KornwestheimHilfe, die durch den Magen geht

Susanne Mathes, vom 10.11.2017 10:00 Uhr
Der Mittagstisch feiert Zehnjähriges. Foto: Susanne Mathes
Der Mittagstisch feiert Zehnjähriges.Foto: Susanne Mathes

Kornwestheim - Normalerweise stehen sie nicht im Vordergrund, sondern schmücken Tische, bereiten Essen vor, servieren, räumen ab und kehren aus. Gestern allerdings sind die Helferinnen und Helfer, die seit zehn Jahren Donnerstag für Donnerstag den Mittagstisch der katholischen Kirchengemeinde ermöglichen, nach vorne geholt, mit Rosen bedacht und mit Applaus belohnt worden.

„Sie sind die Engel, die das alles möglich machen“, hob Franz Scheuermann, zweiter Vorsitzender des katholischen Kirchengemeinderates, mit Blick auf die rotbeschürzte Gruppe hervor, fasste das Lob aber weiter und bezog auch die Helfer mit ein, die den Tafelladen und das Kleiderstüble am Laufen halten – alle eben, die das in der Gemeinde hochgehaltene Motto „Komm, wir teilen miteinander“ mit Leben füllen.

Für 3,20 Euro gibt’s jeden Donnerstag im Obergeschoss des Gemeindehauses ein Mittagessen mit Vorspeise. Wer mehr zahlen kann und will, tut das – aber Grundgedanke ist, dass sich das „Essengehen“ unter Martins Dach jeder leisten kann. Und „Essengehen“ kann man es durchaus nennen, denn die entsprechende Atmosphäre zu schaffen, ist den Initiatoren ein Anliegen: Die Tische sind geschmückt, die Speisen werden zum Platz gebracht, aufmerksame Helfer schenken Sprudel ein: Die Gäste können sich’s gutgehen lassen an der Tafel – und in Gesellschaft essen.

„Die Vereinsamung nimmt zu. Umso wichtiger ist es, dass man nicht jeden Tag alleine isst“, sagte Jacqueline Avagliano zu den Beweggründen, den Mittagstisch vor zehn Jahren ins Leben gerufen zu haben. Nicht zuletzt älteren und allein stehenden Menschen sollen diese Donnerstagmittage Anlass bieten, unter die Leute zu kommen. Eine Rechnung, die aufging: Viele Besucher kommen mit großer Regelmäßigkeit, treffen sich in Gruppen, verteidigen gar Stammtischplätze. „Es sind viele neue Bekanntschaften geschlossen worden“, resümierte Avagliano zufrieden.

„Zehn Jahre, das scheint nicht viel zu sein. Aber es wird viel, wenn man die Bedeutung dessen an sich heranlässt, was Teilen heißt“, merkte Pfarrer Franz Nagler an. Das gemeinsame Mahl mache Menschen zugänglicher und mitteilsamer. „Essen und miteinander zu tun haben wollen“ – das sei etwas zentral Wichtiges.

In der Geschichte des Christentums habe das Essen immer eine bedeutsame Rolle gespielt. Etwa in der Verheißung des himmlischen Jerusalem, in dem Gott allen Völkern ein gemeinsames Mahl bereiten werde. Oder in der Erzählung von Elia, der sich zum Sterben unter einen Ginsterstrauch gelegt habe, von einem Engel zweimal mit der Aufforderung „Steh auf und iss“ ins Leben zurückgeholt, gestärkt und durch das Mahl wieder auf die Füße gebracht worden sei, um seine Mission zu vollenden. Nagler zitierte aber auch aus dem Buch der Sprichwörter: „Besser ein trockenes Stück Brot und Ruhe dabei als ein Haus voll Braten und dabei Streit.“ Das Lebensbejahende, um das es in jedem miteinander genossenen Essen gehe, „das ist es, was die Bibel uns näherzubringen versucht.“ In diesem Sinne sei es eine gute Sache gewesen, den Mittagstisch vor zehn Jahren ins Leben zu rufen – zumal das karitative „Nacheinander schauen“ zum Grundauftrag der Kirche gehöre. Ein Kontrapunkt zum Fast Food sei Martins Mittagstisch überdies.

„Hilfe, die durch den Magen geht“: So bezeichnete Baubürgermeister Daniel Güthler das Angebot und beteuerte, die Stadt und der Gemeinderat wüssten solchen Einsatz sehr zu schätzen: „Was Sie machen, ist Ehrenamt in Reinkultur. Sie dienen dem menschlichen Miteinander, denn Essen ist generell positiv besetzt und findet in der Regel in guter Atmosphäre statt.“ Nicht nur der katholischen Kirche, sondern auch den anderen Konfessionen – Vertreter der evangelischen und der neuapostolischen Kirche saßen auch unter den Gästen – dankte der Bürgermeister für ihr Wirken, etwa in der Flüchtlingsbetreuung oder in der Hospizgruppe. „Wir brauchen Sie alle, damit die gesellschaftlichen Aufgaben getragen werden können.“

Angeregt plaudernd genossen die vielen Gäste dann die Mahlzeit, die zum entsprechenden Anlass in den großen Saal verlegt worden war. Zum Geburtstag stand dasselbe Essen auf dem Speiseplan wie einst bei der Premiere: Schnitzel mit Kartoffelsalat.