Kornwestheim Krank aus dem KZ heimgekehrt

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Im Gasthof Schwanen hatte Michael Wolff treue Gäste. 1935 wurde ihm aber gekündigt – weil er Jude war. Foto: Archiv/z

Kornwestheim - Es sind vor allem Erzählungen, die von Michael Wolff blieben. Dem Menschen kommen sie nicht wirklich nahe: Michael Wolff war der Gastwirt des Schwanen an der Stuttgarter Straße, dort, wo jetzt das Altenheim der Arbeiterwohlfahrt steht. Wolff war Jude, verheiratet mit Wilhelmine, einer Katholikin. Sein Sohn Ernst war schwer gehbehindert. Mit Krücken, die er sich unter die Achseln klemmen musste, bewegte er sich nur mühsam fort. Karl Bührer erinnert sich noch gut an den Jungen, dessen Vater nur wenige Tage vor der Kapitulation bei einem Fliegerangriff ums Leben kam. Aber was für ein Mensch war Michael Wolff?

Karl Bührer, gelernter Fensterbauer, ist heute 88 Jahre alt. Michael Wolff erinnert er als „netten, liebenswerten Menschen“. Als für die Wolffs eine Welt zusammenbrach, war Bührer gerade mal acht Jahre alt. Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 bedeutete auch für die Wolffs eine Zäsur. Bührer hat von seinem Vater, einem Glasermeister und Feuerwehrmann, deren Geschichte erfahren und sie niedergeschrieben: Die Floriansjünger gingen bis dahin regelmäßig in den Schwanen – abwechselnd mit der Traube und dem Gasthof Zur Traube. Im Schwanen fühlten sich die Feuerwehrleute besonders wohl. Wolff muss ein guter Gastwirt gewesen sein. Bei ihm ließ sich nach den Übungsabenden gut feiern. Ein junger Mann saß auch oft an einem der Tische im Schwanen: Otto Trefz, ein Junglehrer, dem gegen Monatsende gerne mal das dürre Gehalt ausging. Mit den Männern von der Wehr freundete er sich schnell an, man trank gemeinsam, und Trefz wurde, wenn es mal wieder eng wurde, von Wolff oder den Wehrkameraden ausgehalten.

Trefz wurde schon Anfang Februar 1933 Kreisleiter und damit der erste Mann der NSDAP im Kreis Ludwigsburg. Kurz darauf wurde der Schwanen geschlossen. Ein Jude als Gastwirt, das ging nicht für die Nationalsozialisten. Die Floriansjünger wollten ihm aber ihre Solidarität und Dankbarkeit für die schöne Zeit in seinem Hause bekunden und kamen nach der Schließung zu einem Abschiedsessen zu Wolff. Doch dieses Treffen flog auf, und nur mit Glück entgingen die Feuerwehrleute einer Anzeige.

Im Mai 1935 wurde dem Pächter des Schwanen gekündigt, und Wolff – einst stolzer Gastwirt – musste sich in verschiedenen Wirtschaften als Kellner durchschlagen. Nach der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde Michael Wolff ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Im Dezember desselben Jahres kehrte er, gesundheitlich stark angeschlagen, zu seiner Frau und dem Sohn zurück. Er arbeitete hernach bei der Firma Külbel, einer Lederwarenfabrik in der Karlstraße, die auch für die Wehrmacht tätig war. Bald schon wurde er aber in den Zweigbetrieb nach Markgröningen beordert – und das wurde ihm acht Tage vor Kriegsende zum Verhängnis. Als er am 28. April 1945 von der Arbeit nach Kornwestheim zurückfuhr, wurde der Zug von Tieffliegern angegriffen. Wolff und weitere Menschen kamen ums Leben.

Seine Frau Wilhelmine bewirtschaftete später die Kantine in der Uhlandschule. Sie habe immer geglaubt, Trefz, der Kreisleiter, persönlich habe seine Hand schützend über die Familie Wolff gehalten, erinnert sich Bührer. Sie starb 1979 im Alter von 85 Jahren, ihr Sohn Ernst war schon 15 Jahre zuvor verstorben.

Der Stolperstein für Michael Wolff wird an diesem Mittwoch, 13. November, gegen 16.10 Uhr vor der Alexanderstraße 24 verlegt. Dort hatte der frühere Gastwirt nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Dachau mit seiner Familie gelebt.

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