Kornwestheim Benimmkurs: Geknickst werden muss heute nicht mehr

Von
eim Essen gehören die Hände auf den Tisch – allerdings nur bis zum Handgelenk: Ralph Wagner referierte im Applaus im K zu den richtigen Tischmanieren. Foto: Michael Bosch

Kornwestheim - Wer sich ein Bild davon machen will, ob Anstand und gute Sitten noch verbreitet sind, dem genügt häufig ein Gang vor die Tür. An der Bushaltestelle sitzt eine Gruppe Jugendlicher, vor ihr auf dem Boden hat sich ein kleiner See aus Speichel gebildet, die salzigen Schalen der Sonnenblumenkerne verteilen sich rundherum. Es fallen Kraftausdrücke. Eine Mutter schiebt einen Kinderwagen vorbei, den Blick starr auf den Bildschirm ihres Mobiltelefons gerichtet. Dass sie angepöbelt wird, bemerkt sie gar nicht. Beinahe übersieht sie die rote Ampel.

Dass sich das Verhalten und der Umgang untereinander geändert haben, weiß auch Ralph Wagner, Betreiber des Applaus im K. „Die Tischmanieren vieler Leute sind gleich null“, sagt er. Seine Gäste spielen am Handy, selbst während des Essens. Die Sprache sei deutlich derber geworden, auch angemessenen Respekt gegenüber seinem Personal vermisst er in manchen Fällen.

Ist gutes Benehmen noch zeitgemäß?

Deshalb hat sich Wagner gefreut, als die Anfrage von der Theodor-Heuss-Realschule (THRS) kam. Im Fach Deutsch lautet das sogenannte Rahmenthema der Abschlussprüfung im kommenden Jahr: „Umgangsformen – nur Relikte aus früheren Zeiten?“ Lehrerin Julia Zuber wollte das mit Leben füllen. Sie setzte sich mit Wagner in Verbindung, der IHK-Vollausbilder, der bislang 27 Auszubildende durch die Prüfung gebracht hat, übernahm die Aufgabe gern. Am Mittwochnachmittag referierte er über die zehn wichtigsten Benimmregeln im Restaurant. Vieles, was früher an Umgangsformen gang und gäbe gewesen ist und – übrigens irrtümlich – dem Freiherr Knigge zugeschrieben wird, dessen Buch „Über den Umgang mit Menschen“ allerdings eher eine Schrift im Sinne der Aufklärung ist, ist heute nicht mehr zeitgemäß. „Aber es schadet auch nicht, wenn man das weiß“, sagt Wagner. Anschließend referierte er über einen „stilvollen Auftritt“. Im Gegensatz zu früher, als der Mann voranging, um zu prüfen, ob die im Restaurant versammelte Gesellschaft seiner Begleiterin zumutbar sei, gehe heute „der Regisseur des Abends“ voran – egal ob Mann oder Frau. Geknickst wird auch nicht mehr. Wagner gab Tipps zur richtigen Haltung bei Tisch, zu Gesprächsthemen zu unterschiedlichen Anlässen, und er riet dazu, das Handy besser mal abzuschalten.

Ein Hauptgang zum Scheitern

Mobiltelefone seien auch ein Grund dafür, dass Schüler anders miteinander umgingen, als früher, meint Julia Zuber. „Wenn ich etwas über Whatsapp verschicke, ist die Hemmschwelle eben viel niedriger, wie wenn ich das jemandem persönlich sage.“ Überhaupt trage die immer weiter fortschreitende Medialisierung zum Verfall der Sitten bei. Teilweise liege es auch am Elternhaus, und „man will ja auch cool sein“. Wirklich konkret benennen kann die Lehrerin den Ursprung nicht. Viele Faktoren kommen zusammen. Aber das sich etwas ändert, spürt sie. Der Respekt habe deutlich abgenommen, in der Schule müsse vieles nachgeholt werden, was im Elternhaus versäumt wurde. Aber: „Der Umgang wird ja überall legerer“, sagt die Deutsch- und Erdkundelehrerin. „Man muss sich nur mal anschauen, wie die Leute heute ins Theater gehen.“ So gesehen sei die Fragestellung in der Prüfung sehr zeitgemäß.

Die Klasse 10a der THRS sei im übrigen eine „harmlose Klasse“, bescheinigt Zuber. Sie habe nur einmal eine Bemerkung zu ordentlicher Kleidung fallen lassen. Im Applaus erschienen die Jungen nun fast ausnahmslos im Hemd, die Mädchen standen ihnen in puncto schicker Kleidung in nichts nach. Zum Hauptgang des Drei-Gänge-Menüs, das Wagner sponsorte, gab es übrigens Spaghetti. Der Restaurantbetreiber wollte die Zehntklässler offenbar gleich vor eine richtige Aufgabe stellen. An den langen Nudeln mit Soße sollen ja schon die erfahrensten Geschäftsleute gescheitert sein.

 
 

Sonderthemen