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Kornwestheim Anstoßen, ohne anstößig zu sein

Werner Waldner, vom 17.06.2018 00:00 Uhr
Hendrik Rook bittet Wohnungseigentümer, leer stehende Räume für eine Vermietung zur Verfügung zu stellen. Foto: Horst Dömötör
Hendrik Rook bittet Wohnungseigentümer, leer stehende Räume für eine Vermietung zur Verfügung zu stellen. Foto: Horst Dömötör

Kornwestheim - Ist vielleicht jemand da, der an eine ­Alleinerziehende mit zwei Kindern vermietet?“, fragte eine Frau in den Martinisaal hinein. Aber niemand meldete sich. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn sich Eigentümer von leer stehendem Wohnraum im Gemeindesaal eingefunden und den Finger gestreckt hätten. Die Caritas und die katholische St.-Martinus­Gemeinde gehen davon aus, dass sie auf die Wohnungseigentümer zugehen und um Unterstützung werben müssen.

„Wohnraum gesucht: Geben Sie Menschen ein Zuhause“ ist das Projekt überschrieben, mit dem der katholische Wohlfahrtsverband und die Kornwestheimer Pfarrgemeinde am Freitagabend im Martinisaal starteten. Man wolle privaten, leer stehenden Wohnraum erschließen und Menschen mit knapper Kasse zur Ver­fügung stellen, erläuterte Pfarrer Franz Nagler den Besuchern, von denen allerdings nur wenige gekommen waren, in der Auftaktveranstaltung.

Die Caritas werde dabei eine besondere Rolle spielen, sagte Hendrik Rook, Leiter der Wohlfahrtsorganisation in der Region Ludwigsburg/Waiblingen. Sie trete als Mieter auf, wenn das die Vermieter wünschten. Der Vorteil für die Wohnungseigentümer: Sie könnten den Mietvertrag mit einer Institution abschließen, was ­vielen Vermietern sicherer erscheine. Die Caritas schaue, welche Wohnungssuchenden zu den Wohnungsgebenden passten und schließe mit den künftigen Nutzern der Wohnung einen Untermietvertrag ab. Ein Sozialarbeiter begleite das Mietverhältnis, berichtete der Caritasleiter, auch Ehrenamtliche sollen in das Projekt miteingebunden werden. Rook versprach eine „professionelle Wohnungsverwaltung“, für die die Caritas Stuttgart verantwortlich zeichnen werde. Wenn es zu einem guten Verhältnis zwischen dem Wohnungseigentümer und dem Untermieter komme, könne sich die Caritas als Mieter auch zurückziehen. „Es ist nicht unser Ziel, möglichst viele Wohnungen zu haben“, sagte Rook. Aber wenn die Vermieter es wünschten, bleibe die Caritas im Boot.

Rook geht nicht davon aus, in Kürze ­viele Wohnungen akquirieren zu können. „Wenn es uns gelingt, fünf bis zehn Wohnung zu finden, dann haben wir schon viel erreicht.“ Hohe Mieten werden die Vermieter mit der Caritas nicht vereinbaren können. Grenze sei die vom Landkreis Ludwigsburg festgelegte Mietobergrenze für Bezieher von staatlichen Hilfsleistungen. Und die liege derzeit bei rund acht Euro, sagte Rook, wusste aber auch zu berichten, dass sie wegen der massiv gestiegenen ­Mieten in den Nachbarkreisen deutlich ­angehoben worden sind. Zehn Prozent der Miete behält die Caritas ein, um die eigenen Kosten decken zu können.

Zunächst einmal gehe es für die Caritas und die Kirchengemeinde darum, Kontakte herzustellen und Vertrauen zu schaffen, schilderte Rook die ersten Aufgaben. Man wolle sensibel auf die Eigentümer zugehen. „Wir wollen anstoßen, aber nicht anstößig sein.“ Pfarrer Nagler formulierte es so: „Wir wollen die Menschen nicht unter Druck setzen, sondern sie gewinnen.“ Für den neuen Arbeitsbereich hat die Caritas eigens einen Sozialarbeiter angestellt. Und sie will das Projekt vermutlich nach den Sommerferien auf das gesamte Dekanat Ludwigsburg ausweiten.

Oberbürgermeisterin Ursula Keck bezeichnete bei der Auftaktveranstaltung im Martinisaal das Schaffen von Wohnraum als „eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen“ und als eine „Voraussetzung für sozialen Frieden“. Sie listete auf, was die Stadt alles tut, um die Situation zu entschärfen – angefangen von der Vergabe von Baugrundstücken nach Konzept bis hin zur Förderung von neuen Formen der Zusammenarbeit . So soll an der Neckarstraße ein Haus mit gut 20 Wohnungen entstehen, das von einer Baugemeinschaft errichtet wird. Wie ernst die Lage ist, verdeutlichten einige Zahlen, die die OB den Besuchern der Veranstaltung mitgebracht hatte. So verzeichnet allein die Liste der Städtischen Wohnbau mit Wohnungs­suchenden 400 Namen. Zudem sucht die Stadt für 87 Flüchtlinge, die vorerst in Deutschland bleiben dürfen, Wohnraum. Pro Jahr entstehen in Kornwestheim 135 neue Wohnungen. Keck kritisierte das Land Baden-Württemberg, dessen Förderung des sozialen Wohnungsbaus derzeit ins Leere laufe. Auf dem freien Markt gebe es Kredite zu ebenso günstigen Bedingungen, deren Vergabe nicht damit verknüpft sei, die Wohnungen nur an einen bestimmten Personenkreis zu binden.

Symbol für das neue Projekt ist ein Holzhaus aus fünf Balken, das im Martinisaal erstmals zu sehen war. Die bunten Hölzer stehen für die fünf Vorteile, die die Organisatoren den Eigentümer garantieren: Information, kompetente Ansprechpartner, sichere Mietverträge, zuverlässige Mieterauswahl und professionelle Wohnungsverwaltung.