Kornwestheim Das Blatt wird zum Tee, der Stengel zur Tasche

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Jute-Transport in Bangladesh. Foto: Intertrop

Kornwestheim - Julian Kofler hat fünf große Thermoskannen mit in den Weltladen „Karibu“ nach Kornwestheim gebracht. Nach und nach testen die Besucherinnen und Besucher die verschiedenen Tees. Der mit dem Minzgeschmack kommt am besten an. Aber die Minze, das ist nur der Zusatzstoff. Grundlage des Tees, den der Doktorand der Universität Hohenheim im Weltladen ausschenkt, ist Jute. Richtig gelesen: Jute – jener Stoff, den ältere Semester als Tasche aus den 1980er-Jahren kennen, gerne mit einem Aufdruck wie „Frieden schaffen ohne Waffen“, „Jute statt Plastik“ oder „Atomkraft – nein danke“. Kratzig waren diese Taschen, und mitunter rochen sie ein wenig streng.

Nein, das ist dem Tee, den Julian Kofler offeriert, nicht zu eigen. Er schmecke ein bisschen nach Hafer, sagt eine Besucherin, und Brennnessel-Geschmack erkenne sie auch. Auf jeden Fall kommt der Tee bei den Testpersonen im Weltladen gut an – so gut, dass Karibu ihn in sein Warenangebot aufnimmt und im März jeden Dienstag eine Probieraktion ausrichtet.

Dass der Doktorand einmal Tee anpreist, das hat er sich auch nicht träumen lassen. Zunächst ging es ihm und seinen Kollegen Julian Börner und Mizanur Rahman, mit denen er das kleine Unternehmen Intertrop gegründet hat, nur um die Frage, wie man die Flut an Verpackungsmüll aus Plastik reduzieren kann. Ganz schnell kam das Trio auf die gute alte Jute, die vorwiegend in Bangladesh, dem Heimatland von Mizanur Rahman, angebaut wird. Bei einem Besuch vor Ort lernten die Jungunternehmer dann auch Jute-Tee kennen und entwickelten ihre neue Geschäftsidee.

Die Agrarwissenschaftler sind begeistert davon, dass die Pflanze quasi doppelt genutzt werden kann – die jungen, maximal 40 Tage alten Blätter als Tee, die Stengel zur Herstellung von Jute-Garn, das für die Produktion von Taschen, Pflanzsäcken und Körben eingesetzt wird. Wobei, erläutert Kofler seinen Zuhörern im Kornwestheimer Weltladen, es wichtig sei, nur wenige Blätter abzuzupfen, damit die Pflanze auch weiterwachsen könne. Mittlerweile sind die Bauern und Kooperativen, mit denen sie in Bangladesh zusammenarbeiten, dazu übergegangen, Jute auch in der Nebensaison anzubauen.

Ein entsprechendes Pilotprojekt unterstützt die Regierung in Bangladesh. Weil die Pflanze dann nicht ganz so kräftig im Wuchs sei, könnten die Blätter ausschließlich für Tee verwendet werden. Unkrautvernichtungsmittel oder Dünger würden nicht eingesetzt, erläutert Kofler, weil Jute zum einen den Boden schnell schließe, zum anderen in einem Gebiet angebaut werde, das regelmäßig überschwemmt werde. Auf diesem Wege gelangen die Nährstoffe in den Boden.

An der Sonne getrocknete Blätter einfach nach Deutschland importieren und als Tee verkaufen, das erlaubt das deutsche Lebensmittelrecht nicht. Die Start-up-Unternehmer mussten den Tee in Labors unter die Lupe nehmen lassen, und mit dem Ergebnis waren sie mehr als zufrieden: Viel Kalium, viel Magnesium, viel Kalzium. Oder wie es Julian Kofler bei seinem Besuch in Kornwestheim formuliert: „Unheimlich mineralstoffreich. Eine Art Superfood.“ Im Libanon und in Ägypten, weiß Kofler zu berichten, wird Jute wegen des hohen Eiweißgehalts wie Spinat verwendet.

Dass Intertrop Teekanne, Goldmännchen oder Meßmer Konkurrenz machen wird, damit rechnet der Doktorand, der sich zumeist am Wochenende um den Vertrieb kümmert, nun wahrlich nicht. „Es wird ein Nischenprodukt bleiben“, sagt er. Aber er freut sich, dass der Tee zu den Produkten gehört, die die Universität Hohenheim zum 200-jährigen Bestehen vermarktet, dass Apotheken zunehmend Interesse am Jute-Tee zeigen und dass der Tee in Kornwestheim Anhänger gefunden hat.

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