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KornwestheimDie Beziehung zum Verstorbenen pflegen

Birgit Kiefer, vom 19.04.2017 00:00 Uhr
Michael Friedmann (links) hat die Aktion ins Leben gerufen, Hans-Jürgen Winkler freut sich, die Fotos  bald in Kornwestheim zeigen zu können. Foto: Birgit Kiefer
Michael Friedmann (links) hat die Aktion ins Leben gerufen, Hans-Jürgen Winkler freut sich, die Fotos bald in Kornwestheim zeigen zu können.Foto: Birgit Kiefer

Kornwestheim - Im Begegnungscafé auf dem Friedhof an der Aldinger Straße geht es in den Gesprächen mitnichten nur um Trauer. Und wer gerade einen geliebten Menschen verloren hat, möchte vielleicht auch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, sondern erst mal ein nicht so mit Gefühlen beladenes Thema ansprechen. Auch darum zeigt das Begegnungscafé stets wechselnde Fotoausstellungen. Mal mit Landschaftsbildern, mal mit Aufnahmen dörflicher Idylle, mal abstrakte Fotokunst. „Die Bilder sind eine Andockmöglichkeit, ein Ausgangspunkt für Gespräche“, erläutert Hans-Jürgen Winkler, Gemeindereferent der katholischen St.-Martinus-Kirchengemeinde. „Wir wollen auch das Thema Trauer ins Bewusstsein holen, aber das klappt natürlich nicht immer“, räumt er ein. Dieses Mal aber sehr wohl. Die Bilder, die von Ende April an in dem Raum auf dem Friedhof zu sehen sein werden, erzählen, jedes für sich, eine Geschichte vom Verlust. Gemacht haben die Fotos Jugendliche, die Vater, Mutter oder Schwester schmerzhaft vermissen.

Bei Michael Friedmann im Büro der ökumenischen Hospizinitiative in der Solitudestraße in Ludwigsburg stehen die Taschentücher neben Süßkram immer bereit – allerdings in einem quietschbunten Karton. „Die Jugendlichen wollen nicht, dass man die Trauer noch betont, sie wollen eher sehen, wie man normal mit dem Verlust umgehen kann.“ So ist die Erfahrung des Ludwigsburger Seelsorgers und Trauerbegleiters. Er ist für Kinder- und Jugendtrauer zuständig, bei ihm trifft sich die Jugendtrauergruppe und der Kindertrauerclub. Er hat das Fotoprojekt ins Leben gerufen, bei dem die ab 28. April in Kornwestheim gezeigten Bilder entstanden sind. Sieben Jugendliche haben im Jahr 2015 daran teilgenommen. Entstanden sind Bilder, die von Verlust, Hoffnung, Traurigkeit erzählen „Es gibt nicht nur den einen Weg, zu trauern“, erinnert Friedmann, der bereits ein zweites Mal das Projekt „Ein Bild für dich“ angeboten hat. Manche Menschen würden wütend, zweifelten, gingen auf Reisen. „Trauer ist vielfältig, auch tanzen und lachen gehört dazu, weil es auch schöne Erinnerungen gibt.“ Die Fotos aus dem Folgejahr sind noch bis diesen Sonntag, 23. April, in Ludwigsburg im Residenzschloss zu sehen.

Winkler, der das Begegnungscafé in Kornwestheim leitet, freut sich nun auf Bilder wie jenes der 18-jährigen Anne. Ihr Vater ist verstorben. Sie hat einen roten, schweren Vorhang fotografiert. „Hinter dem Vorhang“ hat sie das Bild betitelt. „Jeder kann darin etwas anderes sehen“, findet Friedmann. Die junge Frau habe dabei eher daran gedacht, dass niemand sehen könne, was in ihr vorgehe. Die Botschaft der Bilder sei oft klar. Den Jugendlichen sei es aber ganz recht, dass die Betrachter ihre eigenen Gefühle und Gedanken auf die Fotos projizieren. Ihre Ideen umzusetzen, dabei hat ihnen die Leonberger Fotografin Angelika Kamlage geholfen. „Sie hat den Jugendlichen etwas zur Fototechnik, über Nähe, Distanz, Schärfe und Unschärfe erzählt“, berichtet Friedmann. Fotografieren sei aber ansonsten für die jungen Menschen heute eine Selbstverständlichkeit – dank Smartphone.

Pauline hat einen ganz anderen Ansatz gewählt als Anne. Sie hat mit dem alten Fotoapparat ihres verstorbenen Vaters sich selbst fotografiert, indem sie eine Zufallsspiegelung festgehalten hat. Zu sehen ist die junge Frau nur teilweise und etwas undeutlich hinter dem großen Objektiv. „Da schwingt der Papa mit, der gerne fotografiert hat“, begründet Friedmann, warum das Werk etwas ganz besonderes sei. „Wenn Pauline fotografiert, ist ihr Vater ganz präsent. Wir lernen bei dem Projekt, den Verstorbenen mit in unser Leben zu nehmen, die Beziehung weiter zu pflegen.“ Der Vater verliere ja nicht seine Bedeutung, weil er nicht mehr da ist.