Kornwestheim Dem Kleihues-Bau wieder ein Profil gegeben

Werner Waldner, vom 08.03.2018 09:00 Uhr
Oberbürgermeister Ursuela Keck bedankte sich  am 2. März bei der Museumsleiterin Dr. Irmgard Sedler. Foto: Peter Mann
Oberbürgermeister Ursuela Keck bedankte sich am 2. März bei der Museumsleiterin Dr. Irmgard Sedler. Foto: Peter Mann

Kornwestheim - In der vergangenen Woche ist sie offiziell in den Ruhestand verabschiedet worden. 26 Jahre lang hat Dr. Irmgard Sedler für die Museen der Stadt gearbeitet. Im Interview zieht sie Bilanz.

Frau Dr. Sedler, beginnen wir mit einer ganz einfachen Frage: Warum braucht’s Museen?
Museen haben einen gesellschaftlichen Auftrag, allem voran einen Bildungsauftrag. Die Menschen lassen sich leichter auf Vergangenes ein, wenn sie etwas Handfestes, ein Objekt sehen und anfassen können, wenn sie Geschichte am Einzelschicksal nachvollziehen können.
Warum braucht es denn in Kornwestheim ein Museum, wo die Stadt doch umgeben ist von vielen bedeutsamen Einrichtungen?
In Kornwestheim gab’s immer schon und gibt’s bis heute Menschen, die an bildender Kunst interessiert waren und sind – der Zahnarzt Dr. Adolf Schaal zum Beispiel, dem wir das Galeriegebäude zu verdanken haben, oder der Kulturamtsleiter Peter Keim, der über ein Jahrzehnt an wechselnden Ausstellungsorten eine städtische Kunstgalerie etabliert hatte. Zudem war Kornwestheim seit den 1950er-Jahren ein Ort, an dem sich Künstler gerne aufgehalten haben. Günther C. Kirchberger wurde hier geboren und hatte ständigen Kontakt zu seiner Heimatstadt, Roland Dörfler, einer der bedeutenden deutschen Zeichner aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat sein Atelier hier gehabt. Daraus ergibt sich die Verantwortung, dass man zeitgenössischen Künstlern ein Forum geben, dass man junge Künstler in die museale Kunstszene einführen sollte – nicht nur über Galerien, die eher dem Profit verpflichtet sind, sondern auch über Kunstmuseen. Kornwestheim ist nicht so kunstfeindlich wie man gemeinhin meint. Und letztlich sind Museen Teil jener Infrastruktur des Urbanen, die den städtischen Charakter eines Ortes ausmachen. Platz für Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit ist immer, und ich glaube, dies haben wir mit unserem Haus bewiesen.
Gleichwohl hat der Kleihues-Bau einen schweren Stand in der Stadt. War’s ein Fehler 1990, ohne Konzept zu starten?
Ein thematisches Konzept war von Anbeginn des Museumsbetriebs da. Meine Vorgänger haben diesbezüglich fachlich solide Arbeit geleistet. Der Fehler lag bei überzogenen Erwartungen seitens der Stadt. 250 000 Besucher jährlich hat man sich von der Galerie erhofft, aber das war so nicht zu leisten. Ein Fehler war auch die Schließung der Galerie im Jahr 2000 und die Wiedereröffnung 2003, als man neben dem Kunstbetrieb mit den Sammlungen Nagel ein Ausstellungsprofil in dieses Haus der modernen Kunst gebracht hat, das damit nicht vereinbar war. Das war zweimal je ein unnötiger Bruch statt Kontinuität.

Kunst, Kultur- und wohldosierte Stadtgeschichte in einem Haus

Sie bespielen mittlerweile das ganze Haus. Wie sah Ihr Konzept aus?
Es ist eine Melange aus etablierter, zum Teil hochkarätiger Kunst, um auch Besucher von außen anzuziehen, und aus kulturgeschichtlichen Ausstellungen sowie stadtgeschichtlichen Präsentationen, die als Fallstudien zu den jeweiligen behandelten Bereichen gelten konnten. Dieser zweite Aspekt zielt darauf, auch Besucher ins Haus zu holen, die mit zeitgenössischer Kunst nichts anfangen können. Bei den Kunstausstellungen habe ich Wert darauf gelegt, dass die hier präsentierte Kunst nicht im Dekorativen stecken bleibt, sondern dass es Künstler sind, deren Werke sich den großen, existenziellen wie gesellschaftlichen Fragen stellen. Bei den stadtgeschichtlichen Ausstellungen, deren Vorbereitung lange Zeitspannen voraussetzt, war es mir wichtig, dass wir nicht eine Ausstellung an die nächste reihen, denn dann wird die Geschichtspräsentation beliebig und man setzt das Niveau des Hauses aufs Spiel. Ich habe die angesprochenen Fallstudien erarbeitet und in Ausstellungen und Publikationen umgesetzt – angefangen mit der Eisenbahngeschichte, mit der Bahnhofstraßenausstellung, mit der Ausstellung über Salamander und jetzt mit der NS-Ausstellung. Das Konzept Kunst, Kultur- und wohldosiert Stadtgeschichte in einem Hause anzubieten, hat sich bewährt. Diesem Haus ein Profil zu verleihen, das war mir wichtig. Zur Ehrenrettung meiner Vorgänger will ich aber nicht unerwähnt lassen, dass sie diesbezüglich nie die Zeit gehabt haben, die mir zur Verfügung stand.
Wie sehr hat es Sie verletzt, dass das Museum immer wieder in Frage gestellt wurde?
Das Museum ist von Anbeginn seiner Existenz hier im Ort immer wieder in Frage gestellt worden, weil Kornwestheim vermeintlich mit Kunst nichts anfangen könne. Es gab dann nach meiner Übernahme der Hausleitung einige Jahre der Ruhe, in denen wir hier einen soliden Ausstellungsbetrieb aufbauen konnten und namhafte Künstler nach Kornwestheim gebracht haben. Die Besucherzahlen sind nie unter 9000 gefallen, die Höchstwerte lagen in manchen Jahren bei 12 000 Besuchern. Verletzt ist daher nicht das richtige Wort, Ignoranz kann einen nicht verletzen. Es hat mich eher befremdet, dass viel und oft über das Museum öffentlich gesprochen und spekuliert wurde, dass Zahlen genannt wurden, die vorne und hinten nicht stimmten und dass nur ganz wenige von den politischen Entscheidungsträgern mit mir das Gespräch gesucht haben. Viele Stadträte haben dieses Museum während meiner Amtszeit noch nie besucht, um sich ein Bild vom Hause und von der Arbeit hier machen zu können. Ich hatte den Eindruck, dass bewusst oder unbewusst ein falsches Bild von der Arbeit hier gezeichnet worden ist, indem man sich nur die Ausstellungen zur modernen Kunst als zu elitär vorgenommen hat. Über die Gründe und die einzelnen Interessen, die dahinter stehen, mag man spekulieren. Richtige Unterstützung ist weniger von Seiten der Gemeinderäte, sondern hauptsächlich von den Verwaltungsspitzen gekommen, die mit uns gerungen haben, das Haus überhaupt als Museum und dazu auch mit seinem Kunstprofil erhalten zu können. Der jüngst erreichte Denkmalstatus des Kleihues-Baus war hierbei hilfreich. Auch wenn man in Zukunft mehr auf Stadtgeschichte setzen möchte, bedarf es dafür keiner musealen Profiländerung, da Stadtgeschichte schon immer präsent war.

Die Sammlung mit über 3000 Gemälden bleibt – darauf ist Dr. Irmgard Sedler stolz

Sie haben sich mit vielen Themen auseinandersetzen dürfen, vielleicht auch müssen. Es ging in den Ausstellungen um Schuhe, um Eisenbahngeschichte, um Fotografie, Kunst oder Ortshistorie. Welches Themengebiet war Ihnen am liebsten?
Immer die Kunst.
Und womit haben Sie sich schwergetan?
Mit Forderungen von außen, den einen oder anderen Maler ausstellen zu müssen. Doch weil ich mir nie in die Programme habe ernsthaft hereinreden lassen, gab’s auch kaum die Themen, die mich nicht interessiert hätten. Und ich hoffe, dass das auch meine Nachfolger so weiter realisieren können und man ihre Fachkompetenz respektiert. Es waren im Laufe der Jahre viele renommierte Künstler hier im Hause. Beuys und Penck, Baselitz, Lüpertz, Pokorny, Krüger, Grieshaber, Kerkovius und viele andere – die großen Namen des 20. Jahrhunderts. Wenn man dazwischen, lassen Sie es mich despektierlich sagen, einen Blümchenmaler platziert, nur weil er mit irgendjemandem befreundet ist, dann wird der Ruf des Hauses ruiniert. Lassen Sie es mich auch so formulieren: Es kann auch einer Staatsgalerie passieren, dass ein Plakat missrät. Dann heißt es: ein Unfall. Passiert mir das, dann heißt es gleich: Provinz. Und das durfte nicht passieren.
Worauf sind Sie in Ihrer Bilanz stolz?
Schon auf die Sammlung. Sie ist das Bleibende und umfasst heute über 3000 inventarisierte Gemälde, Arbeiten auf Papier und einige wenige Skulpturen. Stolz bin ich aber auch darauf, dass noch kein Künstler, den ich in den vergangenen fünfzehn Jahren wegen einer Ausstellung angefragt habe, mir eine Absage erteilt hat. Und es erfüllt mich mit Stolz, dass junge Künstler, die wir im Kleihues-Bau ausgestellt haben, ihren Weg gemacht haben – die Fotografin Cathleen Naundorf zum Beispiel, die ihren ersten Katalog von uns bekommen hat und vor kurzem im Victoria & Albert Museum in London ausgestellt hat. Stolz macht mich auch die Verbundenheit der Künstler zu diesem Haus in Kornwestheim, da sie uns immer wieder Arbeiten geschenkt haben und schenken, zuletzt Werner Pokorny und Gert Fabritius.

Etwas mehr Personal wäre besser gewesen

Was hätten Sie gerne anders gemacht?
Ich hatte leider nie genug Personal, um auf mehr Werbung zu setzen, um für eine eigene Homepage zu kämpfen und der Museumspädagogik mehr Raum bieten zu können. Mir ging es zuvorderst um die Inhalte. Wenn die da sind und das Haus etabliert, kann man weitere Akzente setzen.
Wie sehr sind Ihnen das Schulmuseum, das Sie ja auch geleitet haben, und der Kleihues-Bau ans Herz gewachsen?
Beim Schulmuseum tut’s mir leid, dass ich die Erneuerung nicht ganz zu Ende bringen konnte. Das Konzept ist jedoch vorhanden. Der Kleihues-Bau ist mir sehr ans Herz gewachsen, was Sie vielleicht auch am baulich optimalen Zustand des Hauses bemerken können. Als ich es übernommen habe, standen auf den Treppen Plastikkübel, und es regnete durch das Glasdach herein. Das Haus in gutem Zustand zu halten, war mir immer ein wichtiges Anliegen, parallel zur Qualität der Ausstellungen – und wenn’s darum ging, zusammen mit meinem Team, auf dass ich mich immer habe verlassen können, mal die Fenster vor einer Vernissage zu putzen, haben wir’s ohne viel Aufheben getan. Das Museumsteam, so klein es ist, geht für das Haus und seine Ausstellungen durchs Feuer – dafür bin ich dankbar, wie auch für die Unterstützung, die dem Hause zuteil geworden ist. Ich bitte drum, es weiter zu tun.

Dr. Irmgard Sedler freut sich auf den „Unruhestand“

Wie schwer fällt es Ihnen, dann demnächst den Schlüssel abzugeben?
Es fällt mir nicht schwer – auch deshalb nicht, weil es eine fachliche Nachfolge geben wird. Das war in den vergangenen Monaten nicht immer sichergestellt.
Die neue Stelleninhaberin wird nur noch zu 70 Prozent angestellt sein, einen schlechteren Tarif bekommen als Sie, zudem wird die Assistentenstelle halbiert: Was ist unter diesen Voraussetzungen noch leistbar?
Menschen aus unserem Metier sind meistens Idealisten, sie stellen Ihre ganze Persönlichkeit in den Dienst der Sache. So wird auch meine Nachfolgerin, dessen bin ich überzeugt, die Stelle ganz ausfüllen. Ganz bestimmt. Zudem muss die Nachfolge am Anfang auch nicht zu jeder Ausstellung einen eigenen Katalog anbieten. Diese wissenschaftliche Aufgabe habe ich mir freiwillig aufgebürdet.
Wie tief ist das Loch, in das Sie fallen?
Ich falle in gar kein Loch. Ich habe das Jahr schon mit Terminen voll. Ich bin Mitglied in einigen wissenschaftlichen Gremien, ich werde Fachaufsätze schreiben, ich habe einen kleinen Lehrauftrag und von einem Museum, das nur auf meine Verrentung gewartet hat, einen wichtigen Forschungsauftrag abzuleisten. Auch will ich mehr für meine Familie da sein, dazu viel kochen und ein wenig gärtnern.