KornwestheimDie Stammkunden sind die Gelackmeierten

Birgit Kiefer, vom 13.08.2017 00:00 Uhr
Die Hühner, die auf dem Hof Sperling  in Freilandhaltung gehalten werden, haben viel Platz zum Scharren und Picken. Ihre Eier sind aber entsprechend teurer. Foto: Birgit Kiefer
Die Hühner, die auf dem Hof Sperling in Freilandhaltung gehalten werden, haben viel Platz zum Scharren und Picken. Ihre Eier sind aber entsprechend teurer.Foto: Birgit Kiefer

Kornwestheim - Wenn Simon Sperling die frisch gelegten Eier seiner Hühner geradezu aus der Hand gerissen werden, sollte er sich doch freuen – könnte man jedenfalls meinen. Er könnte gerade wahrscheinlich die doppelte Menge an Eiern verkaufen als sonst. Der Landwirt schaut aber nicht gerade sehr glücklich aus, wenn er von der hohen Nachfrage an seinem Hofladen erzählt. Denn es habe nicht wirklich ein Umdenken bei den Konsumenten stattgefunden, wie das Interesse suggeriere, sondern der Fipronil-Skandal mache es möglich. Nur weil jetzt das Misstrauen gegenüber importierten Eiern hoch sei, werde kurzfristig der Markt durcheinander gewirbelt. „Meine Stammkunden drohen da auf der Strecke zu bleiben“, sagt der junge Landwirt.

Das ärgert Sperling. „Schließlich haben die, die bisher im Discounter ihre Eier gekauft haben, das Problem verursacht.“ Vermutlich sei das verbotene Insektizid einfach günstiger gewesen als andere und darum zum Einsatz gekommen. Und nun seien plötzlich regionale Eier heiß begehrt, aber auf diese Nachfrage könne er gar nicht so schnell reagieren, beschreibt Sperling das Dilemma. Jetzt im Sommer habe er die Produktion wie jedes Jahr runtergefahren. Nur 3100 Hennen hat er gerade; in Zeiten, in denen üblicherweise große Mengen an Eiern benötigt werden, hat er auch mal 4000 Hühner.

Der Ansturm auf seine Eier hat schon Konsequenzen: In der kommenden Woche müsse er wohl die Lieferung an die sechs Hofläden, die er versorge, auf die Hälfte reduzieren. „An meinem Automaten sind vor allem die Eier aus Bodenhaltung in der Größe M immer wieder schlagartig weg“, erzählt er und überprüft die Anlage – und mal wieder sind gerade diese Eier ausgegangen. „Das sind die günstigen“, erläutert Sperling. Wer bisher beim Discounter gekauft habe, wolle auch jetzt nicht die noch teureren Freilandeier kaufen.

1600 Hühner genießen bei ihm die Zeit auf den Wiesen an seinem Hof. Sie sind die Glücklichen, die in Freilandhaltung leben dürfen. Hähne – immer mit einem Tross an Hennen um sich herum – krähen, fröhlich wird im Boden gescharrt, wird in Sandkuhlen gebadet und werden Regenwürmer aus dem Boden gezogen. Echtes Hühnerleben eben. Die 1500 Hühner Sperlings in Bodenhaltung haben es da nicht ganz so gut. Sie haben einen kleinen, überdachten Auslauf, aber nicht wirklich viel Platz. Der Arbeitsaufwand, der Platzbedarf, die Investitionskosten sind aber laut Simon Sperling viel niedriger. Daraus resultiere der niedrigere Preis – und das sei manchen Kunden eben wichtiger als Tierwohl.

Allein für die Stallhygiene gibt Sperling im Jahr rund 5000 Euro aus. „Wir verwenden aber nur zugelassene Mittel und setzen im Kampf gegen die rote Blutmilbe auf die natürlichen Gegenspieler.“ Das sind Raubmilben, die sich von Blutmilben ernähren. Die Kunst, erläutert Sperling, sei, das natürliche Gleichgewicht zu erhalten. „Ein Chemiecocktail kommt bei uns nicht zum Einsatz, Säure und Lauge reichen.“

Eier seien ein hochwertiges Lebensmittel, dessen Produktion mit hohem Aufwand und Sorgfalt durch den Bauern erfolge, betont Sperling. Er hat eine eigene Rechnung aufgemacht: Der Bundesbürger verbrauche pro Jahr 280 Eier. Kaufe er die teurern, lokal hergestellten, zahle er 20, 30 Euro mehr im Jahr. „Aber das Geld bringt man nicht auf. Aber für ein neues Smartphone mal schnell 700 Euro berappen, das geht wiederum.“

Betritt Sperling einen der Ställe, dann klopft er vorher an, sonst könnten sich die Tiere erschrecken. Vorsichtig hebt er zwei Eier auf, die Hennen einfach auf den Boden statt auf das automatische Band gelegt haben. „Wir verdienen nur ein paar Cent an jedem Ei“, merkt er an. Damit er allein von den Legehennen leben könnte, müsste er die doppelte Menge an Tieren halten, aber er setzt auf einen Mix aus Produkten – so pflanzt er auf seinen eigenen Feldern das Soja für die Hühnerfütterung an, hat Obstbäume und Gemüse.

Nur 40 Prozent der in Baden-Württemberg verkauften Eier stamme auch von hier, weiß er. Im bundesweiten Durchschnitt seien es 70 Prozent, die von einem regionalen Produzenten kommen. Dabei gebe es nicht nur unter dem Eindruck des Fipronil-Skandals gute Gründe, mit dem Kauf die lokale Landwirtschaft zu unterstützen: „Unsere Eier schmecken auch anders“, versichert Sperling, „sie haben ein dunkleres Dotter und sind einfach besser als die Massenware aus dem Supermarkt.“