann schwierig. Und dann hadert man und sagt sich, dass das doch irgendwie gehen muss.
Und bei den Herren?
Die sind ja alle jahrzehntelang in Jugendmannschaften ausgebildet worden, das ist eben eine andere Art des Fußballs. Aber ich habe mich der Herausforderung Frauenfußball gestellt, und ich habe das, glaube ich, gar nicht mal so schlecht gemacht.
Sie bleiben dem SVK aber in der AH erhalten. Fühlt man sich mit 33 schon wie ein alter Herr?
Davon träumt doch jeder aktive Fußballer: ohne Leistungsdruck zu kicken. Ich habe ja wegen einer schweren Verletzung mit 27 Jahren aufhören müssen. Das Lustige ist, dass ich einen großen Teil des Teams dort schon lange kenne. Sven Bemmerle zum Beispiel, Bernhard Gromann, Stefan Owczerzak, Ralf Schilling, Michael Ergenzinger, Oliver Otterbach, Michael Rupp, und wie sie alle heißen. Mit ihnen habe ich meine gesamte Jugendzeit beim FV Salamander Kornwestheim verbracht. Das ist nun eine klasse Sache.