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Kornwestheim Als wären sie einem Traum entsprungen

Michael Bosch, vom 06.09.2018 18:05 Uhr
Trauriger Panda oder beleidigter Junge? Das Werk „Logpile Panda“ von Laura Ford. Foto: Michael Bosch
Trauriger Panda oder beleidigter Junge? Das Werk „Logpile Panda“ von Laura Ford. Foto: Michael Bosch

Kornwestheim - Für Saskia Dams war schnell klar, wen sie für ihre erste Ausstellung als Kuratorin in den Kleihues-Bau holen will. „Ich verfolge die Arbeit Laura Fords schon seit 2009“, sagt die neue Leiterin der städtischen Museen. Damals hatte sie in Bad Homburg bei einer Ausstellung der Altana-Kulturstiftung einen bronzenen Waschbären, der eine Mülltonne durchwühlt, gesehen – und der ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Deshalb galt einer ihrer ersten Anrufe, als sie im Juni die Nachfolge von Dr. Irmgard Sedler antrat, der Galerie Scheffel in Bad Homburg. Dass Christian Scheffel bereit war, 35 Werke aus seiner privaten Sammlung und dem Bestand der Galerie zu verleihen, sei „ein seltenes Glück“, sagt Dams und strahlt. Im Jahr 2005 war die Kunst der Waliserin auf der Biennale in Venedig vertreten, ihre Skulpturen sind heute in so bekannten Museen wie der Tate Gallery in London zuhause.

„Ohne die Hilfe der Galerie Scheffel wäre es nicht möglich gewesen, die Ausstellung in so kurzer Zeit auf die Beine zu stellen“, sagt Dams. Ein „kleines Wunder“, meint auch die Künstlerin. Als sie in Kornwestheim ankam, hatte Saskia Dams schon alles arrangiert. „Ich war sehr beeindruckt“, sagt Ford. „Normalerweise bin ich ein kleiner Kontrollfreak.“ Aber die Kuratorin habe tolle Arbeit geleistet. Mehr als 50 Zentimeter habe sie keine ihrer Plastiken verschieben müssen. So seien auch ganz neue Kombinationen und Verbindungen ihrer Werke entstanden, auf die selbst nie gekommen wäre. Dams nennt es einen „unglaublichen Vertrauensbeweis“, dass sie bei der Arbeit freie Hand gehabt habe. Die Besucher erwartet eine Reise in eine seltsame und gleichzeitig sehr reale Welt. Im Josef-Kleihues-Bau ist dann Platz zum Träumen, denn genau dazu regen Fords Mischwesen an. Das Thema Metamorphose ist allgegenwärtig. Mensch und Tier oder Mensch und Pflanze werden eins.

Von den eigenen Kindern inspiriert

Inspiriert sind die Skulpturen Laura Fords auch von ihren drei Kindern. Darin liege der Schlüssel, sagt Saskia Dams. Wer den Papagei („Parrot in a Tree“) auf seinem Baumstumpf sitzen sieht, die Beine baumeln lässig herunter, kommt nicht umhin, sich vorzustellen, dass das ein Junge ist, der seinem Spieltrieb nachgeht – und eben das passende Kostüm gewählt hat. Zwar seien ihre Kinder inzwischen aus dem Alter raus, aber sie habe ihnen immer gerne zugesehen, wenn sie sich verkleidet hätten, erzählt Ford. Als Kind habe sie es selbst geliebt, in andere Rollen zu schlüpfen. „Jedes Mal, wenn die Familie mit all den Cousinen und Cousins zusammenkam, wurde die Kleiderkiste hervorgekramt.“ Die Kindheitserinnerungen überträgt Ford nun in ihre Kunst.

Ihre Arbeiten haben fast durchweg eine spielerische Anmutung, holen den Betrachter aber auch immer in die Wirklichkeit zurück. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich eine sehr ernsthafte, manchmal auch düstere Seite. Zum Beispiel in der Arbeit „Bunny Boy“ von 2003. Unschuldig kniet ein Junge im blauen Anzug mit Puschelschwänzchen, Kapuze und Hasenohren auf dem Boden. Vornüber gebeugt, bohrt er die Ellbogen in den Boden. Was so harmlos, fast verletzlich erscheint, bekommt eine andere Note mit dem Sprengstoffgürtel, den der Junge um den Bauch geschnallt hat. Dass der vermeintliche Attentäter sich obendrein noch die Ohren – als hätte er Angst vor dem bevorstehenden Knall – zuhält, treibt die Absurdität auf die Spitze und verleiht der brutalen Realität auch wieder etwas Spielerisches. Fords Kunst kratze an der „magischen Grenze zum absurden Nonsense“, sagt Saskia Dams. Ganz harmlos kommt sie auch bei „Rocks in my pockets, devil on my back II“ daher: Ein Mädchen, das die Hände in den Rocktaschen von sich streckt, als wolle es sagen: „Ich habe nichts gemacht.“ Dass die Pose vielleicht auch eine verräterische Geste sein könnte, darauf deuten die Strumpfmaske und der kleine Teufel, der auf ihrer Schulter sitzt, hin.

Fords Skulpturen ermöglichen es dem Betrachter in sie „hineinzuspüren“, wie Saskia Dams es nennt – und das unabhängig von Bildungsgrad oder Alter des Betrachters. Dass die Ausstellung voller Geschichten stecke, sei wichtig für das Begleitprogramm, so die Museumsleiterin. Sie ist auch mit dem Ziel angetreten, das Museum wieder attraktiver für Kinder, Jugendliche und Familien zu machen. In Kooperation mit der Stadtbücherei wird es deshalb eine Geschichten-Erzählwerkstatt geben, bei der Kinder mit Kinderbüchereileiterin Susanne Kiesel die Ausstellung besuchen, außerdem gibt ist eine Taschenlampen- und eine Märchenführung mit Xenia Busam geplant.

Bäume erwachen zum Leben

Die britische Bildhauerin schaffe bei Kindern wie Erwachsenen gleichermaßen, „Gedankenräume zum Träumen und Nachdenken und ermöglicht es dem Betrachter, seine persönlichen Erfahrung instinktiv zu reflektieren und sich eigene Geschichten zu erzählen“, heißt es im Begleitheft zur Ausstellung. „Stories we tell ourselves“ als Titel lag also nahe. Saskia Dams beschreibt die Faszination der Skulpturen, für die Ford sich vielfältiger Materialen bedient – neben Bronze nutzt sie auch Stahl, Gips, Ton oder Polyesterharz und kombiniert diese gerne mit Textilien und Filz – mit ihrer „Vielschichtigkeit“. Deshalb fänden so viele Menschen einen Zugang zu Fords Kunst. Ist die Arbeit „Local weather“ ein Hans-guck-in-die-Luft? Den kennt fast jeder. Oder ist es doch nur eine Anspielung auf das (allzu oft) schlechte Wetter in Fords Heimat? Auch eine metakünstlerische Rezeption eines surrealistischen Werkes von René Magritte sei möglich, so Dams. Im „Orange Tree Girl“ sieht der Kunstkenner vielleicht eine Verbindung zur vom Apoll verfolgten und sich in einen Baum verwandelnden Daphne. Bei Laura Ford bleibt dabei stets offen, wohin die Verwandlung geht. Wird der Junge zum Papagei, der Baum zum Menschen – oder umgekehrt? „Mich fasziniert die Vorstellung, dass etwas nicht-lebendiges lebendig wird“, sagt Ford, „oder zumindest ein Bewusstsein hat.“ Das sei auch ein bisschen beängstigend, meint sie und schiebt hinterher: „Vielleicht ist das auch einfach nur ein Mädchen, dass sich als Daphne verkleidet hat.“ Bei Laura Ford weiß man das eben nie so genau.