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Kornwestheim Eine beklemmende Spurensuche

Susanne Mathes, vom 08.11.2013 00:00 Uhr
Die grauen Busse mit der langgezogenen Motorhaube holten Patienten aus den Anstalten ab, um sie nach Grafeneck zu bringen. Foto: Gedenkstätte Grafeneck
Die grauen Busse mit der langgezogenen Motorhaube holten Patienten aus den Anstalten ab, um sie nach Grafeneck zu bringen. Foto: Gedenkstätte Grafeneck

Kornwestheim - Selbstbewusst und offen blickt der junge Georg Müller in die Kamera, das Taschentuch adrett in der Brusttasche, die Zigarette leger in der rechten Hand. Georg ist das vierte von zehn Kindern der Familie Gottlieb Müller aus der Dorfwiesenstraße. Ein guter Schüler war er gewesen, aus dem jetzt ein talentierter Mechaniker geworden ist. Er arbeitet in der Autowerkstatt seines Bruders mit und kann nach dessen Aussage auch „die schwierigsten Fachbesorgungen einwandfrei erledigen“, ist umsichtig, gewissenhaft, fleißig.

Doch dann verändert sich der junge Mann. Immer öfter fühlt er sich matt und müde. Er wird interesselos, apathisch. Er sucht Hilfe, lässt sich in Kornwestheim ärztlich behandeln, auch im homöopathischen Krankenhaus in Stuttgart und in der Ludwigsburger Klinik. Im Alter von 26 Jahren findet Georg Müller auf eigenen Wunsch Aufnahme in der Psychiatrischen Klinik in Tübingen. Seine Brüder begleiten ihn zum Aufnahmegespräch. Dem aufnehmenden Arzt erklären sie, mitunter spreche Georg tagelang keine Silbe, dann mache er wieder „einen Abend lang vergnügte Sprüche, wie früher“.

Doch wie früher wird es nie mehr. Im Dezember 1929 wird der junge Mann von Tübingen nach Göppingen überwiesen. Elf Jahre später wird er als „ungeheilt“ in die „Heilanstalt Weissenau“ überführt – eine Anstalt, von der aus 1940/41 nachweislich 691 Patientinnen und Patienten in Bussen nach Grafeneck auf der Schwäbischen Alb deportiert und mit Gas umgebracht wurden.

Von Georg Müller ist der „Austritt“ aus Weissenau für den 5. Dezember 1940 dokumentiert. Wohin er konkret verbracht wurde wurde, dazu gibt es keine Angaben. Doch in der Gedenkstätte Grafeneck liegt ein Gedenk- und Namensbuch aus, in dem Georg Müller mit zugehörigem Geburtsdatum zu finden ist. Von Januar bis Dezember 1940 sind in Grafeneck mehr als 10 600 Menschen ermordet worden, die aus Krankenanstalten und Heimen in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen dorthin transportiert worden waren. Georg Müllers Leichnam wurde am 2. Februar 1941 „dem Grab der Mutter übergeben“.

Wenn für Georg Müller am kommenden Mittwoch in der Dorfwiesenstraße 29 ein Stolperstein verlegt wird, dann werden auch Nachfahren von Georg Müllers Geschwistern dabei sein – zum Beispiel Brigitte Kienzle. Sie hat zusammen mit Hans Müller das Schicksal ihres ermordeten Verwandten dokumentiert – von dem sie lange Zeit nichts und später nur ganz Ungefähres wusste. „Georg Müller war der Bruder meiner Oma“, erzählt sie. Bestimmt habe die Oma früher auch über diesen Bruder gesprochen. „Vielleicht habe ich das als Kind auch nicht so recht zur Kenntnis genommen.“ Erst als die Nachfahren vor einiger Zeit im Zusammenhang mit dem Verkauf des großelterlichen Hauses zusammen an einem Tisch saßen, kam das Gespräch wieder auf diesen Georg Müller und die ungeklärten Umstände seines Todes.

Die Gründung der Kornwestheimer Stolperstein-Initiative war dann Anlass für Brigitte Kienzle, sich intensiver mit Georg Müller zu beschäftigen. Je tiefer sich das Rechercheteam in die Archivarbeit kniete – beispielsweise im Staatsarchiv Ludwigsburg oder im Archiv der Neurologie in Tübingen – desto beklemmender wurde die Spurensuche. Zu Ende wird sie mit der Verlegung des Stolpersteines nicht sein.

„Wenn man weiß, was da ein depressiver Mensch Furchtbares mitmachen musste, bis zum bitteren Ende – das macht sehr betroffen“, sagt Brigitte Kienzle. Dass mit dem Stolperstein die Erinnerung an diesen Menschen wieder aufersteht, findet die Kornwestheimerin wichtig und tröstlich. „Der Stolperstein“, hofft sie, „,macht Georg Müllers Geschichte für unsere und die nächsten Generationen gegenwärtig“.

Den Stolperstein für Georg Müller verlegt Gunter Demnig am 13. November in der Dorfwiesenstraße 29. Geplanter Verlegungszeitpunkt ist um 15.30 Uhr.