Kornwestheim 110 gewählt – und vor Gericht gelandet

Werner Waldner, vom 12.06.2018 09:00 Uhr
Gerichtsprozess. Foto: dpa
Gerichtsprozess. Foto: dpa

Kornwestheim - Es war der 11. November des vergangenen Jahres. Um 3.37 Uhr ging bei der Polizei der Notruf ein. An der Strippe: ein alter Bekannter, der regelmäßig die 110 wählt, weil er wegen der Kneipe im Erdgeschoss keine Ruhe findet. Auch in dieser Nacht beklagt er sich in harschen Worten über die Störung. Beamte des Polizeireviers Kornwestheim rücken mal wieder aus und müssen feststellen: Die Gaststätte hat geschlossen.

Wegen dieses einen Anrufs erhielt der 54-jährige Kornwestheimer einen Strafbefehl über 3000 Euro. Man warf ihm vor, sich des Missbrauchs von Notrufen schuldig gemacht zu haben. Er legte Widerspruch ein – und fand sich nun vor dem Amtsgericht Ludwigsburg wieder. Der Erfolg ist aus seiner Sicht nur mäßig. Das Amtsgericht reduzierte die Strafe lediglich um 500 Euro, weshalb der 54-Jährige ankündigte, in die nächste Instanz zu gehen. Denn eines machte er in der Verhandlung mehr als einmal deutlich: Er fühlt sich zutiefst ungerecht behandelt.

Was hat er nicht schon alles gemacht, um gegen die Kneipe vorzugehen. Er hat das Ordnungsamt eingeschaltet, er hat mit dem Regierungspräsidium Kontakt aufgenommen, und immer wieder hat er die Polizei angerufen – mal direkt im Revier in Kornwestheim, mal den Notruf 110, weil er sich von den hiesigen Beamten nicht ernst genommen fühlte. „Die Kornwestheimer Polizei, die macht da gar nichts“, berichtete er aufgebracht der Richterin. Und außerdem: Er leide ja Not, weshalb er den Notruf wählen dürfe. Der selbstständige Handwerker schaltete auch einen Privatdetektiv ein, der ihm für einen fünfstelligen Betrag eine DVD produziert habe, in der die nächtlichen Ruhestörungen gut nachzuvollziehen seien. Er habe schon, so der 54-Jährige, Aufträge im Wert von rund 20 000 Euro verloren, weil er immer so müde sei und nicht mehr konzentriert arbeiten könne. Den Polizeibeamten in Kornwestheim ist der Mann bestens bekannt. Von „unheimlich vielen Einsätzen“ berichtete ein Polizist im Zeugenstand. Zigfach sei er zur Stuttgarter Straße ausgerückt – und nur einmal habe man gegen den Wirt einschreiten müssen. Man habe sich auch teils von hinten der Kneipe angenähert, um nicht gleich mit dem Polizeiauto aufzufallen. Das Ergebnis sei jedes Mal das gleiche gewesen: Von nächtlicher Ruhestörung keine Spur. Mehrfach, so der Polizeibeamte, habe man den Kornwestheimer darauf hingewiesen, dass er nicht mehr die 110 anrufen solle, weil er damit eine Leitung blockiere. Der Erfolg: gleich null. „Er wusste, dass ihm eine Anzeige droht.“

Von lauter Musik und lauten Gesprächen vor der Tür der Kneipe berichten indes auch andere Bewohner des Hauses. Eine 60-jährige Frau, die mittlerweile umgezogen ist, schilderte, dass es „andauernd laut“ gewesen sei. Auch sie habe mehrfach die Polizei angerufen.

Nach dem Urteilsspruch schimpfte der Angeklagte wie ein Rohrspatz. „Ich leide und werde noch bestraft“, sagte er zur Richterin. Die hatte einen Ratschlag, der dem 54-Jährigen überhaupt nicht gefiel: „Ich kann Ihnen nur empfehlen, wegzuziehen.“