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Kornwestheim Abschied von einem Charakterkopf

Susanne Mathes, vom 28.12.2015 19:00 Uhr
2011 wurde Dieter Wanner aus dem Gemeinderat verabschiedet. Von Landrat Rainer Haas erhielt er dabei die Verdienstmedaille des Landkreises. Foto: Archiv/Kiefer
2011 wurde Dieter Wanner aus dem Gemeinderat verabschiedet. Von Landrat Rainer Haas erhielt er dabei die Verdienstmedaille des Landkreises. Foto: Archiv/Kiefer

Kornwestheim - Der Abschied von seinem Steckenpferd, der Kommunalpolitik, war ein unfreiwilliger gewesen: Ein Herzinfarkt und ein Schlaganfall hatten Dieter Wanner im Jahr 2010 niedergestreckt. Damals sprang er dem Tod von der Schippe, hoffte auf Besserung, wollte in seiner Kanzlei und im Gemeinderat weitermachen. Jetzt ist die Stadt endgültig um den engagierten, streitbaren Charakterkopf ärmer: Am Montag starb Dieter Wanner 68-jährig nach schwerer Krankheit.

Schon von jungen Jahren an hatte sich Dieter Wanner für die Belange der Kornwestheimer eingesetzt, bereits als Schüler war er im Politischen Arbeitskreis Oberschule aktiv. Willy Brandt in Berlin und Bodo Kernbach in Kornwestheim waren es, die den jungen Mann für die Sozialdemokratie begeisterten: Er trat 1965 in die SPD ein. Auch während seines Jura-Studiums in Tübingen machte er sich für Kornwestheim stark – etwa als Vorsitzender des Jugendzentrums-Vereins, dessen Initiative es zu verdanken war, dass im Januar 1973 das erste Juz eröffnete. Mitten in der Stadt war das damals, am Jakob-Sigle-Platz. 1974 kam Wanner in den Gemeinderat, 1983 forderte er Oberbürgermeister Ernst Fischer als Gegenkandidat heraus, unterlag aber.

Weil er Anfang der 90er Jahre die Position der SPD zur Vereinsförderung nicht mittragen wollte, verließ Wanner, der als Rechtsanwalt mit Kollegen eine Kanzlei am Jakob-Sigle-Platz führte, Fraktion und Partei und fand schließlich bei den Freien Wählern seinen Platz. Deren Unabhängigkeit schätzte er über alles. Einmal bezeichnete er sie gar als sein „Lebenselixier“.

Lange Jahre wirkte Dieter Wanner bei der Wählervereinigung als Fraktionsvorsitzender. Rhetorisch war er eine Nummer: Andersmeinende, gegen die er anwetterte, mussten sich manchmal warm anziehen, wenn er seine Wortkanonaden abfeuerte. Einstecken konnte Wanner aber ebenfalls, und der Schalk war ihm immer wieder verlässlicher Wegbegleiter.

Mal ätzend, mal süffisant, mal provozierend, auch polarisierend: Langeweile kam bei den Redebeiträgen von Wanner, der sich bei der Oberbürgermeisterwahl 2007 als einer von wenigen für den damaligen Amtsinhaber Dr. Ulrich Rommelfanger stark machte, nie auf. Über den Kornwestheimer Tellerrand guckte der Freie-Wähler-Fraktionsvorsitzende überdies 17 Jahre lang als Kreisrat hinaus. Weiterreichende politische Ambitionen hegte er hingegen nicht: Er wollte vor Ort wirken.

Auch außerhalb der kommunalpolitischen Pfade hinterließ Wanner für seine Stadt Spuren: so bei der Eisenbahner-Sportgemeinschaft (ESG), deren Fußballabteilung er früher geleitet hatte. Gegen den ESG-Zusammenschluss mit TVK und FVK, der für ihn mit einem Identitätsverlust einherging, sprach sich Wanner mit Vehemenz aus. Er fürchtete, der Fußball werde angesichts so dominanter Sportarten wie Handball, Eishockey oder Leichtathletik nur noch fünftes Rad am Wagen sein. Als die Fusion dann doch kam, trat er aus dem Großverein aus. Erhalten blieb er hingegen den Naturfreunden. Und beim Akkordeonorchester war er nicht nur lange Jahre Vorsitzender, sondern auch feste Größe. Mit seiner Quetschkommode trat er immer wieder in Erscheinung – zum Beispiel bei den städtischen Altenfeiern.

Auch nach dem Umzug ins Sigle-Heim nahm der schwer Gezeichnete, soweit es ihm möglich war, noch am öffentlichen Leben teil. Und auch mit „seiner“ Kornwestheimer Zeitung hielt Wanner Kontakt: Was in der Stadt passierte, war ihm bis zum Schluss eine Herzensangelegenheit.