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KornwestheimHalbrund trifft auf Parallelogramm

Sabine Baumert, vom 10.09.2017 00:00 Uhr
Die Schätze aus dem Untergeschoss: Im Depot lagern unter anderem Kunstwerke und Schuhe Foto: Peter Mann
Die Schätze aus dem Untergeschoss: Im Depot lagern unter anderem Kunstwerke und SchuheFoto: Peter Mann

Kornwestheim - Da geriet Daniel Güthler ins Schwärmen. „Vor einem Jahr habe ich noch gedacht, das wäre zwar wunderbar, aber ist nicht realistisch“, erinnerte sich der Bürgermeister in seiner Begrüßungsansprache zum Tag des offenen Denkmals. Er meinte die Aufnahme des Kleihues-Baus in die Liste der baden-württembergischen Kulturdenkmäler. Dafür seien Teilnehmer eines Studentenprojekts unter der Leitung von Dr. Peter Hahn vom Landesdenkmalamt in Kornwestheim gewesen und hätten das Galeriegebäude in Augenschein genommen. Dabei sei die „Wertigkeit des Hauses dokumentiert“ worden, so Güthler.

Der Sachverständige war nun zusammen mit seiner Mitarbeiterin Inga Falkenberg noch einmal nach Kornwestheim gekommen. „Eine Urkunde über die Aufnahme in die Liste der Denkmäler gibt es leider nicht“, bedauerte Peter Hahn. Man habe aber „ein kleines Mäppchen“ über das Gebäude gemacht, berichtete er und übergab das Büchlein dem sichtlich erfreuten Bürgermeister. Eigentlich habe Ende der 1980er-Jahre alles damit begonnen, dass die Stadt eine Sammlung von Bildern des Malers Manfred Henninger geschenkt bekam, erzählte Güthler. „Dafür hat man dann einen würdigen baulichen Rahmen gesucht.“

Dazu wurde ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben, bei dem sich vier Architekten bewarben, die bereits deutschlandweit bekannt und „auf dem Höhepunkt ihrer Karriere“ waren, wie Inga Falkenberg später ausführte. Von diesen bekam schließlich Josef Kleihues den Zuschlag. Bei aller Ästhetik des Galeriebaus hat Daniel Güthler auch ganz praktische Vorteile des Bauwerks ausgemacht. „Es ist ein robustes, gut gebautes Haus“, sagte er augenzwinkernd. Ein solches Gebäude sei letztlich im Unterhalt günstiger.

Peter Hahn ist bei seinem Rundgang durch Kornwestheim gleich das Gebäude eines anderen prominenten Architekten ins Auge gefallen. „Das Rathaus von Bonatz ist ja schon eine verrückte Verbindung mit dem Wasserturm,“ sagte er. Einerseits seien Gebäude aus den 1980er Jahren ziemlich neue Denkmäler. Dass damals aber tatsächlich ein anderer Zeitgeist herrschte, zeigte er an typischen Dingen aus jener Zeit, die uns heute sehr altmodisch anmuten, wie die ersten Atari-Computer. „Es waren fette Jahre, aber es gab auch scharfe Probleme“, resümierte er die Zeit von damals.

Inga Falkenberg erläuterte an zahlreichen Bildern, wie sich die „Postmoderne in Baden-Württemberg“ manifestierte, zu der auch das Galeriegebäude mit seinen geometrischen Grundideen von Halbkreis und Parallelogramm zählt. Typisch für die Architektur jener Zeit sei gewesen, dass sie „stark aus der Tradition geschöpft“ habe. Ein typisches Beispiel sei die neue Staatsgalerie in Stuttgart, bei der sich ebenfalls streng geometrische Formen mit spielerischen Elementen verbinden. Das „Vierwürfelhaus“ in Mannheim besteht tatsächlich aus vier Baukörpern mit den Maßen sechs Metern in Länge, Breite und Höhe. Hier sorgen große Fenster für freundliche, helle Elemente.

Bei einem Rundgang durch das Gebäude mit Museumsleiterin Dr. Irmgard Sedler konnten die zahlreichen Besucherinnen und Besucher sehen, wie Kleihues seinerzeit das Miteinander von Geometrie und Licht umgesetzt hat. Angesichts dieser beeindruckenden Konzeption habe sie immer darauf geachtet, dass „die Ausstellungen das Haus nicht überspielen“.

Im Untergeschoss des markanten Bauwerks lagern allerdings auch große materielle Werte. „Unsere Sammlungen haben mittlerweile einen Wert von etwa vier Millionen Euro“, berichtete Sedler ihren erstaunten Zuhörern. Insgesamt lagern die Schätze in drei Depots, in denen eine gleichbleibende Luftfeuchtigkeit, konstante Temperatur und genau dosiertes Licht herrschen muss. Wertvolle Gemälde von Manfred Henninger konnte man betrachten, indem man sie an einer Art Hängeregister seitlich herauszieht. Ganz wertvolle Schätze lagern ungerahmt in säurefreien Mappen in speziellen Schubladen, so etwa Originalzeichnungen von Otto Glaser, der die schönsten Salamander-Plakate erstellt hat. Im unterirdischen Depot schließlich bekommt der Begriff vom Schuhregal eine ganz neue Bedeutung, denn dies dient hier zur Aufbewahrung wertvoller Ausstellungsstücke aus dem Hause Salamander.

Kein Wunder, dass bei solch einzigartigen Schuhen immer wieder Anfragen aus ausländischen Museen kommen, ob man sie für Ausstellungen ausleihen könne.