Fußball„Ich werde hier nicht überall Buddhas aufstellen“

Marius Venturini, vom 18.04.2017 00:00 Uhr
Coacht in der neuen Saison den SVK: Sascha Becker Foto: Marius Venturini
Coacht in der neuen Saison den SVK: Sascha BeckerFoto: Marius Venturini

Kornwestheim/Fußball - Der neue Mann an der Seitenlinie des SV Kornwestheim heißt von der kommenden Saison an Sascha Becker. Das Traineramt beim Bezirksliga-Spitzenreiter ist die erste Station bei einer Aktivenmannschaft für den 33-Jährigen. Im Interview gibt der frühere Torspieler Einblicke in sein Verständnis von Fußball und die Kaderplanung, außerdem tut er seine Sicht auf das große Erbe kund, das er in Kornwestheim antreten wird.

Herr Becker, zu Beginn mal ganz plump gefragt: Wie kam der SVK denn eigentlich ausgerechnet auf Sie?
Für diese Frage bin ich vielleicht der falsche Ansprechpartner (lacht). Aber Spaß beiseite: Ich habe das mit der Trennung von Markus Fendyk mitbekommen, war aber relativ weit vom Geschehen hier weg. Bekannt war mir neben einigen Spielern natürlich die Tabellensituation. Aus der Ferne war ich etwas überrascht von diesem Schritt. Den Grund, einen neuen Impuls setzen zu wollen, kann ich jedoch nachvollziehen. Was meiner Meinung nach sehr für den Verein spricht, ist, dass man auch in der Abstiegssaison am Trainer festgehalten hat. Das ist heute auch im Amateurfußball keinesfalls selbstverständlich.
Und dann haben Sie sich einfach so beworben?
Einige Wochen später gab es dann den ersten losen Kontakt mit Abteilungsvorstand Uwe Sülzle, worauf ein Telefonat mit dem Sportlichen Leiter Bernhard Plitzner folgte, man sich auf einen Kaffee getroffen und über dies und das gesprochen hat, stundenlang über Fußball, aber auch Privates. Wenige Tage danach gab es ein weiteres Treffen in größerer Runde, und da hat alles gut gepasst. Per Handschlag wurde es dann besiegelt. Und überlegen musste ich nun wirklich nicht lange.
Hat sich Ihr bisheriger Verein, die Sportvg Feuerbach, auch um Sie bemüht?
Ich hätte auch dort bleiben können, hatte aber noch nicht für die nächste Saison zugesagt. Das Gesamtpaket beim SV Kornwestheim ist ideal, um als junger Trainer loslegen zu können. Dann hoffentlich in der Landesliga.
Es wird Ihre erste Station als Aktivencoach sein, momentan trainieren Sie die U 17 der Sportvg. Sind Sie schon auf die Unterschiede gespannt? Vielleicht sogar nervös oder aufgeregt?
Also ehrfürchtig oder ängstlich bin ich überhaupt nicht (lacht). Ich fühle mich gut, weil ich von der Sache überzeugt bin. Ich habe mit Gerlingen, Ingersheim oder 07 Ludwigsburg 2 auch in dieser Liga gespielt, ich kenne die Spielklasse also sehr gut und weiß, auf was es ankommt. Ich bin bis in die Haarspitzen motiviert, die Vorfreude ist riesig. Schade nur, dass es bis zum Sommer noch so lang ist.
Klar ist aber auch: Es ist kein leichtes Erbe, das Sie da antreten, schon gar nicht, wenn Markus Fendyk mit der Mannschaft zum zweiten Mal den Aufstieg in die Landesliga schafft. Denken Sie darüber manchmal nach?
Ich vergleiche mich selbst nicht mit anderen Trainern, auch jetzt bei der U 17 nicht. Dort war mein Vorgänger auch erfolgreich. Vergleiche stelle ich übrigens auch nicht im Berufs- oder Privatleben an. Da eifert man vielleicht etwas oder jemandem nach, was am Ende möglicherweise nicht zielführend ist. Die Arbeit, die Markus Fendyk hier leistet und geleistet hat, spricht für ihn. Ich kenne ihn ja auch persönlich. Und was ich auch sehe: Hier im Verein wird man nicht gleich nervös, wenn man mal schlecht in die Runde startet. Man bekommt die Zeit. . .
Wenn man sie braucht . . .
Wenn man sie braucht, ganz genau.
Nun sind Sie zu Ihrer aktiven Zeit Torhüter gewesen. Hat man da einen anderen Blick auf die Dinge als jemand, der früher Feldspieler war?
Der Vorteil als Torspieler: Man sieht von hinten sehr gut, was die Mannschaft macht. Und man kann und soll da auch verbal einen großen Einfluss nehmen, um die Vordermänner zu unterstützen. Das kann man auch von der Seitenlinie aus machen. Man muss sich nicht gleichzeitig darauf konzentrieren, einen Ball zu stoppen. Ich bin jetzt gerade auch etwas heiser, weil ich heute Vormittag beim Spiel meiner Feuerbacher Mannschaft 80 Minuten lang lautstark Anweisungen gegeben habe (lacht).
Sie vermitteln also Ihre Spielphilosophie auch lautstark während des Spiels. Wie sieht diese Philosophie denn aus? Gibt es überhaupt eine?
Das Wichtigste ist, dass wir aktiv sein müssen, auch wenn der Gegner den Ball hat. Wir entscheiden, wo der Gegner den Ball hin spielt. Wie in einer Excel-Tabelle mit Wenn-Dann-Funktion. Bei Ballgewinn muss sofort der Pass in die Tiefe kommen. Und diese Balleroberungen sollen im Idealfall nicht erst am eigenen Sechzehner stattfinden. RB Leipzig ist da ein Extrembeispiel aus der Bundesliga. Was die fußballerisch beziehungsweise taktisch machen, finde ich imposant. Und solche Mechanismen werden wir üben.
Sie sind in der vergangenen Woche Ihrem neuen Team vorgestellt worden. Welchen Eindruck haben Sie von der Mannschaft dabei gewonnen?
Es war natürlich erst einmal die Situation: Da kommt jetzt ein Neuer. Grundsätzlich habe ich aber den Eindruck, dass die Chemie in der Truppe stimmt. Sehr positiv war, dass die Spieler sehr aufmerksam waren und auch Fragen gestellt haben. Da war großes Interesse da – also nicht, dass sich alle angeschaut haben und keiner etwas sagen wollte (lacht). Eine Großveranstaltung war’s natürlich auch nicht, bei der schon so richtig ins Detail gegangen wurde. Denn eines ist auch klar: Die Jungs haben momentan eine klare Aufgabe, sie sollen das machen, was Markus Fendyk von ihnen verlangt. Da will ich nicht dazwischenfunken. Es war also eine eher lockere Vorstellungsrunde. Ich habe der Mannschaft aber auch gesagt, dass ich sicher nichts à la Jürgen Klinsmann machen werde und hier überall Buddhas aufstelle (lacht).
Wann fängt dann die konkretere Vorbereitung an?
Jetzt geht es los mit Spielergesprächen. Zweimal pro Woche werde ich hier vor Ort sein, da wird es auch mal Mitternacht werden, bis ich nach Hause komme. Klar ist aber: Wir setzen auf den Kern der jetzigen Mannschaft. Hier wurde etwas aufgebaut, und darauf werden wir weiter aufbauen. Natürlich braucht es Neuzugänge, sowohl für die Breite des Kaders als auch für die Qualität, damit uns bei einem kleinen Kader nicht irgendwann die Luft ausgeht.
Sie sprechen von ‚wir’. Derzeit ist Offensivmann Predrag ‚Pele’ Sarajlic als spielender Co-Trainer aktiv. Werden Sie mit ihm zusammenarbeiten?
Es gibt kurzfristig Gespräche mit ihm, und ich selbst bringe meinen aktuellen Co-Trainer nicht mit. Das ist der momentane Stand. Aber ich kenne Pele Sarajlics Pläne auch noch nicht.
Noch sind Sie aber Jugendtrainer in Feuerbach. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie auch hier in Kornwestheim auf eine gewisse Durchlässigkeit vom Jugend- in den Aktivenbereich pochen.
Das ist natürlich mit eine der Aufgaben, dass eigene, junge Spieler eingebunden werden und sich entwickeln sollen. Natürlich ist es gut, wenn die Jugendmannschaften erfolgreich sind – wie beim SVK. Da ist die A-Jugend in der Leistungsstaffel ja momentan auf Aufstiegskurs. Auch die B-Junioren sind gut unterwegs. Das Ziel muss es sein, dass jedes Jahr mindestens zwei A-Jugendliche in die erste Mannschaft integriert werden. Und wenn es mal mehr Topleute mit Potenzial gibt, dann gerne auch mehr. Ich wäre auch nicht zu einem Verein gegangen, der keine Jugend hat. Der Unterbau muss stimmen, in allen Nachwuchsbereichen.
Sie werden sich nun mit Sicherheit einige SVK-Spiele ansehen oder haben dies bereits getan. Haben Sie schon erste Erkenntnisse gesammelt?
Ja, beim Auswärtsspiel in Münchingen war ich zum Beispiel dabei und die erste Halbzeit des Spiels gegen Lomersheim habe ich auch gesehen. Auf FuPa kann man ja auch Videos von einzelnen Spielszenen anschauen. Erkenntnisse gibt es schon, nur werde ich jetzt hier keine Spielanalyse betreiben. Was man mit Blick auf die Torjägerliste sagen kann: Man ist sicher in einer gewissen Weise abhängig von einigen wenigen Spielern. Das will ich angehen. Momentan, in meiner U 17, sind es inklusive unserem Torjäger fünf bis sechs Leute, die regelmäßig treffen. Natürlich darf ein Dominik Janzer auch nächstes Jahr 20 Tore schießen. Und ich werde es auch gar nicht an einem bestimmten Spielsystem festmachen. Wichtig ist mir, dass die Mannschaft im Spiel von System zu System wechseln kann, wobei ich an keinem bestimmten hänge. Es muss zur Mannschaft passen. Und manchmal auch zum Platz.
Da passt die abschließende Frage ja perfekt, und sie wird Ihnen beim SVK das ein oder andere Mal begegnen: Kunstrasen oder Rasen?
Rasen. Fußball ist immer ein Rasensport. Das gehört für mich dazu. Auch wenn die neuen Kunstrasen immer besser werden. Wenn man grätscht, muss man auch dreckig werden.