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KornwestheimLange Stangen auf dem Langen Feld

Birgit Kiefer, vom 17.04.2017 00:00 Uhr
Uwe Würth (Zweiter von rechts) und seine Spargelstecher, die auf dem Langen Feld während der Erntezeit vollen Einsatz bringen. Foto: Birgit Kiefer
Uwe Würth (Zweiter von rechts) und seine Spargelstecher, die auf dem Langen Feld während der Erntezeit vollen Einsatz bringen.Foto: Birgit Kiefer

Kornwestheim - Der Boden auf dem Langen Feld ist lösslehmhaltig. Er gehört zu den besten Böden Deutschlands, was die Fruchtbarkeit angeht. Es weht ständig ein heftiger Wind über die baumlose Fläche. Folientunnel über den Pflanzen im Erdreich flattern wild und alle Befestigungsversuche wirken wie ein sinnloses Unterfangen. Wer würde unter diesen Bedingungen Spargel (asparagus officinalis) anbauen? Eine Pflanze, die sonst nur in leichten, sandigen Böden gedeiht. Deren Wachstum mittels Abdeckungen mal beschleunigt, mal gehemmt wird? Uwe Würth hat es getan und würde es jeder- zeit wieder tun.

Im Jahr 1999 hat Würth, der einst als Handballer mit dem TV Kornwestheim in die Zweite Bundesliga aufgestiegen ist, den Betrieb auf dem Langen Feld, zwischen Kornwestheim und Pflugfelden, umgestellt. Damals hatte er schon mit der Direktvermarktung von Gemüse begonnen. „Wir suchten etwas, das im Frühjahr richtig zieht“, erinnert sich der Landwirt. Und worauf haben die Leute nach dem Winter, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Nase kitzeln und zu einem Sonntagsspaziergang laden, besonders viel Lust? Frischen Spargel. „Ich war aber skeptisch, weil wir eigentlich nicht den klassischen Boden dafür haben“, erzählt Würth. Kollegen hätten ihm gesagt, das funktioniere nie im Leben. Er probierte es dennoch, zunächst vorsichtig auf gerade mal einem halben Hektar. Dank moderner Maschinen gelang ihm die aufwändige Bodenbearbeitung auch bei dem schweren Untergrund. Mut erfoderte sein Ansinnen auch deshalb, weil Spargel seine Zeit braucht.

Erst ab dem dritten Jahr kann er geerntet werden. Dann auch zunächst nur zwei Wochen lang, bevor die Ernteperiode auf vier bis sechs Wochen und schließlich auf die volle Dauer ausgedehnt wer den kann – bei einer Pflanze, die nur acht bis zehn Jahre im Boden bleiben kann. „Es war ein Risiko, als wir anfingen, jetzt ist es aber ein Rundlauf“, ist Würth zufrieden. Er pflanzt regelmäßig neu und so schießen immer wieder die begehrten schmackhaften Köpfchen aus dem Boden.

Gestochen werden sie von polnischen oder rumänischen Saisonarbeitern, die schon seit Jahren zu dem Pflugfelder kommen. „Denen brauche ich gar nichts mehr zu erklären“, so Würth, die stiegen aus dem Auto und legten sofort los. Stundenlang stehen sie auf den inzwischen 25 Hektar Acker, heben die Folien an und schauen, ob sich eine Spargelspitze aus dem Boden gestreckt hat. Mit dem Finger fahren sie kurz die obere Bodenschicht rund um das Köpfchen ab, weil sich häufig in der Nähe ein weiterer Spargel den Weg nach oben sucht, dann stechen die Arbeiter mit dem Spargelstechmesser quer durch den errichteten Damm den Spargel – und mit Glück gleich den zweiten – ab. In einem Alukorb landen die Stangen, mit einer Spargelkelle werden das entstandene Loch und die aufgebrochene Erde wieder eingeebnet. Weiter geht’s.

Zu Stoßzeiten können Würths Helfer täglich mehr als eine Tonne Spargel aus dem Boden holen. In Plastikkisten werden sie auf den naheliegenden Hof gebracht. Die Sonne brennt, die Stangen müssen schnell gekühlt werden, damit sie sich nicht lila färben. In einer Halle stehen weitere Saisonarbeiter für die nächsten Schritte parat. Zuallererst müssen die zarten Stangen abgekühlt werden. Dazu kommen sie in ein Becken mit ein Grad kaltem Wasser, in dem sie eine halbe Stunde liegen. Was danach kommt, zeigt, wie automatisiert die Landwirtschaft heutzutage ist – einerseits. Wie sehr sie aber auch immer noch auf die gute alte Handarbeit angewiesen ist.

Die Spargel werden nach ihrem kühlen Bad noch in einer Anlage mit hohem Druck abgesprüht, was notwendig ist bei dem lehmigen Boden auf dem Langen Feld. Per Hand werden die Spargel hernach auf ein Band gelegt, jede Stange in ein eigenes kleines Abteil, dann übernimmt eine Maschine die Sortierung nach Farbe, Umfang und Länge – ganz automatisch. Was sie auf der anderen Seite in unterschiedliche Auffangboxen ausspuckt, muss danach nur noch an die Schälanlage weiter gereicht werden. Dort schnappen Greifarme die Spargel ganz vorsichtig am Kopf, heben sie an und führen sie durch acht Messerpaare, die in verschiedenem Winkel an den Stangen nach unten geführt werden. Das geht blitzschnell und hat nicht mehr viel mit dem mühseligen Schälen in der heimischen Küche zu tun.

Bereits geschälter Spargel ist hauptsächlich für die Gastronomie gedacht. „Dort könnte man die Personalkosten sonst gar nicht tragen“, begründet Würth, der vor allem im Raum Stuttgart regelmäßig seine Großabnehmer hat. Kantinen zum Beispiel. Der Boden auf dem Langen Feld hat laut dem Landwirt übrigens sogar einen besonderen Vorteil. „Mein Spargel hat einen kräftigeren Geschmack“, versichert Würth. Seine Kunden wüssten das zu schätzen. Preislich richte er sich zwar grob nach dem üblichen Spargelpreis, aber vor allem nach seinen eigenen Kosten. Der Anbau müsse sich schließlich rentieren. Außerdem müsse er nicht zusätzlich Stickstoff in den Grund einarbeiten, wie das bei den schnell ausgewaschenen Sandböden der Fall ist. Vom ökologischen Aspekt her mache es also Sinn, auf lösslehmhaltigem Boden Spargel anzubauen.

Bis zum Johannistag, dem 24. Juni, ist auf dem Würth-Hof richtig was los. Der Spargel wird schließlich noch verarbeitet, verkauft, und auf den Teller gebracht. Unter dem Label „Landwürth“ läuft ein Hofcafé und ein Hofmarkt. Und während der Saison gibt es den Spargelbesen, der täglich geöffnet hat und bei dem am besten ein Sitzplatz vorgemerkt werden sollte.