Kornwestheim Ein paar Briefe bleiben den Nachkommen

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Lina Herr mit Tochter Charlotte, Sohn Willy, Ludwig Herr, Töchter Trude und Else und Sohn Friedrich (von links) Ende der 1920er Jahre. Da ist die Familie Herr noch vereint. Foto: z

Kornwestheim - „Hoffentlich seid Ihr alle gesund und munter. Wie sehnlichst warte ich auf eine Nachricht von Euch.“ Ludwig Herr, der wegen seiner Tätigkeit als hauptamtlicher Sekretär der Roten Hilfe von den Nationalsozialisten inhaftiert wurde, schreibt diese Sätze an seine Tochter Else. Er endet seinen Brief von Anfang Dezember 1944 mit „Euch allen wünsche ich das Beste zu Weihnachten und zum Jahr 45“ – als wäre es ein ganz normaler Weihnachtsgruß. Aber: Geschrieben wurde er im Konzentrationslager Neuengamme. „Es ist der letzte Brief von Opa, den ich habe“, sagt Renate Benger-Wagner. Am 24. Januar 1945 starb Ludwig Herr. Angeblich an einer Lungenentzündung. Erst Jahrzehnte später begab sich seine Enkelin Benger-Wagner auf seine Spuren.

Was die Initialzündung für ihr Interesse am Großvater war, das kann die Kornwestheimer nicht mehr sagen. „Aber wenn man mal anfängt zu recherchieren, dann macht das süchtig“, erinnert sie sich. Im Staatsarchiv in Ludwigsburg nahm sie die Fährte auf. Ihre Großmutter hatte für die Zeit der Inhaftierung ihres Mannes Entschädigungszahlungen bekommen – also musste es Akten im Staatsarchiv geben. Die waren allerdings nicht so ergiebig. Der wichtigste Schatz darin: Es fanden sich Zeugenaussagen von Mithäftlingen von Ludwig Herr. Demnach starb Ludwig Herr vermutlich nicht an einer Lungenentzündung, sondern infolge eines Unfalls. Bereits Anfang der 1920er-Jahre hatte Herr seine rechte Hand verloren. Im Januar 1945 soll er eine Gruppe von russischen Inhaftierten im Konzentrationslager beaufsichtigt haben. Sie arbeiteten an einer Maschine, und als diese hakte, soll Herr – von Beruf Mechaniker – versucht haben, sie wieder in Gang zu bringen, wobei seine linke Hand verletzt wurde. „Ich glaube nicht, dass die Wunde so kurz vor dem Ende des Krieges ordentlich versorgt wurde.“ Was aber genau geschah – Renate Benger- Wagner wird es wohl nie erfahren.

Vom Staatsarchiv fand sie noch den Weg zum Geburtsort des Großvaters, der am 8. Mai 1890 in Ortenbach bei Offenburg zur Welt kam. Die Geburtsurkunde offenbarte eine Überraschung: Ludwig Herr war von seinem Vater Gottlieb Wilhelm Herr adoptiert worden. „Danach habe ich aber die Spur verloren“, bedauert die Enkelin. Ihr blieben jedoch Briefe an Mutter Else. In ihnen zeigt sich Ludwig Herr als treu sorgendes Familienoberhaupt, das mal seine „liebste Elsel“ schilt, weil sie ihm Backwerk geschickt habe. Das solle lieber der erkrankten Enkelin Christa gegeben werden. Für ihn sei das „doch bloß Schleckerei“. Dabei geht es ihm – damals im KZ Dachau – sicher auch nicht gut. Mal macht Ludwig Herr Mut, dass der Krieg bald vorbei und die Familie wieder vereint sei. Nie lässt er in den Schreiben an Else durchscheinen, wie es ihm in den wechselnden Lagern ergeht.

Die Briefe hat die Enkelin aus dem Sütterlin übertragen. Keine 20 von ihnen sind ihr erhalten geblieben. Sie sind der direkteste Zugang zu ihrem Großvater. Es sind bedrückende Dokumente. „Wenn man da das Datum sieht mit dem Ort Dachau, das geht einem nahe.“

Die Oma – Lina Herr – sprach nie von dem, was ihrem Mann widerfahren ist. Auch sie, die zwölf Jahre lang die Kinder alleine durchbringen musste, selbst für vier Wochen inhaftiert und mehrere Wochen von der Gestapo verhört wurde, war traumatisiert. In Kornwestheim soll sie mit einem Leiterwagen Teigwaren an den Mann gebracht haben, um wenigstens ein wenig Geld zu verdienen. Nicht einmal Putztätigkeiten durfte sie ausüben.

Der Stolperstein, der an ihren Mann Ludwig Herr erinnern wird, wird vor dem Haus Nummer 31 in der Holzgrundstraße eingelassen.

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