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KornwestheimAlles schläft, einsam wacht . . .

Gaby Mayer, vom 23.12.2012 20:00 Uhr
Weihnachtssterne waren mal. Im Gewächshaus sammeln schon Osterglocken und Narzissen Energie. Foto: Kiefer
Weihnachtssterne waren mal. Im Gewächshaus sammeln schon Osterglocken und Narzissen Energie.Foto: Kiefer

Kornwestheim - Während ringsherum alles schläft, wacht sie einsam. Keck reckt sie das kleine Gesicht in die Höhe, blickt über alle anderen hinweg, die – na klar – noch seelenruhig schlummern. „Die hat nicht richtig ausgeschlafen“, sagt Gottfried Spallek mit Blick auf die vorwitzige Narzisse, die bereits in voller Blüte steht. Als gelber Fleck ragt sie aus einem grünen Meer kleiner Pflänzchen heraus und tut so, als sei bereits Ostern.

In der Kornwestheimer Gärtnerei Klein ist es das eigentlich auch. Kaum hat sich die große Schiebetür zu den Gewächshäusern geöffnet, ist der kalt-graue Wintertag passé. Wer nicht wie Gottfried Spallek nur im Pullover zwischen den schier unendlichen Reihen kleiner Stecklinge unterwegs ist, knöpft flugs den Wintermantel auf. Vergessen sind beim Anblick Tausender Pflanzen und Blumenzwiebeln, dass es hohe Zeit ist, den Weihnachtsbaum zu schmücken – der Frühling ist angebrochen, mitten im Dezember. „Wir sind immer eine Saison voraus“, sagt Gottfried Spallek, Produktionsleiter in dem Unternehmen an der Solitudeallee. Ein bisschen ist es in der Gärtnerei also wie in einem Schuhgeschäft: Wenn draußen Glatteis herrscht, werden die Lager mit Sandalen gefüllt. Und wenn alle Welt in Flip-Flops durch die Straßen patscht, müssen fellgefütterte Stiefel her. In den Gewächshäusern zeigt sich diese verkehrte Welt so: Die buschigen Weihnachtssterne, die noch auf Käufer warten, machen in diesen Tagen Platz für Tulpen, Primeln, Narzissen. Die werden nicht erst im Frühjahr herangekarrt, wenn in Gärten und auf Balkons wieder Farbtupfer hermüssen. Sondern sie beginnen genau jetzt mit der Vorbereitung auf ihre Rolle als Frühlingsboten. Und wie ginge das besser als mit einem ausgedehnten Schönheitsschlaf?

Für den nehmen sich die Osterglocken richtig viel Zeit. 15 bis 16 Wochen tanken sie Energie, und das am liebsten gut gekühlt. In der Natur stecken die Blumenzwiebeln in dieser Zeit ununterbrochen im frostigen Erdboden. Zwiebeln, die in landwirtschaftlichen Betrieben in Holland, Dänemark oder im Norden Deutschlands gezüchtet werden, durchlaufen diesen Prozess künstlich und mit Unterbrechung: Nach etwa sechs Wochen werden sie verpackt und in die Welt verschickt. Auch nach Kornwestheim. Dort werden sie mit Hilfe einer Maschine in Töpfchen mit Weißtorf, Kompost und Sand gesteckt – ein gemütliches und dank des Sandes vor allem trockenes und schimmelfreies Bett für die nächsten Wochen. „Bei uns schlafen sie dann noch rund neun Wochen weiter“, erklärt Gärtnermeister Spallek. Dafür gibt es in dem Betrieb eigene Kühlräume, in denen die Zwiebeln in Rollregalen dicht an dicht bei etwa neun Grad ruhen. Viele Pflanzen machen ihren Winterschlaf auch im Freien – je frostiger die Ruhezeit, desto gesünder die Pflanzen. „Sie werden buschiger, stärker“, erklärt Gottfried Spallek. Die Zellen der Pflanzen, die es zu warm hatten, „sind nicht kompakt, sondern lang gezogen und dünn“.

Haben die Jungpflanzen schließlich das richtige Alter erreicht, werden sie in ein Gewächshaus geschafft. Mit 18 Grad ist es dort angenehm warm – Aufwachtemperaturen für die Narzissen. Wenn sie genug geschlummert haben, ist das an den kleinen Knospen zu sehen, die aus dem Blattwerk empordrängen und in die speziellen Lampen blinzeln, die an der Decke angebracht sind. Ist der Schlafrhythmus durcheinandergekommen, macht sich das hingegen in übereifrigem Wachstum bemerkbar: so wie bei der vorwitzigen Osterglocke, die an diesem Weihnachtstag zu früh blühend alle überragt.Neben den Narzissen sind es vor allem Primeln, Tulpen und auch Schneeglöckchen, die jetzt zu Tausenden in den rund 12 000 Quadratmeter großen Glashäusern heranwachsen. In sattem Pink lugen die Blüten der Tulpen hervor, einige Schneeglöckchen, die im neuen Jahr als erste Frühblüher über den Ladentisch gehen werden, schimmern zartweiß. 2013 sind es genau diese beiden Farben, die im Trend liegen werden, weiß Gottfried Spallek. „Das ist wie bei Kleidung oder bei Autos“, sagt der 30-Jährige. Auch die Gärtnereien müssen mit der Mode gehen und auf die Nachfrage reagieren. Was gewünscht wird, erfahren die Gärtner von den Kunden im eigenen Laden oder den Händlern auf dem Großmarkt. Denn was in Kornwestheim wächst und gedeiht, wird in die ganze Region, nach Bayern und sogar bis nach Wien weitervertrieben.

Mehr als 150 verschiedene Kulturen werden in der Gärtnerei gezogen, doch trotz Großbetrieb sei die Produktion kein industrieller Vorgang, findet der Gärtnermeister. Kreativ sei sein Beruf, naturverbunden fühle er sich, „denn ich sehe die Dinge wachsen“. Seinen Arbeitsplatz, umgeben von sprießendem Grün und üppigen Blüten, wisse er sehr zu schätzen. Was ein Gärtnermeister vor allen Dingen braucht? Viel Fingerspitzengefühl, um die Pflanzen schädlingsfrei zu ziehen, sagt der 30-Jährige – und einen inneren Kalender, der ihm genau sagt, wann das Grün was braucht, um es passgenau in den Laden bringen zu können. Die Osterglocken sind jedenfalls genau im Zeitplan, sie werden im Frühjahr exakt dann erblühen, wenn es die Kunden wünschen. Zeit zum Durchatmen gibt es dann aber nicht. Während Tulpen und Primeln Gärten und Balkone schmücken, bricht in der Gärtnerei Klein der Winter an – mit der Weihnachtssternproduktion.

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