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Kornwestheim Das Land, die Demokratie verteidigen

Birgit Kiefer, vom 19.11.2017 00:00 Uhr
Gemeinsames Gedenken: Auf dem Friedhof wurden   Kränze  am Mahnmal  niedergelegt. Foto: Peter Mann
Gemeinsames Gedenken: Auf dem Friedhof wurden Kränze am Mahnmal niedergelegt. Foto: Peter Mann

Kornwestheim - Die russische Fahne flatterte vor dem Friedhof im Wind, genauso wie die französische, die britische und die deutsche. Und auch ein Kranz der russischen Partnerstadt Kimry wurde vor dem dortigen Mahnmal niedergelgt. Die Hoffnung, dass dies in diesem Jahr durch eine Delegation aus der Wolgastadt geschehen würde, hat sich allerdings nicht erfüllt. Wie auch in den vergangenen Jahren, waren die russischen Freunde aus Kimry nicht vertreten. Der Unterschied zu den Vorjahren: Interimsbürgermeisterin Svetlana Bragina hatte immerhin signalisiert, kommen zu wollen, und sie schickte ihre Grüße und teilte mit, dass sie in Gedanken bei den Partnerstädten sei, die gemeinsam den Volkstrauertag begingen. Eine schöne Geste aus dem Osten nach Jahren des Schweigens . . .

Oberbürgermeisterin Ursula Keck konnte folglich nur aus Eastleigh (England) Mrs. Mayor Maureen Sollitt und ihren Sohn Steve Sollitt, aus Villeneuve-St.-Georges den Stellvertretenden Bürgermeister Daniel Henry und Stadträtin Sylvie Richton und aus Weißenfels in Sachsen-Anhalt den Stadtratsvorsitzenden Jörg Freiwald samt Gattin begrüßen. Keck erinnerte in ihrer Rede daran, wie wichtig es sei, zu erinnern – insbesondere angesichts unzähliger Konflikte, Kriege und sozialer Verwerfungen.

Die Oberbürgermeisterin warnte auch, dass es wieder opportun zu sein scheine, „fremdenfeindliche und rassistische Aussagen in der Öffentlichkeit zu machen“. Angesichts dessen müsse wieder mehr für gegenseitiges Verständnis und Toleranz eingestanden werden.

Während Daniel Henry aus der Vergangenheit die Botschaft herauslas, für ein „nie wieder!“ zu kämpfen und für den Frieden einzustehen, dankte Sollitt den Opfern, die im Kampf für die Freiheit ihr Leben gelassen und damit den Lebenden Hoffnung auf die Zukunft gemacht hätten. Besonders eindrücklich war dieses Jahr aber die Rede von Freiwald, der mit einem Zitat von Henry Miller – „Jeder Krieg ist eine Niederlage des menschlichen Geistes“ – einstieg, dann aber noch sehr konkret wurde: Die Bundestagswahl vor wenigen Wochen habe gezeigt, dass „Wir unser Land, unsere Demokratie, verteidigen müssen“. Dass jetzt wieder Menschen, die offen der rechten Ideologie anhingen, ins Parlament eingezogen seien, „war für mich durchaus ein großer Schritt“, Alexander Gauland, der Spitzenkandidat der Rechtspopulisten, sei „ein echter Freund der Nazi-Ideologie“. Freiwald weiß, wovon er spricht: In seinem Bundesland ist die AfD immerhin zweitstärkste Kraft geworden.

Die Schülerin Pascalina-Sofia Zeziou verlas wie schon im Vorjahr ein selbst ausgewähltes Gedicht. Die Gymnasiastin hatte sich für „Heldenfriedhof“ von Josef Albert Stöckl entschieden. In dessen letzter Strophe es heißt: „Und Freunde/und Feinde/wandern nun/fern aller Zeit/gemeinsam/durch die blühenden Wiesen/der Ewigkeit.“ Auch Pfarrerin Fraukelind Braun fand Tröstliches und Mut Machendes darin, dass nach den grausamen Kriegen in Europa aus Feinden Freunde wurden.

Die traditionelle Kranzniederlegung am Mahnmahl wurde vom „Trauermarsch“ von Frédéric Chopin, gespielt vom Großen Blasorchester der Städtischen Orchester unter Leitung von Gunnar Dieth, begleitet. Die Chorbühne hatte zuvor mit „Still schweigt die Welt“ und „Meine Seele ist stille in dir“ die Ansprachen umrahmt. Zum Abschluss erklang „Taps“, das in den USA zu allen militärischen Trauer- und Beisetzungszeremoniells der US-Armee gehört.