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Kornwestheim Der Hammelsprung entscheidet das Rennen

Birgit Kiefer, vom 04.08.2017 00:00 Uhr
Wo Menschen leben, da brauchen sie Arbeit – und ein Arbeitsamt. Leopold (rechtes Bild) verdingt sich als Fremdenführer. Foto: Birgit Kiefer
Wo Menschen leben, da brauchen sie Arbeit – und ein Arbeitsamt. Leopold (rechtes Bild) verdingt sich als Fremdenführer. Foto: Birgit Kiefer

Pattonville - Leopold hat eine besondere Aufgabe. Der Zehnjährige bietet Stadtführungen quer durch die 300-Seelen-Stadt Mini-Remseck an. Wer einen ersten Überblick bekommen möchte, ist bei ihm in besten Händen. Für ein paar Mini-Euro steigt man zu ihm in den Bus – bestehend aus zwei hinter ihm verlaufenden Seilen – und schon geht es los. Hier erfährt der Besucher, was es alles gibt in dieser Kinderspielstadt, und das ist kaum zu überblicken: Ein Krankenhaus, in dem ein Seh- und ein Hörtest gemacht werden kann, einen Bauhof, der Fahrzeuge verleiht, bei dem aber auch ein Führerschein abgelegt werden kann.

Im Freibad – Eintritt: Drei Mini-Euro – wird fröhlich krakelend ins Planschbecken gesprungen und in der Schreinerei wird fleißig gewerkelt. Das neueste Produkt ist ein Holzherz zum Aufstellen. „Die haben auch die Wolken und die Sonne für die Wettervorhersage gebaut“, berichtet Fremdenführer Leopold. Der Zehnjährige wartet auch mit weiteren Informationen auf: Die Polizei wird hier „Pozilei“ genannt, es gibt eine Lotterie und im Kaufhaus kann jeder verkaufen, was er so in Mini-Remseck hergestellt hat. Wer an der Universität studieren möchte, bekommt Bafög.

Bei der Stadtführung am Donnerstag fallen zudem die vielen Plakate auf, mit denen die Bürgermeisterkandidaten für sich werben. Es ist Wahlkampf und das Lokalblatt macht mit einem veritablen Skandal auf: „Da heute die wahlen stattfinden haben zukünftige Bürgermeister ihre wähler mit geld bestochen. Jojo war empört als er uns die nachricht überbrachte! Wer das wahr ist noch nicht sicher! Hoffentlich siegt das gute“, steht in großen Lettern und mit gewagter Rechtschreibung da zu lesen. Es geht also heiß und ernst zu bei dieser Wahl.

Und zwar bis zum Ende. Denn das hat es in Mini-Remseck noch nie gegeben: Die Kinder haben zwei männliche Bürgermeister mit der gleichen Stimmenzahl gewählt. Es gibt daher einen Hammelsprung. Das Wahlvolk muss die Sporthalle entweder durch den linken Ausgang (David) oder den rechten (Léonel) verlassen und so erneut abstimmen. Nach großem Gewusel steht fest: Léonel ist der neue Bürgermeister, David zieht in den Gemeinderat ein. Bei den Mädchen – der Bürgermeisterposten wird jedes Jahr paritätisch besetzt – ist ohnehin alles klar: Carolin hat die meisten Stimmen und wird Rathauschefin. Im Gemeinderat sitzen neun Stadträte.

Nach der großen Bürgerversammlung läuft noch auf einer Riesenleinwand das Mini-Remseck-Fernsehen. Zwei Handballer erzählen von sich und ihrer Karriere, die Stadtgärtnerei wirbt für ihre Blumen und den Abschluss macht die Wettervorhersage. Es wird wechselhaft. Und: Da kommt die in der Schreinerei gezauberte Wolke mit daran befestigten blauen Wollfäden zum Einsatz – „bewölkt und es regnet auch mal“. So geht wieder mal ein Tag in Mini-Remseck zu Ende. Leopold hat Feierabend. Beim Verlassen ihrer Stadt melden sich alle ab, dann stehen die Kinder wieder draußen in der Welt der Großen und werden in Autos verfrachtet – dabei hat so mancher doch schon den Führerschein!