Kornwestheim Die Tür im Tafelladen steht für alle offen

Michael Bosch, vom 09.03.2018 09:00 Uhr
Zwei Frauen stehen hinter der Theke im Martinistüble. Rund 60 Personen kaufen hier zwei Mal in der Woche ein. Foto: Archiv/Michael Bosch
Zwei Frauen stehen hinter der Theke im Martinistüble. Rund 60 Personen kaufen hier zwei Mal in der Woche ein. Foto: Archiv/Michael Bosch

Kornwestheim - Wie so viele der mehr als 930 Tafeln in Deutschland verzeichnet auch der Tafelladen in der Kornwestheimer Karl-Joos-Straße mehr Kunden mit Migrationshintergrund. „Das ist schon seit einiger Zeit so“, sagt Franz Scheuermann, der das so genannte Martinistüble gemeinsam mit Jacqueline Avagliano leitet. Aber ausgeschlossen werde hier in Kornwestheim niemand.

Zuletzt hatte eine Entscheidung der Tafel in Essen, keine Neukunden mit ausländischem Pass mehr zuzulassen, für Diskussionen gesorgt. Geflüchtete hatten sich dort bei der Essensausgabe danebenbenommen.

Die Verantwortlichen aus Kornwestheim können die Probleme nachvollziehen. Sie haben sie auch schon erlebt. Als die Leute einfach anstanden, um im Laden einzukaufen, wurde gedrängelt, es kam zu Streitereien. „Wir sind aber inzwischen anders organisiert“, sagt Scheuermann. An den Verkaufstagen Mittwoch und Freitag wird morgens gelost. Das Los bestimmt, wer wann am Mittag einkaufen darf. „So schließen wir aus, dass sich irgendjemand benachteiligt fühlt“, so Scheuermann. „Mal ist man dann eben als dritter oder vierter dran und ein anderes Mal halt als fünfzigster. Das gleicht sich aus.“ Die Tafel in Ludwigsburg handhabt es genauso.

Das Thema Armut wird stärker gesellschaftlich thematisiert

Scheuermann sagt auch: Natürlich müsse man einigen Besuchern Einhalt gebieten. Er hat die Erfahrung gemacht, dass vor allem jüngere Männer, die alleine nach Deutschland kommen, für Probleme sorgen – sie hätten zuweilen andere Vorstellungen davon, wie sie Frauen gegenüber auftreten könnten. „Die muss man dann zurechtweisen.“ Scheuermann stellt klar, dass es sich bei den Personen nicht um die Mehrheit handelt. Und: Familienväter verhielten sich da ganz anders.

Die Menschen, die vom Angebot des Martinistüble Gebrauch machen, werden dort behandelt wie Kunden. Scheuermann und Avagliano behalten es sich aber vor, sie auch ganz vom Tafelladen auszuschließen – auch wegen ihres Verkaufspersonals. „Die Damen machen das ehrenamtlich. Sie muss man schützen“, betont Scheuermann. In Einzelfällen seien Ausweise für drei bis vier Wochen eingezogen worden, wenn sich Personen gegenüber den Angestellten oder anderen Kunden nicht korrekt verhalten hatten oder die Lichtbildausweise, die man zum Einkaufen braucht, gefälscht wurden.

Die Situation der Essener Tafel sei „ein spezieller Fall“ und bei solchen „Auswüchsen“ müsse gehandelt werden, betont Scheuermann. Der Fall zeige auch, was alles zur Integration dazugehöre. „Es geht eben nicht, dass man immer nur fordert. Man muss auch etwas hergeben.“ Ein positiver Nebeneffekt sei, dass das Thema Armut wieder stärker gesellschaftlich thematisiert werde. In Kornwestheim kommen zur Hälfte Menschen mit ausländischem, und zur Hälfte mit deutschem Pass in den Tafelladen. An den beiden Verkaufstagen kommen circa 60 Personen. „Die kaufen für hochgerechnet rund 300 Menschen ein“, sagt Franz Scheuermann.