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Kornwestheim Lebensmittel gegen den Hunger und das Vergessenwerden

Anne Fuhrmann, vom 04.11.2018 00:00 Uhr
Anstehen für Lebensmittelpakete mit der Schubkarre. Foto: z
Anstehen für Lebensmittelpakete mit der Schubkarre. Foto: z

Kornwestheim - Wenn andere schon damit beschäftigt sind, Weihnachtsgeschenke für die Liebsten zu besorgen oder einen Adventsmarkt zu besuchen, dann ist Manfred Gwinner unterwegs. Jedes Jahr im Dezember macht sich der Kornwestheimer auf in Richtung Bosnien, um Menschen in Not eine Freude zu machen. Derzeit laufen die Vorbereitungen dafür auf Hochtouren.

Vor 25 Jahren, im Juni 1993, wurde der Verein „Foundation – Humanitäre Hilfe“ von einer Gruppe junger Christen unterschiedlicher Kirchengemeinden ins Leben gerufen. Zu den Gründungsmitgliedern gehört auch Gwinner. Anfang der 90er Jahre, also nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme und dem Beginn des Bürgerkriegs im damaligen Jugoslawien, wurde der Kornwestheimer von der Kirchengemeinde angesprochen, ob er sich nicht an Hilfsaktionen für die Menschen in Osteuropa beteiligen wolle. Auch seitens der dortigen Regierung kamen Hilferufe. Gwinner sagte zu. „Damals habe ich bereits erste Erfahrungen gesammelt“, erinnert er sich. Doch dem Garten- und Landschaftsbauer wird schnell klar, dass eine eigene Gruppe gegründet werden muss, um unabhängig von politischen und kirchlichen Einflüssen ehrenamtlich tätig zu sein.

Das Erntedankfest ist in jedem Jahr der Startschuss für die Aktion, die eine Menge Arbeit für Gwinner und seine knapp zehn Mitstreiter bedeutet: Circa 1500 Pakete mit Lebensmitteln und 4000 bis 4500 weitere Geschenkpäckchen für Kinder werden jeweils wenige Wochen vor Weihnachten nach Bosnien gebracht und dort an Bedürftige verteilt. Das ist mit einem hohen logistischen Aufwand verbunden. „Ab Oktober geht es für uns daher in die heiße Phase“, erklärt Gwinner, der zweite Vorsitzende des Vereins. Dann verschickt der Ehrenamtler den Rundbrief an bewährte Spender, um die finanziellen Mittel für die Hilfsaktion zu akquirieren. Kurz danach geht es bereits an das Packen der ersten Pakete.

Bis zur ersten Dezemberwoche muss alles stehen. Der genaue Termin variiert ein wenig. Schlechtes Wetter kann die Aktion beispielsweise verzögern, weil die Straßenverhältnisse in Bosnien miserabel sind. „Bei Schnee haben wir verloren“, sagt Gwinner. Mit zwei Vierzigtonnern macht sich die Gruppe von Deutschland aus auf den Weg. Damit geht es in das Gebiet Brcko, direkt hinter der kroatischen Grenze gelegen. „Dort werden die Pakete in kleinere Fahrzeuge verladen, mit denen sie verteilt werden“, erklärt der Kornwestheimer. Sechs bis acht verschiedene Ortschaften werden von den Helfern angefahren. Mit den Geschenkpaketen für Kinder werden die unteren Klassen von Schulen beliefert.

Wer am dringendsten auf die Hilfe aus Deutschland angewiesen ist, entscheiden die bosnischen Ortsvorsteher und das dortige Sozialamt. Wilde und unkontrollierte Verteilaktionen wie noch vor 25 Jahren gebe es nicht mehr, erklärt der Kornwestheimer. Ihm ist nicht nur wichtig, dass die Lebensmittel bei den richtigen Menschen ankommen, sondern auch, dass ohne Beschränkung auf bestimmte Ethnien, Religionen oder Nationalitäten geholfen wird.

Auch ein Vierteljahrhundert nach dem ersten Engagement ist nach Ansicht von Gwinner noch immer der Hilfsbedarf vorhanden. „Das wird sich auch in den nächsten Jahren nicht ändern“, meint er. Das Vorstandsmitglied spricht davon, dass das bosnische Gesundheitssystem derzeit kollabiert, die Infrastruktur marode ist, das Bildungssystem immer schlechter funktioniert und die Arbeitslosenquote bei der Jugend bei mehr als 50 Prozent liegt. Lebensmittel kosten nach seiner Erfahrung – mit Ausnahme von Obst und Gemüse – fast genauso viel wie in Deutschland. Die Löhne halten allerdings nicht mit, und viele Rentner leben in Altersarmut. Doch bei den Paketen geht es um mehr als nur darum, materielle Nöte zu lindern, betont Gwinner. „Die Leute sprechen gerne mit uns und sie merken, dass sie nicht vergessen werden.“

Info: Noch bis Mitte November werden Spenden für die diesjährige Aktion angenommen. Für ein Lebensmittelpaket ist eine Pauschale in Höhe von 25 Euro angesetzt. Der Karton mit Geschenken für Kinder wird von den Spendern selbst befüllt, hierbei fällt eine Transportpauschale von zwei Euro an. Wer helfen will, meldet sich bei Manfred Gwinner, Telefon 17 76 60. Wer sich zunächst ausführlicher über die Hilfsaktion informieren will, findet weitere Angaben und Fotos im Internet unter http://foundation-ev.de/bosnien