Fußball/Handball Schiris gesucht: Vereine pfeifen aus dem letzten Loch

Von
Händeringend gesucht: Schiedsrichter Foto:  

Kornwestheim - Es ist eine Szene, wie sie auf den Sportplätzen tausendfach an jedem Wochenende vorkommt. Der Schiedsrichter pfeift, und am Spielfeldrand hinter den Absperrungen gehen die Zuschauer auf die Barrikaden. Selbst für Nichtigkeiten. Ein nicht gegebener Einwurf – und die Emotionen kochen hoch. Es fallen Schimpfwörter, es wird beleidigt. Auch auf dem Platz gehören abfällige Gesten in Richtung des Unparteiischen längst zum gewohnten Bild. „Das“, sagt Michael Heck, „ist ein Grund dafür, warum es keiner mehr machen will.“ Schiedsrichter seien „immer nur der Depp“, so der stellvertretende Vorsitzende des Fußball-Bezirk Enz/Murr. Der Respekt für die Aufgabe fehle neben und auf dem Platz. Das zeige auch die Tatsache, dass sich Sportgerichte immer mehr mit verbalen oder sogar körperlichen Auseinandersetzungen beschäftigten.

Daniel Mössinger, Obmann der Schiedsrichter-Gruppe Ludwigsburg, schlägt Alarm: „Die Anzahl der aktiven Schiedsrichter im Bezirk Ludwigsburg ist in den vergangenen drei Jahren um zwölf Prozent geschrumpft.“ Bereits in der vergangenen Saison sei die Gruppe nicht mehr in der Lage gewesen, alle B- und C-Juniorenspiele mit Schiedsrichtern zu besetzen. „Ein Trend, der sich in der kommenden Saison fortsetzen wird“, so Mössinger.

Fehlende Wertschätzung sei aber nicht der einzige Grund, warum immer weniger junge Menschen dazu bereit seien, an den Wochenenden zur Pfeife zu greifen, meint Michael Heck. „Es gibt mehr Möglichkeiten. Das Leben findet nicht mehr nur auf dem Fußballplatz statt.“ Und: Ehrenamtliche würden ja ohnehin überall gesucht. Zwar habe der Verband die Aufwandsentschädigungen vor nicht allzu langer Zeit um 50 Prozent aufgestockt, wirklich geholfen habe das aber nicht. „Mehr als ein Taschengeld ist das nicht.“ Hinzu kämen Schulungen und Prüfungen, die man als Schiedsrichter zu besuchen und zu bestehen habe. „Da braucht es viel Passion“, so Heck. Und die habe der Nachwuchs offenbar nicht.

Daniel Mössinger sieht das Problem auch auf Vereinsseite. „Alle Vereine gehen selbstverständlich davon aus, dass zu ihren Spielen Schiedsrichter kommen werden. Wir stoßen inzwischen aber immer stärker auf Desinteresse der Vereine. Häufig ist zu hören: ‚Wir finden eben keinen, der pfeifen will!’“. Mössinger spricht den Clubs sogar „ernsthafte Bemühungen“ ab.

Dass es schwierig ist, pfeifenden Nachwuchs zu akquirieren, bestätigt Uwe Sülzle, Abteilungsleiter Fußball beim SV Kornwestheim. Der SVK stellt momentan zwei Schiedsrichter und eine Schiedsrichterin, zudem befinden sich zwei Jugendliche in der Ausbildung. „Wir sind uns des Problems bewusst“, sagt Sülzle. Der Verein versuche vor allem diejenigen zu überzeugen, die im Fußball keine große Zukunft haben. „Aber wenn es spielerisch nicht reicht, machen die oft einfach einen anderen Sport.“

Der SVK erreicht das Schiedsrichter-Kontingent, dass er eigentlich stellen müsste, übrigens nicht. Der SV Pattonville entsendet erst gar keinen Schiedsrichter. Und dafür werden die beiden Clubs zur Kasse gebeten. Michael Heck nennt es ein „Bonus-Malus-System“. Für jede Mannschaft, die ein Verein von der C-Jugend aufwärts meldet, muss er einen Schiedsrichter stellen. Für jeden Unparteiischen zu wenig fallen im Herren-, Senioren- und Freizeitliga-Bereich 100 Euro an, bei den Frauen sowie den A- und B-Junioren 50 Euro. Der sich so ergebende Betrag wird multipliziert mit Faktoren, die abhängig von der Gesamtzahl der gestellten Schiedsrichter des Vereins sowie der Ligazugehörigkeit der ersten Herrenmannschaft sind. „Vielen Vereinen ist das aber egal“, sagt Heck. Er schätzt, dass etwa die Hälfte der Clubs die Auflagen nicht erfüllen.

Das Problem hat der Fußball übrigens nicht exklusiv. Die Handballvereine klagen auch. „Das ist wirklich sehr, sehr schwierig“, klagt Benjamin Schwaderer, der bei den Handballern des SVK für das Schiedsrichterwesen verantwortlich ist. Er führt ähnliche Gründe wie seine Fußballkollegen an: „Wenn ich sehe, was teilweise schon in der D-Jugend reingebrüllt wird, da ist es schwierig den Jungen zu vermitteln: Komm, das macht voll Spaß.“ Auch im Handball gibt es Kontingente, die die Vereine erfüllen müssen. Die 15 Schiedsrichter, die der SVK stellen muss, schafft er gerade so. Ob ein Verein die Bußgelder zahlen wolle, sei jedem selbst überlassen. Der SVK jedenfalls wolle die Auflagen erfüllen, so Schwaderer. „Wir gehen jedes Jahr in alle Mannschaften und werben. Die wissen schon, was wir erzählen.“ Und: Auch die Handballer setzen auf „Aussteiger“.

In den unterklassigen Ligen – bei den Herren bis zur Kreisliga A, bei den Frauen bis zur Bezirksliga, teilweise sogar in der Landesliga – wird im Handball nur ein Schiedsrichter eingesetzt. Solange überhaupt noch jemand pfeife, schade das dem Spiel nicht, sagt Schwaderer.

Hansjörg Arnold, Bezirksvorsitzender des Fußball-Bezirk Enz-Murr warnt vor diesem Szenario: Wenn es keine Schiedsrichter mehr gibt, könnte es wieder soweit kommen, dass er von der Heimmannschaft gestellt wird. „Das will man doch nicht, oder?“, fragt Arnold.

Artikel bewerten
0
loading
 
 

Sonderthemen