Kornwestheim Am Sonntag wird das neue Domizil eingeweiht

Susanne Mathes, vom 17.03.2017 07:00 Uhr
Umgeben von ehemaligen Salamander- und Sabu-Bauten, auf die die Fassade Bezug nimmt: die neuapostolische Kirche. Foto: Susanne Mathes
Umgeben von ehemaligen Salamander- und Sabu-Bauten, auf die die Fassade Bezug nimmt: die neuapostolische Kirche. Foto: Susanne Mathes

Kornwestheim - Wenn man hochschaut, sieht man keine Industriegebäude. Nur den Himmel.“ Frank-Michael Steichele, Gemeindevorsteher der Neuapostolischen Kirche (NAK) in Kornwestheim, wird – trotz akuten Stresses in der Woche vor der Einweihung – ein bisschen andächtig, wenn er von dem Lichtband an der Stirnseite der neuen Kirche spricht.

Über dieses knapp unter der Kirchendecke angelegte gläserne Band ergießt sich von Osten her Vormittagslicht über Kreuz und Altar. Die bodentiefe Fensterfront auf der Südseite hingegen lässt den Alltag in den Raum – noch. Passanten, Radler, Autofahrer sind zu beobachten. Demnächst wird aber über die ganze Fensterfront hinweg bunte Glasmalerei von Margarete List Profanes vom Sakralen trennen. Der Alltag bleibt dann draußen.

Anderthalb Jahre nach der Grundsteinlegung ist das neue Gotteshaus fertig. Es besteht aus einem kubischen, von außen trutzig anmutenden Kirchenschiff mit Nebenräumen sowie aus einem flacheren, durch ein Foyer abgetrennten Gemeindehaus mit zwei Mehrzweckräumen, Küche und Sakristei. Alles ist barrierefrei ausgeführt, auch eine eigene Behindertentoilette gibt es.

Die Meisterwerkstatt Waldkircher Orgelbau hat für die Kirche eigens eine Brüstungsorgel hergestellt. „Die Kirchenmusik spielt bei uns eine zentrale Rolle“, erklärt Steichele. Auch ein Klavier wurde angeschafft. Im Foyer gewährt eine gläserne Bodenplatte den Blick auf den Grundstein mit eingelassener Zeitkapsel. „Eine tolle Idee des Architekten“, findet der Vorsteher. Überhaupt ist er begeistert von der Arbeit des Pfullinger Architekten Thomas Bamberg. Dieser habe sich, obwohl nicht neuapostolischen Glaubens, auf die spirituellen und liturgischen Spezifika eingelassen und die Erfordernisse großartig umgesetzt.

Bauherrin ist indes nicht die Kornwestheimer Gemeinde mit ihren rund 270 Mitgliedern, sondern die NAK Süddeutschland, die etwa zwei Millionen Euro in das Projekt steckt, finanziert aus Opfern und Spenden, wie Steichele sagt. Anderswo würden Kirchen aufgegeben, Gemeinden zusammengelegt. Er freue sich, dass hier ein anderer Weg gewählt wurde, bekennt Steichele.

Und das, obwohl auch vor dieser Gemeinde der demografische Wandel nicht halt macht. Just dies war laut Steichele aber auch ein Motor für den Neubau. Die neuapostolische Gemeinde schrumpft, „leider haben wir nicht so viele Junge wie Ältere“. 400 Plätze, wie sie die seitherige Kirche in der Ulrichstraße bietet, sind nicht mehr nötig. Zudem: In der Ulrichstraße mussten Gehbehinderte den Gottesdienst per Bildschirm von der suboptimal beheizbaren Garderobe aus mitverfolgen. Die Treppen in den Kirchenraum konnten Gehandicapte nicht überwinden. Technik und Sanitäranlagen seien auch veraltet, sagt Steichele. „Man hätte sowieso etwas tun müssen. Und die Renovierung wäre aufwendig gewesen.“ Nun wird das alte Domizil veräußert.

Am Mittwoch hat die Gemeinde Abschied genommen. Nach dem Gottesdienst und der liturgischen Entwidmung durch den neuapostolischen Bischof Bernd Bornhäusser habe man noch bis tief in den Abend zusammengesessen, berichtet der Vorsteher. Mittlerweile freue sich die Gemeinde auf den Umzug. „Wenn man eine neue Kirche bekommt, hat so ein Abschied schon ein anderes Gepräge als wenn eine Kirche profanisiert wird und es vor Ort kein Gemeindeleben mehr gibt.“

Baubürgermeister Daniel Güthler hält aus städtebaulicher Sicht große Stücke auf die Kirche. Der Bau, der in einem Quartier mit Industriegeschichte entstanden sei, nehme mit seiner Klinkerfassade die historischen Bezüge optisch auf. Das funktioniere bestens. Gleichzeitig setze die Kirche in ihrer modernen, charakteristischen Anmutung einen schönen Kontrast zu dem vermittelnden Fassadenmaterial. „Sie ist auf jeden Fall ein weiterer Impuls für die Weststadt“, steht für den Baubürgermeister fest. Zudem sei das spirituelle, auf Ruhe und Konzentration ausgerichtete Gebäude ein Gegenpol zum betriebsamen, hektischen Bahnhofsareal.

Daniel Güthler hebt einen weiteren Aspekt hervor: „Nicht mehr viele Stadtplaner begegnen in ihrem Berufsleben einem Kirchenneubau. Wir sind eher mit Rückbauten und Abbrüchen konfrontiert.“ Er freue sich, Gegenteiliges erleben zu können.

Am Sonntag steht der Neustart in der Salamanderstraße an. Zum Einweihungsgottesdienst kommt mit dem Bezirksapostel Michael Ehrich ein ranghoher Vertreter in der neuapostolischen Hierarchie. Anfang April ist noch ein offizieller Festakt vorgesehen, zu dem auch Vertreter der Stadt und der anderen Kirchen kommen. Das sei der Neuapostolischen Kirche wichtig, sagt Steichele. „In Kornwestheim gibt es mittlerweile ein schönes Miteinander.“