Kornwestheim Die neue Weiche wird festlich begrüßt

Michael Bosch, vom 07.08.2017 07:00 Uhr
Zwei angehende Fahrdienstleiter studieren den Gleisplan. Foto: factum/Weise
Zwei angehende Fahrdienstleiter studieren den Gleisplan. Foto: factum/Weise

Kornwestheim - Das gibt ein großes Fest“, freut sich Hans-Peter Hurth, erster Vorsitzender des Fördervereins Lehrstellwerk. Der Verein wird Eigentümer einer doppelten Kreuzungsweiche. „Wir haben lange dafür gekämpft“, sagt der 58-Jährige mit etwas Erleichterung in der Stimme. Mehr als zwei Jahre stand die spezielle Weiche auf dem Wunschzettel. Nun kommt sie. Die Gleisbauschule Ludwigshafen macht die doppelte Kreuzungsweiche, die bislang noch in Untertürkheim liegt, zu einem Projekt. Studenten werden den Stahlkoloss abbauen, ihn zerlegen und für den Transport fertig machen. Selbstverständlich werden sie das neue Schmuckstück im Lehrstellwerk in der Jahnstraße auch wieder aufbauen. Für den Straßentransport wird der Verein wohl aufkommen müssen, aber das nehmen Hurth und Co. gern in Kauf. „Es wird eine Übergabe zusammen mit der Bahn geben“, sagt der Vorsitzende, der im gleichen Atemzug erwähnt, dass er nicht erwarte, dass ihm der Konzern das Metall-Ungetüm in Rechnung stellen werde.

Ohnehin steht die Bahn eigentlich in der Schuld des Fördervereins Lehrstellwerk: In dem 1934 von der Reichsbahn erbauten Gebäude in der Jahnstraße wurden bis 1995 Fahrdienstleiter ausgebildet. In den 60er-Jahren war es manchmal so brechend voll, dass die 30 festen, einer alten Schulbank ähnelnden Plätze nicht ausreichten und zusätzliche Stühle aufgestellt werden mussten. Dann aber sollte Schluss sein. Die Bahn wollte nach ihrer Privatisierung sparen. Erst habe das Unternehmen in Erwägung gezogen, in dem Haus an der Jahnstraße Umkleidekabinen und Duschen für Rangierer einzurichten. Das hätte aber 120 000 Mark gekostet und wäre der Bahn zu teuer gewesen, erzählt Hurth, weshalb sie den Bau abreißen wollte. „Als die Stadt das spitzbekommen hat, wurde das hier kurzerhand unter Denkmalschutz gestellt.“ Ein Glücksfall, wie sich herausstellen sollte. Sowohl für die Bahn als auch für den Verein.

Das Unternehmen, das ab Anfang der 90er-Jahre mit dem Slogan „Unternehmen Zukunft“ warb, sah – Denkmalschutz hin, Denkmalschutz her – indes keine Zukunft mehr für das Lehrstellwerk. Allein Günther Schwarz, ein Pensionär, der beim Kornwestheimer Rangierbahnhof im Signaldienst tätig gewesen war, hielt die Anlagen einigermaßen in Schuss – so gut das alleine eben ging. „Wenn es nach der Bahn gegangen wäre, wäre das hier alles zerfallen“, sagt Hurth.

Dementsprechend heruntergekommen sah das Gebäude aus, als sich der „Förderverein Lehrstellwerk Kornwestheim“ zusammenfand. „Die Wetterseite“, sagte Hurth und zeigt dabei in Richtung des Rangierbahnhofs, „wäre beinahe eingestürzt, die Balken waren so morsch, dass man sie mit der bloßen Hand zerdrücken konnte.“ Auch Heinrich Güßler, der wie Hurth Gründungsmitglied des Vereins ist und alles über Stellwerke, deren Geschichte und die aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet weiß, erinnert sich noch an diese Zeit. „Das war ordentlich viel Arbeit“, sagt er.

Unter der Federführung des damaligen Kornwestheimer Oberbürgermeisters Dr. Ulrich Rommelfanger formierte sich 2005 der Förderverein, der zunächst größtenteils aus Bediensteten der Stadt bestand. Erster Vorsitzender wurde Gerhard Fischer. Der sei kurzerhand vom OB dazu benannt worden. Viel Mitspracherecht hätten die anderen nicht gehabt, erinnert sich Hurth. „Rommelfanger hat gewusst: Wenn ich den das machen lasse, dann läuft der Laden“, sagt der Bedienstete der DB. Und der Bürgermeister, der auf seinem 50. Geburtstag die ersten 1300 Euro für den Verein einsammelte, sollte Recht behalten.

Richtig durch startete der Verein nach der ersten großen Spende der Wüstenrot-Stiftung, mit der Wasseranschlüsse gelegt und Heizungen installiert werden konnten. Beides hatte die Bahn gekappt beziehungsweise ausgebaut. Der Stadt Kornwestheim war es letztlich zu verdanken, dass das Lehrstellwerk heute wieder so gut dasteht. 2009 hat sie mit Zuschüssen des Landes das Gelände nach langem Hin und Her – wobei zwischendurch auch die symbolische Summe von einem Euro angeboten wurde – gekauft. Vier Jahre später wurde die alte Baracke dann vollends renoviert.

Kaum erstrahlte das Lehrstellwerk in neuem Glanz, die Glühlämpchen blinkten wieder, die alten Hebel, mit denen man das Gleiswerk verstellen kann, ließen sich wieder ein bisschen leichter ziehen, klopfte die Bahn auch wieder an. In Mainz herrschte wegen fehlender Fahrdienstleiter das Chaos, teilweise hielten überhaupt keine Züge mehr. Das Unternehmen hatte 2013 gemerkt, dass es teilweise an der falschen Stelle gespart hatte. Und so wurde die Ausbildungsstätte plötzlich wieder attraktiv. Historischen Wert haben die Anlagen ohnehin: Die alten farbigen Hebel, an denen man ganz schön ziehen muss, um sie zu bewegen, knarzen. Was die Kurbeln und Knöpfe auslösen, wissen nur die Fachmänner. Auf einer großen Tafel oberhalb der Anlagen ist ein Schienennetz aufgemalt. Jede schwarze Linie steht für ein Gleis, blinkende orangene und rote Lämpchen veranschaulichen, wie die Weichen gestellt sind und wie ein Zug fahren würde. An 50 bis 60 Tagen im Jahr bildet die Bahn hier inzwischen wieder Fahrdienstleiter aus, auch Quereinsteiger, die als Lokführer anfangen, kommen nach Kornwestheim.

Und das obwohl die Technik teilweise längst nicht mehr aktuell ist. Neben rein mechanischen Stellwerken – das älteste stammt von 1896 –, gibt es voll elektronische Anlagen, mit denen Fahrstraßen, Weichen- und Signaleinstellungen simuliert werden können. „Aber an der alten Technik lässt sich gut veranschaulichen, warum etwas nicht funktioniert. Bei den neueren elektronischen Anlagen geht das eben nicht“, erklärt Heinrich Güßler, der die Lehrveranstaltungen der angehenden Bahnmitarbeiter von Seiten des Fördervereins mitbegleitet. Und deshalb bildet die Bahn eben immer noch, oder besser gesagt wieder in Kornwestheim aus. Dem Förderverein sei Dank.

Die Mitglieder überlegen derweil, der Bahn sogar noch ein Stück mehr entgegenzukommen und in ein komplett elektronisches Stellwerk, wie es heute im Bahnverkehr überall in Deutschland zu finden ist, zu investieren. Die Neuanschaffung würde 10 000 Euro kosten. Beim Förderverein sind sie davon überzeugt, dass die Bahn davon profitieren würde. Die Lehrer der Deutschen Bahn könnten dann alle Aspekte am gleichen Ort lehren und müssten nicht quer durch Deutschland reisen. „Die wären begeistert“, ist sich Güßler sicher.

Auch sonst sieht die Zukunft des Lehrstellwerks ziemlich rosig aus. Die Bahnschule Regensburg, die einzig vergleichbare Ausbildungsstätte in Süddeutschland, soll dicht gemacht werden und in Fulda wieder aufgebaut werden. „Wir wären dann das einzige Lehrstellwerk im süddeutschen Raum“, sagt Güßler. Und als Museum bleibt der Bau ohnehin erhalten. Rund 500 Besucher kommen pro Jahr, um eine Führung zu machen, am Tag der offenen Tür können es schnell noch einmal 500 Menschen sein. „Das Schöne ist, die Leute sehen hier, was für ein Aufwand es ist, einen Zug auf das richtige Gleis zu bringen“, sagt Güßler. Hans-Peter Hurth ergänzt: „Die meisten haben auch viel mehr Verständnis dafür, wenn ihr Zug mal ein paar Minuten Verspätung hat.“ Die Männer vom Lehrstellwerk-Verein befrieden also auch ein bisschen die vielen genervten Pendler.

Auf stolze 170 Mitglieder ist der Verein, der einmal im Jahr Hobby-Fahrdienstleiter ausbildet – 2017 gibt es das Angebot bereits zum fünften Mal – inzwischen angewachsen. Hans-Peter Hurth sagt: „Wir haben das Ziel 200 Mitglieder noch nicht aus den Augen verloren.“ Wann das dem Förderverein gelingt, das will er nicht prognostizieren. Das wäre dann der nächste Meilenstein. Aber erst mal freuen sich Hurth, Güßler und Kollegen über ihre neue doppelte Kreuzungsweiche. Sobald sie dann da ist. Bislang mussten sie Fahrsituationen an einem Eisenbahnmodell der Firma Märklin erklären. Das gehe zwar auch, aber in Originalgröße sei es einfach schöner. „Wenn sie dann da ist, dann werden wir stundenlang draußen drumherum sitzen“, sagt Heinrich Güßler.