Kornwestheim „Es geht auch mal ein Wochenende drauf“

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Rudolf Simon (links) und Michael Beckenkamp Foto: Marius Venturini

Kornwestheim - Wikipedia – die Online-Enzyklopädie ist mittlerweile in nahezu 300 Sprachen zugänglich und umfasst mehr als 39 Millionen Artikel. Von heute bis Sonntag findet nun im K die Wikipedia-Konferenz WikiCon Region Stuttgart statt. Simon Rudolf und Michael Beckenkamp sind maßgeblich an der Organisation beteiligt.

Herr Simon, Herr Beckenkamp. . . oder muss ich Sie mit Ihren Pseudonymen ansprechen?
Michael Beckenkamp: Mit Klarnamen bitte. Der ist ohnehin bekannt.
Wie wäre denn Ihr Wikipedia-Name?
Beckenkamp: Der lautet Mussklprozz.
Und Sie, Herr Simon?
Rudolf Simon: Auch mit dem Klarnamen, bitte (lacht). Der ist auch mein Wikipedia-Name, nur eben zusammengeschrieben. Viele legen aber tatsächlich großen Wert darauf, dass die wahre Identität nicht mit Wikipedia in Verbindung gebracht wird.
Beckenkamp: Vielleicht, damit der Arbeitgeber nicht mitbekommt, dass man während seiner Arbeitszeit Artikel editiert (lacht).
Wie viel Nerd muss man denn sein, so als Wikipedianer?
Beckenkamp: Man muss nicht zwingend ein Nerd sein, auch nicht das, was oft als ‚Hardcore-Wikipedianer’ bezeichnet wird. Es gibt Menschen, die ein bis zwei Artikel schreiben und dann wieder verschwinden, Menschen, die ein oder zwei Künstler in der Familie haben und diese dann in Wikipedia unterbringen.
Sie selbst sind da aber ein wenig aktiver, nehme ich an. . .
Beckenkamp: Ich habe seit dem Jahr 2004 ungefähr 30 000 Edits gemacht, aber da zählt auch jedes Komma dazu, das ich geändert habe. Wenn man längere Zeit dabei ist, ist man auch als Sichter tätig. Da klickt man regelmäßig die Änderungen von anonymen und neu angemeldeten Nutzern durch.
Simon: Vom erfahrenen Komma-Korrigierer bis zum Artikelverfasser haben wir 5000 bis 6000 relativ aktive Wikipedianer im deutschsprachigen Raum. Ich selbst verbringe rund vier bis fünf Stunden pro Woche mit Wikipedia.
Beckenkamp: Das kommt bei mir auch in etwa hin. Wenn man aber mal an einem Thema dran ist, geht auch mal ein Wochenende drauf.
Simon: Ein Wikipedianer, der drei Stunden nicht online ist, wird zittrig (lacht).
Beckenkamp: Hmm, das geht mir jetzt eigentlich nicht so.
Was führt die Wikipedia-Community denn nun nach Kornwestheim?
Beckenkamp: Ein Wikipedianer aus Bayern hat die Liste der Denkmäler in Kornwestheim reingestellt. Und für einen Teil der Fotos habe ich mich mit dem Fahrrad auf den Weg gemacht. Aber das ist nicht der eigentliche Grund für die Wahl des Veranstaltungsortes. Wir haben uns für das K entschieden, weil es ein tolles Angebot von dort gab. Und die Oberbürgermeisterin Ursula Keck hat sich sehr freundlich für uns eingesetzt.
Zu Ihren Funktionen als Organisatoren der WikiCon sind Sie aber eher unerwartet gekommen.
Beckenkamp: Das stimmt. Im Januar war ein Kick-off-Meeting in Berlin, dem Sitz der Deutschlandzentrale von Wikimedia, also der Dachorganisation der deutschen Wikipedia-Ausgabe. Und als wir mit dem Zug wieder nach Hause gefahren sind, waren wir plötzlich Programmleiter und Projektleiter. Da mussten wir uns natürlich nach einem Veranstaltungsort umschauen. Das Haus der Wirtschaft war im Gesamten zu unflexibel, die Räume an der Hochschule der Medien in Stuttgart-Vaihingen waren nicht verfügbar. Die Liederhalle war viel zu teuer. Und hier in Kornwestheim stimmt es einfach. Wir sind klasse aufgenommen worden.
Wer bezahlt denn den ganzen Kongress?
Simon: Wikimedia Deutschland finanziert den größten Teil der Veranstaltung durch Spenden. Auch ein Teil des Projektmanagements und die Verträge laufen über Wikimedia. Die Veranstaltung selbst wird aber durch die Community getragen und organisiert. Und das alles zusammengerechnet sollen wir nun in geordnete Bahnen lenken (lacht).
Beckenkamp: Jetzt haben wir aber das meiste hinter uns.
Simon: Wir konnten viele freiwillige Helfer mobilisieren, die ihren Teil dazu beitragen. Und wir arbeiten auch in der Organisation nicht alleine, sondern haben diverse Gruppen gebildet, die sich um einzelne Bereiche kümmern.
Beckenkamp: Auch an der Programmgestaltung hat ein kleines Programmteam und ein Beirat von sieben Personen gearbeitet. Insgesamt sind am Wochenende rund 50 Leute im Einsatz, alles Freiwillige.
Simon: So müssen wir nicht auf bezahlte Helfer zurückgreifen, außer natürlich bei der Bewirtung.
Von welchem Betrag reden wir, den Wikimedia zur Verfügung stellt?
Simon: Das Budget beträgt rund 100 000 Euro, das von Wikimedia Deutschland, Österreich und Schweiz gestellt wird. Ein großer Teil davon fließt in die Anfahrtskosten und Unterbringung der Helfer.
Wie muss man sich das Geschehen im K denn vorstellen? Diese Ansammlung von Wissen. . .
Simon: Die WikiCon ist das Familientreffen der Wikipedianer. Viele wollen dabei auch unter sich bleiben. Wir haben das ganze diesmal aber, auch gegen Widerstand aus Teilen der Community, etwas geöffnet. Für Leute, die wissen, dass es uns gibt, aber nicht, wie man mit Wikipedia so richtig umgeht. Für Menschen, die ihr Fachwissen einbringen wollen, aber eben keine ‚Digital Natives’ sind. Oder auch für Fotografen, die Bilder bereitstellen möchten. Wir möchten die Leute motivieren, gleichzeitig aber auch den Ansprüchen der langjährigen Wikipedianer gerecht werden.
Nicht umsonst heißt das Motto der diesjährigen WikiCon ‚Offenheit’. Wie wollen Sie diesen Einstiegshürden begegnen?
Simon: Die WikiCon steht jedem offen. Am Freitag und Samstag gibt es das ‚Forum des freien Wissens’, das kostenlos besucht werden kann. Dort haben zahlreiche Organisationen Stände und bieten Informationen an. Dabei handelt es sich um Gruppen aus der Wikipedia-Gemeinschaft, da gibt es eine ganze Menge Synergien. Außerdem gibt es zu jeder Stunde Einführungskurse. Wir könnten uns auch vorstellen, einen regelmäßigen Kurs in Kornwestheim zu etablieren. Da sind wir gerade dran.
Beckenkamp: Es steht natürlich auch jedem frei, sich eine Eintrittskarte zu kaufen und zu den anderen Vorträgen zu gehen. Das setzt aber natürlich eine gewisse Ernsthaftigkeit voraus.
Dort trifft man dann auch die, nennen wir sie tatsächlich einmal ‚Hardcore-Wikipedianer’.
Simon: Die Leute, die sich nicht so öffentlich zeigen und vernetzen möchten, haben im K natürlich diese und auch andere Rückzugsmöglichkeiten.
Ist es schwierig, Teil der Community zu werden?
Simon: Man hört ja oft, dass die Stamm-Wikipedianer die Neulinge sofort mit der Nase auf ihre Fehler stoßen. Inzwischen gibt es aber auch einen Knopf, über den man sich bei anderen bedanken kann. Fakt ist aber nach wie vor: Viele User, die viel geschrieben und eine Menge Lebenszeit investiert haben, betrachten Wikipedia als ihr Eigentum. Aber das ist nicht so. Diesem Denken wollen wir entgegenwirken. Wikipedia gehört jedem.
Prinzipiell kann auch jeder Nutzer jeden Artikel ändern.
Beckenkamp: Wenn jemand ein bestimmtes Interesse hat, einen Sachverhalt auf eine bestimmte Art und Weise darzustellen, gibt es natürlich auch andere Meinungen. Ein Beispiel, zu dem eine monatelange Schlacht getobt hat, ist ein Schweizer Historiker. Ihm wurde vorgeworfen, er habe bei manchen Dingen etwas zu dick aufgetragen – und auch in Sachen 11. September einige Verschwörungstheorien als ernst zu nehmende Alternativen dargestellt zu haben. In dieser Angelegenheit gab es in der Wikipedia-Community und auch außerhalb einige Anfeindungen.
Vom Weltgeschehen zurück nach Kornwestheim: Salamander, Stotz, Kreidler, auch das Lange Feld haben eigene Wikipedia-Einträge. Hätte sonst noch etwas einen Eintrag verdient?
Beckenkamp: Das Museum im Kleihues-Bau hat meines Wissens noch keinen eigenen Artikel. Museumsleiterin Frau Dr. Sedler hat uns am Wochenende aber schon zu sich eingeladen. Dabei möchte sie auch Literatur vorstellen, die zum Beispiel dem Eintrag über Salamander zu Gute kommen könnte. Der ist nämlich noch ziemlich ausbaufähig. Auch das Lehrstellwerk hätte einen eigenen Artikel verdient. Dessen Vorstand hat interessierte Konferenzteilnehmer für Sonntagmorgen zu einer Führung eingeladen.
Simon: Und es gibt sicher noch eine ganze Reihe von Personen, die relevant wären. Für Input sind wir immer dankbar.
Was ist beim Thema Bauten zum Beispiel mit dem Rathausturm?
Beckenkamp: Natürlich. Bauten von historischer Bedeutung sind immer ein Fall für Wikipedia. Fotos sämtlicher Denkmäler haben wir inzwischen – außer denen, die auf dem Gelände der Bahn stehen. Aber da werden wir uns demnächst mit unseren Pufferküssern in Verbindung setzen.
Moment. . . Pufferküsser?
Beckenkamp: Das sind die Bahnfreunde unter den Wikipedianern (lacht).
Simon: Solche speziellen Themen sind auch stets ein möglicher Einstieg in Wikipedia. Und zum Thema Firmen: Die relevantesten Unternehmen sind natürlich schon vertreten. Interessant sind aber auch kleinere Firmen, die spezielle Erfindungen oder Entwicklungen gemacht haben.
Zum Schluss nochmal zurück zur WikiCon. Ist die Szene groß genug, um das K zu füllen?
Beckenkamp: (lacht) Wir haben schon um die 300 Anmeldungen. Ich habe also eher die Befürchtung, dass wir überrannt werden könnten. Was die einzelnen Säle bei den verschiedenen Vorträgen angeht, mache ich mir zwar eher wenig Sorgen, dass diese überfüllt sein könnten. Aber die Veranstaltung als Ganzes wird schon voll sein.
Simon: Der Caterer ist auf ‚Gas geben’ vorbereitet. Aber da mache ich mir auch keine Gedanken darüber, dass es nicht klappen könnte.
 
 

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