Artikel drucken Artikel kommentieren
Artikel bewerten [0.00/0]

Kornwestheim Identität einer Stadt und ihre Freiräume wahren

Werner Waldner, vom 18.06.2017 19:00 Uhr
Aus der Vogelperspektive: Der Wohnpark Neckarstraße (Mitte) Foto: Werner Kuhnle
Aus der Vogelperspektive: Der Wohnpark Neckarstraße (Mitte) Foto: Werner Kuhnle

Kornwestheim - Das Thema beschäftigt die Kommunen in der Region: Wie können sie der Wohnungsknappheit begegnen? Die Stadt Stuttgart will nun auch, was lange verpönt war, auf der grünen Wiese bauen. Unweit der Stadtgrenze zu Kornwestheim sollen im Gewann Schafhaus in Mühlhausen 250 Wohnungen entstehen. Was plant Kornwestheim? Ein Gespräch mit Bürgermeister Daniel Güthler.

Herr Güthler, wie groß ist die Wohnungsnot in Kornwestheim?
Ich glaube nicht, dass wir eine klassische Wohnungsnot haben. Das wäre für mich der Fall, wenn es Menschen gibt, die überhaupt kein Dach überm Kopf finden. Und das ist Gott sei Dank nicht der Fall. Ich spreche lieber von einer Wohnungsknappheit. Die haben wir definitiv in der Region Stuttgart – aus verschiedenen Gründen. Es geht uns in der Region wirtschaftlich sehr gut, deshalb ziehen viele Menschen zu, die Wohnungen suchen. Auf der anderen Seite haben wir eine Flächenknappheit, weshalb das Wohnungsangebot sehr, sehr dünn wird. Wir haben einen großen Handlungsbedarf im mittleren bis niedrigen Preissegment.
Können Sie denn beziffern, wie viele Wohnungen in Kornwestheim fehlen?
Die Frage lässt sich mit einer Zahl nicht beantworten. Wir beobachten, dass Wohnungen, die wir zur Verfügung stellen, sehr schnell vom Markt sind – egal in welcher Preiskategorie. Das unterscheidet uns übrigens nicht von anderen Städten in der Region. Wir können die Nachfrage derzeit sicherlich nicht befriedigen, müssen sie meiner Ansicht nach aber auch nicht um jeden Preis und vor allem nicht alleine befriedigen.
Wer dann?
Es gibt verschiedene Akteure. Nicht nur die Stadt selbst, sondern auch Wohnungsbauunternehmen sind auf dem Markt aktiv.
Das Zusammenspiel scheint aber nicht zu funktionieren, wie die Wohnungsnot oder Wohnungsknappheit zeigt.
Wir haben in Kornwestheim in den vergangenen 15 Jahren viel Wohnraum geschaffen, was gar nicht so bemerkt worden ist.
Was heißt ,viel Wohnraum‘ in Zahlen?
Die Bevölkerungszahl ist von 2000 bis 2015 um rund 3500 Personen gestiegen. In 15 Jahren im Schnitt pro Jahr über 200 Personen jährlich – das ist relativ viel. Das Interessante und Positive für Kornwestheim ist, dass der Wohnraum auf Flächen geschaffen werden konnte, die zuvor schon genutzt worden sind – zum Beispiel auf Kasernenarealen oder gewerblichen Brachen. So etwas wünscht sich der Stadtplaner: Neuansiedlungen, ohne das Freiflächen hinzugezogen werden müssen.
Aber in dieser Hinsicht hat Kornwestheim ja auch gute Voraussetzungen gehabt.
In der Tat. Und das wird sich ändern: Die großen Potenziale, die man hatte, die haben wir in dieser Form nicht mehr. In der Flächennutzungsplanung, die wir derzeit machen, müssen wir darauf reagieren. Wir haben in Kornwestheim mit 1465 Hektar einen relativ kleinen Gemarkungsraum und mit 62 Prozent einen sehr hohen Siedlungsgrad. Wir merken in Kornwestheim früh, vermutlich viel früher als andere Städte in der Region Stuttgart, dass wir an Grenzen stoßen. Darauf müssen wir uns einstellen.
Gibt es eine Wohnungsplanung über die Stadtgrenzen hinaus?
Der Verband Region Stuttgart legt als übergeordnete Planungsbehörde Wohnungsbauschwerpunkte in der Region fest. Die liegen an den so genannten Entwicklungsachsen, also insbesondere entlang der S-Bahn-Linien.
Könnte sich Kornwestheim angesichts der hohen Siedlungsdichte zurücklehnen mit dem Hinweis, dass andere Städte an der Reihe sind beim Schaffen von Wohnraum?
Das wäre aus meiner Sicht ein falsches politisches Signal. Ein Wandel und eine Erneuerung im Wohnungswesen vollzieht sich immer: Häuser werden älter, die Anforderungen ans Wohnen ändern sich. So gibt es derzeit den Trend, in die Innenstadt zu ziehen. Die Innenstädte wurden in den vergangenen Jahrzehnten als Wohnstandort gemieden, werden nun aber wieder attraktiv – auch für ältere Menschen, die sich bewusst für kurze Wege entscheiden, die nicht immer aufs Auto angewiesen sein und die etwas vom Leben in der Innenstadt mitnehmen wollen. Das hilft uns in Kornwestheim, weil wir neues Bauen in der Innenstadt verwirklichen können. Dafür gibt’s viele Beispiele – das Holzgrundareal, gegenüber das Bauvorhaben Haag, weitere Baupläne in der Jakob-straße, die Wohnbau engagiert sich in der Bahnhof-/Ecke Friedrichstraße. Das tut der Stadt gut, weil das städtische Leben immer noch im Zentrum stattfindet.
Sieht man von diesen Baulücken ab: Ist die Innenstadt nicht voll?
Aber wir sind bereit, Gebäude abzureißen, die zu alt, zu klein oder untergenutzt sind. Und wir sind bereit, etwas verdichteter zu bauen. Das ist nicht schlecht, wenn man gleichzeitig den Fokus darauf legt, dass es städtebauliche Qualität hat. Wir folgen dem Leitbild einer europäischen Stadt, die sich dadurch auszeichnet, dass sie eine städtebaulich verträgliche Verdichtung hat im Gegensatz zum Beispiel zu amerikanischen Städten, die eher in die Fläche gehen und daher auch gesichtsloser sind. Wichtig ist es, dass ausreichende Gebäudeabstände eingehalten werden, dass Grünzonen vorhanden sind, dass die Belichtung funktioniert. Die Parkierung wollen wir konsequent in Tiefgaragen unterbringen. Was positiv ist: Wir haben Partner in der Stadt, zum Beispiel die großen Wohnungsgenossenschaften. Die Bezirksbaugenossenschaft überlegt sich, wie sie perspektivisch ihren großen Wohnungsbestand in Kornwestheim sanieren oder möglicherweise auch ersetzen kann, um neue, zeitgemäße Wohnqualitäten zu schaffen. Unser Entgegenkommen als Stadt besteht darin, diesen Prozess durch planungsrechtliche Anpassungen zu ermöglichen.
Wollen die Wohnungsbauunternehmen nicht letztlich eine möglichst hohe Rendite erzielen?
Das ist dann unsere Aufgabe und die des Gemeinderats, das Planungsrecht so zu gestalten, dass der Städtebau verträglich ist.
Besteht nicht auch die Gefahr, dass lediglich Eigentums- und teure Mietwohnungen geschaffen werden, aber nicht die fehlenden preisgünstigen Wohnungen?
Ich bin sehr froh, dass der Gemeinderat im vergangenen Sommer das Konzept ,Preisgünstiges Wohnen‘ beschlossen hat – eine für Kornwestheim extrem wichtige Entscheidung. Bei Neubauvorhaben werden die Bauherren verpflichtet, einen bestimmten Anteil an günstigem Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Das wird dazu führen, dass der Anteil auf Dauer erhöht wird, und zwar nicht nur durch die Städtische Wohnbau oder die Bezirksbau. Ich halte diese Lastenteilung für einen Akt der Fairness. Beim Bauen kann unheimlich viel Geld verdient werden, aber das muss auf der anderen Seite auch eine positive Auswirkung für die Kommune und das gesellschaftliche Gefüge haben.
Der Anteil, den die Stadt verlangt, beträgt 20 Prozent. Ist das nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein?
Wir werden die Nachfrage nach günstigem Wohnraum damit nicht beheben können, aber es ist meiner Ansicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, weil wir zahlreiche Bauprojekte in der Diskussion haben, bei denen wir diese 20 Prozent verlangen werden.
Sie haben einige der Bauvorhaben angerissen, die in der Pipeline sind. Das hört sich nicht nach dem Maß an Wohnraum an, das in Kornwestheim fehlt.
Verschiedene Bauprojekte mittlerer Größe schaffen eine gewisse Gesamtgröße. Bei der Jakobstraße gegenüber vom Holzgrundareal reden wir von 30 bis 40 Wohneinheiten, 50 Wohneinheiten werden auf dem Gelände des Paulusgemeindehauses entstehen, ähnlich hoch ist die Zahl der Wohnungen, die die Bezirksbau im Bereich des Holzgrundes errichten will. Für den Bereich Mühlhäuser Straße/Wiesengrund gibt’s Pläne, die Städtische Wohnbau hat Potenziale im eigenen Bestand. Wir werden uns perspektivisch auch mit dem Klingelbrunnen beschäftigen, der in die Jahre gekommen ist. Ehrlich gesagt: Manchmal wundere ich mich selber, was sich da alles noch auftut.
Werden Sie künftig die Randbereiche in Anspruch nehmen?
Wir müssen beides machen. Im Innenbereich werden wir nur von Geschosswohnungsbau reden können, wenn wir auch über Einfamilienhäuser reden wollen, dann geht es nur mit einer Siedlungserweiterung.
Wollen wir denn über Einfamilienhäuser sprechen?
In einem gewissen Umfang sollten wir Angebote schaffen, weil es auch dafür eine Nachfrage gibt. Aber wir gehen im neuen Flächennutzungsplan nicht bis an die Grenzen, die möglich wären. Wir wollen uns auf 17 Hektar zusätzlicher Fläche fürs Wohnen beschränken. Und selbst die müssen ja nicht zwingend ausgenutzt werden. Es ist wichtig, dass wir die Freiräume halten und sichern. Wenn in zehn, 15 oder 20 Jahren keine Flächen für Wohnbau mehr im Erweiterungsbereich zur Verfügung stehen sollten, dann soll man zu diesem Zeitpunkt die Diskussionen führen. Vielleicht gibt’s dann ja neue Tendenzen, die wir noch gar nicht kennen, oder eine demografische Entwicklung, die anders verläuft als erwartet.
Wäre es eine Idee, Flächen, die für Unternehmensansiedlungen vorgesehen sind, dem Wohnbau zur Verfügung zu stellen?
Wir haben in der Region Stuttgart auch ein Gewerbeflächenproblem, deshalb ist das keine gute Idee. Für Kornwestheim ist es ohnehin keine Option, weil wir eine klare räumliche Segmentierung haben. Wir haben den Wohnbaubereich in der Mitte und im Osten des Stadtgebiets und im Westen den Schwerpunkt Gewerbe. Wohnhäuser längs der Westrandstraße würden der Stadt nicht gut tun. Es fehlt dort einfach die räumliche Anbindung an die soziale Infrastruktur. Außerdem ist es für Kornwestheim wichtig, dass wir Gewerbe weiter ansiedeln, weil die Gewerbesteuer eine wesentliche wirtschaftliche Grundlage für die Stadt darstellt. Das macht die Stadt handlungsfähiger.
Wie nah dürfen die Nachbarstädte Kornwestheim kommen? Könnte Viesenhausen, jene Trabantenstadt, die Stuttgart vor vielen Jahren vor den Toren Kornwestheims geplant hat, doch noch Realität werden?
Man kann nichts ausschließen. Aber es gibt keine Gespräche, und das Planungsrecht gibt es derzeit nicht her. Die Fläche ist als landwirtschaftlicher Freiraum definiert, und auch der Regionalplan setzt dort eine Grünzäsur fest. Ich halte es generell für wichtig, dass eine Stadt auch räumlich noch ablesbar, dass sie abgegrenzt bleibt. Das hat nichts mit einer guten Zusammenarbeit zu tun. Aber wenn wir anfangen würden, alles baulich zu verbinden, dann würde Identität verloren gehen. Wenn alles verschwimmt, wäre es ungut. Kornwestheim leistet seinen Beitrag, dass wir nicht auf die Nachbarn zurücken. Ich hoffe, dass bei unseren Nachbarn eine ähnliche Sichtweise vorherrscht und sie sich an diese Philosophie halten. Wenn wir am Ende nur noch Stadt haben, dann werden sich die Menschen nicht wohlfühlen. Man will einen gewissen Freiraum genießen, man will durchatmen und spazieren gehen können. Und wir wollen der Landwirtschaft einen Produktionsraum erhalten. Das ist ein hohes Gut, das es zu sichern gilt.
Vorausgesetzt Sie bleiben bis zum Rentenalter in Diensten der Stadt Kornwestheim: Sind Sie dann der Baudezernent, der sich auch über den Rückbau Gedanken machen muss, weil zu viel Wohnraum errichtet worden ist?

Nein, das glaube ich nicht. Die Wirtschaftsstruktur in der Region Stuttgart ist so tragfähig und ausgewogen langlebig, dass ich nicht mit einem Bevölkerungsschwund und einem damit erforderlichen Rückbau rechne. Deshalb ist die Verantwortung jetzt umso größer, so wenig Fläche im Außenbereich zu versiegeln und qualitätsvoll zu bauen.