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KornwestheimDie Wunde verheilt, das mulmige Gefühl bleibt

Gaby Mayer, vom 21.12.2012 19:00 Uhr
Das Landgericht in Stuttgart beschäftigt sich mit einem versuchten Mord in Kornwestheim. Foto: dpa
Das Landgericht in Stuttgart beschäftigt sich mit einem versuchten Mord in Kornwestheim.Foto: dpa

Kornwestheim - Eigentlich, sagt der 34-Jährige, sei er ein Mensch, der Courage zeige – auch, wenn er nicht im Dienst sei. Doch sein aufmerksames Einschreiten ist dem 34-Jährigen im Frühsommer zum Verhängnis geworden, als er am Rande einer Party auf dem Salamander-Areal von einem 19-Jährigen mit einem Messerstich verletzt wurde. Auch wenn die körperlichen Wunden verheilt seien, lässt ihn die Tat nicht los. „Man denkt jeden Tag daran.“ Und ob er noch einmal so handeln würde, wisse er nicht. „Man denkt schon darüber nach, ob man wieder eingreifen würde“, sagte er. „Das ist eigentlich schade.“

Am 22. Juni hatte er mit seiner Frau einfach fröhlich feiern wollen – es war der erste „babyfreie“ Abend für die jungen Eltern. Sie tanzten und tranken auf dem Fest, das sie gegen 1.30 Uhr verließen. Dabei fiel ihnen der Angeklagte auf, der gegen leere Glasflaschen trat. „Was soll der Scheiß?“, habe er dem jungen Mann zugerufen, berichtete der 34-Jährige gestern vor der 4. Großen Jugendkammer des Stuttgarter Landgerichts. Damit, dachte der Zeuge, der auch als Nebenkläger auftritt, sei die Sache erledigt. Tatsächlich sei der junge Mann einen Moment später auf ihn zugekommen, habe sich vor ihm aufgebaut. Bedrohlich sei die Situation gewesen, sagte der Polizist rückblickend, weswegen er deutlicher geworden sei: „Ich habe ihm gesagt, er soll sich verpissen.“ Zudem habe er den Angeklagten, der ihm viel zu nahe kam, mit der flachen Hand von sich weggeschoben. Ärger, wie es ihm der 19-Jährige unterstellt, habe er mit Sicherheit nicht gesucht. „Ich wollte einfach mit meiner Frau nach Hause.“ Zudem sei ihm wohl bewusst, dass es Schwierigkeiten im Dienst nach sich ziehe, wenn er sich in der Freizeit auf handgreifliche Auseinandersetzungen einlasse. „Erst recht, wenn ich den Angeklagten am nächsten Tag im Stadtpark wiedertreffe.“

Mit einem sogenannten Einhandmesser, das mit einem einzigen Daumenschub geöffnet wird und das der 19-Jährigen schon von Gesetzes wegen gar nicht hätte dabei haben dürfen, stach der Angeklagte zu. Trotz Verletzung setzte der Polizist dem fliehenden Ludwigsburger nach, rief Sicherheitskräfte und Vollzugsbeamte zu Hilfe, die den 19-Jährigen überwältigten. Erst dann wurde der Verletzte ins Krankenhaus gebracht. Aus Angst zu verbluten habe er unterwegs die Wunde abgedrückt, erzählte er in der Verhandlung. Erst drei Monate nach der Tat war der 34-Jährige wieder voll dienstfähig. Körperlich gehe es ihm gut, sagte der Polizist. Doch auf der Straße verspüre er angesichts von Jugendgruppen durchaus ein mulmiges Gefühl. So geht es auch seiner Ehefrau. Die 32-Jährige berichtete in der Verhandlung, dass sie die ersten beiden Monate nach der Tat das Haus abends nicht alleine verlassen habe.

Dass er der Familie derart Schlimmes angetan habe, tue ihm leid, sagte der Angeklagte in der Verhandlung. „Ich hoffe, Sie nehmen meine Entschuldigung an.“ Aus der Haft heraus hat er dem Paar bereits einen Brief geschrieben, in dem er seine Tat bedauerte. Ob dies ernst gemeint war, wisse er nicht, sagte das Opfer. Angesichts der Tatsache, dass der Angeklagte in seiner Version der Geschehnisse von der Wahrheit abweiche, bezweifle er die Aufrichtigkeit der Entschuldigung. Auch eine Entschädigung in Höhe von 5000 Euro ist geflossen, die aber weder er noch seine Anwältin gefordert hätten, wie der Polizist betonte.

Das Geld kommt von der Familie des 19-Jährigen, er selbst habe nichts, erklärte er zum Prozessauftakt. Weil er bereits als Jugendlicher angefangen habe zu spielen und bei Sportwetten zu setzen, war das Lehrlingsgehalt immer weg, das Konto überzogen. Geld ging zudem für Alkohol und Drogen drauf, und auch für seine Mitgliedschaft bei den Black Jackets musste er jeden Monat einen Beitrag zahlen – auch wenn er davon inzwischen nichts mehr wissen will. Ebenso wenig wie seine Freunde, die gestern als Zeugen aussagten. „Wenn es um die Black Jackets geht, haben Sie alle kollektiven Gedächtnisschwund“, zeigte sich die Vorsitzende Richterin Cornelie Eßlinger-Graf wenig erbaut über die Zurückhaltung der Zeugen. Dabei habe einer der jungen Männer, ein 18-jähriger Kornwestheimer, sogar eine Zeit lang behauptet, Präsident der als kriminell geltenden Organisation zu sein, hielt ihm die Jugendrichterin vor. Ein anderer Zeuge soll im Tumult der Festnahme des Angeklagten Sicherheitsbeamte angefaucht haben: „Weißt du überhaupt, wer ich bin? Ich bin von den Black Jackets.“

Das allerdings leugneten die jungen Männer im Zeugenstand, und sie vermochten sich auch nicht mehr daran zu erinnern, ob sie dem Angeklagten auf der Party erzählt hatten, dass es sich bei dem 34-Jährigen, den die Gruppe schon auf dem Fest sah, um einen Polizisten handelt. Von jenem waren die jungen Kornwestheimer nämlich in der Vergangenheit schon das ein oder andere Mal kontrolliert worden.

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