Kornwestheim Liebesspiele vor der Tür und den Nachbarn

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Am Amtsgericht fand ein Prozess statt. Foto: dpa

Kornwestheim - Im vergangenen Jahr wurde es dem Kriminalhauptkommissar dann doch zu viel. „Sie begehen ja mehr Straftaten, als ich bearbeiten kann“, wies er den 53-Jährigen zurecht. Gestern musste sich der russische Staatsbürger, der als Obdachloser in den Sozialunterkünften der Stadt lebt, zusammen mit seiner 48 Jahre alten Lebensgefährtin, die deutscher Nationalität ist, vor dem Amtsgericht in Ludwigsburg verantworten. Und in der Tat: Eine Viertelstunde benötigte die Staatsanwältin, um die umfangreiche Anklageschrift zu verlesen. Gefährliche Körperverletzung, Exhibitionismus, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Beleidigung, sexueller Missbrauch von Kindern, Erregung öffentlichen Ärgernisses, sexuelle Belästigung – die Liste der Vorwürfe insbesondere gegen den 53-Jährigen ist lang. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Haftstrafe von zwei Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Seine Lebensgefährtin muss eine Geldstrafe in Höhe von 100 Tagessätzen a zehn Euro bezahlen.

Der Fall ist insofern ungewöhnlich, als die beiden Angeklagten bisher noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Dass es nun derart massiv war, dürfte daran liegen, dass sie intensiv dem Alkohol zusprechen. Tatort in allen Fällen: die Obdachlosenunterkunft in der Aldinger Straße.

Dort kommt es im April und Mai des vergangenen Jahres zu diversen Vorfällen. Mal treiben sie Liebesspiele – für alle Nachbarn, auch die Kinder, gut sichtbar – vor der Haustür, dann schmeißt der Angeklagte mit einer Kaffeetasse nach einem Widersacher. Mehrfach entblößt er in betrunkenem Zustand seinen Penis vor anderen Leuten, er beschimpft Nachbarn als Schlampe, Schwuler oder Arschloch. Er tritt gegen Oberschenkel, schlägt nach einem Mann mit einem Eishockeyschläger und drückt bei einem anderen eine brennende Zigarette auf dem Arm aus. Immer wieder rückt die Polizei aus. Aber auch die Beamten müssen sich Beschimpfungen gefallen lassen. Soll der 53-Jährige mit aufs Revier genommen werden, widersetzt er sich mit aller Kraft. Die Folge: Schürf- und Kratzwunden bei den Polizisten.

19 Zeugen hat Richter Ulf Hiestermann geladen, aber er bemüht sich, das Verfahren möglichst schnell abzuschließen – mithilfe eines Erörterungsgesprächs hinter verschlossenen Türen. Das Angebot: Die Angeklagten gestehen die Taten, dafür fallen die Strafen übersichtlich aus. Insbesondere für den 53-Jährigen ist das eine reizvolle Offerte: Ihm droht, wie der Richter die Lage aus seiner Sicht darstellt, eine Gefängnisstrafe von über zwei Jahren, die nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden kann.

Die Verteidigung lässt sich darauf ein: Die Angeklagten legen über ihre Anwälte Geständnisse ab – allerdings mit der Einschränkung, dass es bei den Liebesspielen vor der Haustür unter den Augen der Nachbarn nicht zum Geschlechtsverkehr gekommen, sondern dass der nur angedeutet worden sei. Der 53-Jährige muss zudem 100 Arbeitsstunden leisten. Ihm stellt Richter Ulf Hiestermann einen Bewährungshelfer zur Seite und legt ihm ans Herz, die Suchthilfe in Anspruch zu nehmen. Der 48-Jährigen erklärt er, dass sie die 1000 Euro Geldstrafe, die sie vermutlich nicht aufbringen kann, auch abarbeiten kann. Zu ihrem Alkoholkonsum steht sie: „Wenn ich saufen will, dann saufe ich“. Als ein Nachbar im Zuschauerraum kichert, fährt sie ihn an: „Halt’s Maul.“

Apropos Nachbarn: Arg mitgenommen scheinen sie von den Vorfällen nicht zu sein. Als der Kriminalhauptkommissar von den Verfehlungen des Paares berichtete und auch die sexuellen Vergehen durchaus detailliert auflistete, weilten sie im Verhandlungsraum – mitsamt ihren kleinen Kindern, die sie zu dem Prozess mitgebracht hatten.

 
 

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