Kornwestheim „Er hatte von Anfang an keine Chance“

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B Foto: NARA/Dokumentationsstelle Hartheim

Kornwestheim - In unserem heutigen System hätte er Zuwendung und Unterstützung bekommen, vielleicht die Förderschule besuchen und womöglich sein eigenes Leben führen können“, sagt Isolde Gneiting-Tränkle, die sich mit dem Leben von Friedrich Tiefenbacher beschäftigt hat.

Doch als Friedrich im Jahr 1888 als 14. Kind der Schäferfamilie Tiefenbacher – sie hatte damals die kommunale Schäferei gepachtet – in schwierige Familienverhältnisse hineingeboren wird, sind die Voraussetzungen für einen Menschen, dem die Diagnose „Imbecillitas“ – Geistesschwachheit – gestellt wird, denkbar ungünstig.

Friedrichs Mutter stirbt bereits im Jahr 1905. Der junge Mann lebte dann bei seinem Vater. 1909 wird er erstmals in die Heilanstalt Göppingen eingewiesen, kann ein knappes Jahr später aber „in gebessertem Zustand“ wieder nach Hause zurück. Er verdingt sich als Tagelöhner, wird auch kurzfristig zum Militär eingezogen.

Als der Vater 1912 ebenfalls stirbt, wird ein Verwandter gleichen Namens zu Friedrich Tiefenbachers Vormund bestellt. Wegen Unzuverlässigkeit und Auffälligkeiten muss er 1916 wieder in die Göppinger Heilanstalt. Acht Jahre lang verbleibt er dort, kommt dann 1922 in die Heilanstalt Weissenau, ein Jahr darauf erfolgt die Verlegung in die Königliche Heilanstalt Weinsberg. Dort herrscht unter Psychiater Dr. Paul Kemmler ein zu jener Zeit fortschrittlicher Geist: Ein humanes Leitbild, fortschrittliche Behandlungsmethoden, gute Luft und schöne Umgebung prägen die Klinik. „Dort dürfte Friedrich Tiefenbacher ein gutes, menschenwürdiges Leben gehabt haben“, sagt Isolde Gneiting-Tränkle.

Doch nach Hitlers Machtübernahme gilt ein Leben wie das von Friedrich Tiefenbacher, bei dem inzwischen auch noch Schizophrenie diagnostiziert worden ist, als „lebensunwert“. Behinderte werden zwangssterilisiert. 1939 und 1940 beginnt das große, systematische Morden: Kranke und Behinderte werden in eigens errichteten Tötungsanstalten ums Leben gebracht.

Auf einer Transportliste, die im Staatsarchiv Ludwigsburg verwahrt ist, hat Gneiting-Tränkle Tiefenbacher gefunden: Er wird am 16. Juli 1940 „als ungeheilt entlassen“ und „in eine andere Anstalt verlegt“. Exakt dieselben Angaben seien bei allen auf der Liste stehenden Patienten vermerkt gewesen. Die meisten werden noch am 16. Juli in der Tötungsanstalt Grafeneck vergast. Auch Friedrich Tiefenbacher sei in Grafen-eck gelistet, sagt die Stolperstein-Forscherin. Doch war sein Leidensweg dort noch nicht zu Ende. Denn gestorben ist er laut Vermerk auf seiner Geburtsurkunde in der Nähe von Linz in der Tötungsanstalt Hartheim. Was in den Tagen dazwischen war? Was mit seiner Asche geschah? Niemand weiß es.

Die Monstrosität der Tötungsmaschinerie habe sie bei der umfangreichen Recherche – bei der neben dem Staatsarchiv auch Stadtarchivarin Natascha Richter sehr intensiv geholfen habe – regelrecht „geplättet“, blickt Isolde Gneiting-Tränkle zurück. Von einigen – den Umständen entsprechend – guten Jahren in Weinsberg abgesehen sei Tiefenbacher ein armer Mensch gewesen, „der von Anfang an keine Chance gehabt hat, im Jahr 1916 von der Kornwestheimer Bildfläche verschwand und dessen Leben im absoluten Desaster endete“.

Für Friedrich Tiefenbacher verlegt Gunter Demnig heute um 14.50 Uhr einen Stolperstein in der Ludwigsburger Straße 22, wo Tiefenbacher wohl zuletzt lebte – im Hause seines Vormunds.

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