Fußball Von Erstliga-Fußball und Café-Kultur

Marius Venturini, vom 06.07.2018 13:18 Uhr
Das waren noch Zeiten: 1999 spielt der TSC im WFV-Pokal gegen die VfB-Amateure. Foto: Archiv/Baumann
Das waren noch Zeiten: 1999 spielt der TSC im WFV-Pokal gegen die VfB-Amateure. Foto: Archiv/Baumann

Kornwestheim - Der 18. Juli 2009 dürfte für immer einen ganz besonderen Platz in den Geschichtsbüchern des Türkischen Sportclubs Kornwestheim einnehmen. Im Stadion an der Jägerstraße traten die beiden türkischen Erstligisten Antalyaspor und Eskisehirspor gegeneinander an. Beide Vereine weilten gerade im Trainingslager in Deutschland – und der damalige TSC-Vorsitzende Mustafa Temel setzte alle Hebel in Bewegung, um das Freundschaftsspiel zwischen den beiden Teams in Kornwestheim steigen zu lassen. Rund 500 Zuschauer verfolgten das Ganze. „Einer der absoluten Höhepunkte in der TSC-Geschichte“, erinnert sich Temel. Der 58-Jährige stammt selbst ursprünglich aus Eskisehir und ist heute Ehrenpräsident des Türkischen Sportclubs.

Gemeinsam mit Hakan Ayan, derzeit zweiter Vorsitzender, lässt er anlässlich des 40-jährigen Bestehens des TSC die Geschichte des Vereins Revue passieren. Los ging’s mit der Gründung in der zweiten Hälfte des Jahres 1978 durch Nihat Turup, Mehmet Inekci, Abdulkadir Ünlü, Hasbi Cakici, Niyazi Sembak, Hilmi Senol, Hasan Coskun, Bahattin Yesil und Ali Aslan. „Das war die erste Generation Gastarbeiter“, weiß Mustafa Temel, „und wir wollten eben Fußball spielen.“ Ins Vereinsregister eingetragen wurde der TSC schließlich exakt am 15. Januar 1979.

Von diesem Zeitpunkt an spielte der Verein mit zwei Teams in der türkischen Liga Baden-Württemberg. „Sowas gab’s damals noch“, sagt Temel, der im Alter von 16 Jahren begonnen hatte, bei Salamander zu arbeiten. Man habe allerdings zu den Spielen weit fahren müssen. 1983 verpasste der TSC die Meisterschaft nur knapp. Ab 1987 trat er mit zwei Mannschaften in der Kreisliga B des Württembergischen Fußballverbandes (WFV) an – mit Erfolg.

Denn mittlerweile stehen sechs Meisterschaften von der Kreisliga C bis zur Kreisliga A in den Büchern. In der Saison 1999/2000 verpassten die Kornwestheimer als Dritter der Bezirksliga knapp den Sprung in die Landesliga. In jener Spielzeit gab es bereits einen ersten Höhepunkt in der Vereinshistorie, diesmal mit direkter TSC-Beteiligung. In Runde 2 des WFV-Pokals, für den sich die Türken als Bezirkspokal-Finalist qualifiziert hatten, hieß der Gegner VfB Stuttgart Amateure. Tausende Zuschauer verfolgten im Stadion die Partie gegen die Elf von Trainer Rainer Adrion. „Wir haben zwar 1:7 verloren“, erinnert sich Mustafa Temel, „aber schön war das trotzdem.“ Derzeit spielt der TSC in der Kreisliga A 2.

Weniger prickelnd im Gedächtnis geblieben sind die ständigen Umzüge des Vereinsheims. Seit zwei Jahren operiert man nun im Kulturzentrum in der Aldinger Straße. Allerdings hat Mustafa Temel über die Jahre festgestellt: „Eine Café-Kultur im Vereinsheim gibt es nicht mehr. Mal eine Partie Karten oder Domino? Das kennen die Jüngeren gar nicht mehr.“

Dafür will sich der TSC, der sich immer mehr auch nicht-türkischen Kickern öffnet, nun weiteren Themen zuwenden. „Wir wollen zum Beispiel das Thema Flüchtlinge angehen. Sie sollen auch bei uns spielen“, informiert Hakan Ayan. Aber aufgrund der „sportlichen Ereignisse“ habe man das noch nicht so verwirklichen können wie gedacht. „Sportliche Ereignisse“. Dazu zählen etwa die lange Sperre für Stürmer Alparslan Akdemir nach dessen Komplett-Ausraster im Spiel im November 2017 gegen Heimsheim. Dem folgte Unruhe in der Mannschaft. „Das hat in meinen Augen eine deutlich bessere Saison verhindert“, so Ayan. Und Temel, TSC Vorsitzender bis 2015 und von 1987 bis zu dessen jüngster Umstrukturierung auch im Ausländerbeirat der Stadt dabei, fügt hinzu: „Man macht jahrelang was, und dann kommt sowas. Das tut weh.“ Allerdings sei die Sache nun erledigt.

Mittelfristig plant der TSC eine eigene Jugendarbeit. „Das ist aufwendig, keine Frage, aber wir haben ein Konzept und die Kapazität“, bekräftigt Ayan.

Zur Feier des 40-jährigen Bestehens gibt es an diesem Wochenende überdies ein großes Fußballturnier. Und um zum Schluss das Großereignis-Triple voll zu machen: In der Saison 1990/1991 gab es zu Ostern ein Freundschaftsspiel in der Türkei gegen den damaligen Erstligisten Zeytinburnuspor. Man darf gespannt sein, welche großen Namen in Zukunft warten.