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KornwestheimDer Verurteilte zeigt keinerlei Einsicht

Birgit Kiefer, vom 20.07.2017 20:00 Uhr
Das Urteil über den Vater, der seiner Tochter in die Wange schoss, ist gefallen Foto: dpa
Das Urteil über den Vater, der seiner Tochter in die Wange schoss, ist gefallenFoto: dpa

Kornwestheim - Bis heute ist Ihnen nicht einmal ein Bedauern anzumerken“, stellte Richterin am Landgericht Ute Baisch in ihrer Urteilsbegründung fest. Sich über seine Tat Gedanken zu machen, dafür hat der 47-Jährige Mann, dessen Wurzeln im Kosovo liegen, nun elf Jahre und sechs Monate Zeit. Zu dieser Haftstrafe verurteilte ihn das Landgericht Stuttgart gestern und blieb damit nur geringfügig unter der Forderung des Staatsanwaltes, der auf zwölf Jahre plädiert hatte.

Und so stellt sich die Tat, die am 4. Dezember des vergangenen Jahres geschehen ist, für Richterin Baisch dar: Der 47-Jährige hatte sich am späteren Nachmittag an einem Parkplatz in der Nähe des Ratio-Baus in einem Gebüsch versteckt. Wie schon oft zuvor spionierte er aus, mit wem seine damals 19-jährige Tochter zusammen war. Als die junge Frau mit ihrem damals 28-jährigen Freund, einem Bodybuilder, auf der Bildfläche erschien und in dessen Auto stieg, nutzte der Vater die Gelegenheit und stürmte „mit schnellen Schritten“, so Richterin Baisch, „und ohne zu zögern“ auf das Fahrzeug zu. Die Tochter sah in der Dunkelheit den Vater herannahen und auch, dass er etwas in der Hand hielt – eine Tokarev nämlich mit acht Patronen im Magazin. Sie versuchte noch, die Autotür zuzuhalten, aber dem 47-Jährigen gelang es, sie aufzureißen. „Und dann „haben Sie unvermittelt und ansatzlos auf den Kopf der Tochter geschossen.“ Nur, weil die junge Frau sich ein wenig zur Seite bewegte, ging der Schuss glatt durch die Wange, ohne Blutgefäße, den Kiefer, Zähne oder Nervenbahnen zu zertrennen. Nochmals drückte ihr Erzeuger ab, auf Bauch und Beine zielend – dieses Mal ging das Projektil in die Sitzfläche des Beifahrersitzes.

Der Begleiter der Tochter eilte zur Hilfe. Aus dem Kofferraum hatte er einen Baseballschläger geholt und ging auf den Angreifer los. Der schoss dem Bodybuilder in die Schulter, bevor er selbst Schläge auf den Kopf abbekam. Die Widersacher begannen, miteinander zu ringen, dabei zielte der jetzt Verurteilte mit der Pistole auch auf den Kopf des 28-Jährigen und drückte ab. Wieder ging es knapp zu. In letzter Sekunde konnte der junge Mann den Lauf der Waffe zur Seite schieben, erlitt aber einen Riss im Trommelfell. Im weiteren Gefecht feuerte der 47-Jährige das Magazin leer, traf aber nicht. Dann flüchtete er und stellte sich in Ditzingen der Polizei.

Damals gab der Täter noch rundum zu, dass er „seine Tochter erledigen wollte“, wovon er später nichts mehr wissen wollte. Er bestritt einen Tötungsvorsatz und auch die Verursacherrolle. „Sie waren immer das Opfer Ihrer Tochter, der Umstände“, hielt ihm die Richterin am Landgericht ironisch entgegen. „Irgendeine Einsicht ist Ihnen nicht anzumerken.“

Natürlich hatte die Tat eine gewisse Vorgeschichte, und auch die sprach nicht für den Angeklagten. Zwischen ihm und seiner Tochter herrschte seit deren zwölften Lebensjahr schon eine „spannungs- und konfliktgeladene Beziehung“. Das Mädchen entwickelte während seiner Pubertät seine eigene Vorstellung vom Leben: Selbstbestimmt und frei wollte es leben, bald nahm die Jugendliche auch erste Beziehungen zum anderen Geschlecht auf. „Die Vorstellung des Vaters war konservativ geprägt. Die Tochter sollte heiraten, in der Familie bleiben und vor der Hochzeit keinen Sex haben“, fasste es die Richterin zusammen.

Das konnte nicht lange gut gehen. Im Oktober 2012 wurde das Mädchen das erste Mal aus der Familie genommen, es lebte kurze Zeit in einer Wohngruppe, kehrte aber wieder zur Familie zurück. Der Vater kooperierte mit dem Jugendamt. Aber es war eine On-Off-Beziehung: Mal klappte es zwischen Vater und Tochter, dann krachte es wieder.

Ständig lauerte der Mann der jungen Frau, die mittlerweile eine Ausbildung machte und auf eigenen Füßen stand, auf, dokumentierte jeden ihrer Schritte, geriet auch in handgreifliche Auseinandersetzungen mit den jeweiligen Partnern der Tochter. Einmal hatte er das Mädchen schon aus einer Unterbringung entführt und dabei auch auf sie eingeschlagen. Seither hatte er ein Annäherungsverbot, das ihn nicht weiter interessierte.

Auch als die Richterin ihn darauf hinwies, dass „die Narben die Tochter diese ein Leben lang an die furchtbare Geschichte erinnern“ werden, zeigte er keinerlei Regung.