KornwestheimMit der Bierflasche zugeschlagen

Sandra Dambacher-Schopf, vom 10.10.2017 00:00 Uhr
Mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus: Farid Nasiry erlitt einen Schnittwunde am Kopf. Foto: dpa
Mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus: Farid Nasiry erlitt einen Schnittwunde am Kopf.Foto: dpa

Kornwestheim - Es ist Samstagabend, 18 Uhr. Die S-Bahn der Linie 5 ist gut gefüllt. Viele sind unterwegs, um den Abend in Stuttgart zu verbringen. Ganz vorne, gleich hinter dem Bahnführerbereich, steht der Asylbewerber Farid Nasiry aus Afghanistan mit einigen Freunden. Sie sind in Ludwigsburg eingestiegen, sowie auch ein kräftiger 40 Jahre alter Mann und eine 28 Jahre alte Frau von normaler Statur. Beide scheinen betrunken. Sie streiten sich. Nasiry hört sie sagen: „Wo sind meine Zigaretten?“, „Wo ist mein Geld?“. Plötzlich gehen der Mann und die Frau auf ihn und seine Kumpel zu. „Du hast mein Geld geklaut, du bist ein Ausländer“, hätten sie gesagt, so Nasiry.

Der Mann greift in die Taschen des Rucksacks, der einem von Nasirys Freunden gehört. Der Afghane, der bereits gut Deutsch spricht, sagt: „Du darfst nicht in die Taschen greifen.“ Daraufhin schlägt ihn die Frau zunächst mit der flachen Hand ins Gesicht und dann mit einer Bierflasche so stark auf den Kopf, dass Nasiry ins Wanken kommt und mit einer stark blutenden, drei Zentimeter langen Risswunde an der Stirn am Boden liegen bleibt. „Ich habe mit so etwas nicht gerechnet“, sagt er. Kein Fahrgast hilft dem jungen Mann, der stark blutend am Boden liegt.

Angst vor dem S-Bahn-Fahren

Sein Glück ist, dass er so weit vorne in die Bahn eingestiegen ist. Der Bahnführer hält kurz darauf im Kornwestheimer Bahnhof an, kümmert sich um den Verletzten und ruft die Polizei. „Es sind viele Leute im Zug gewesen. Der war voll, aber niemand sonst hat uns geholfen“, sagt Nasiry. Nicht nur er, sondern auch seine Freunde seien geschockt gewesen und hätten nicht gewusst, wie sie reagieren sollen. „Ich habe zu meinen Freunden gesagt, sie sollen einfach warten, bis die Polizei kommt.“ Noch am Bahnsteig nahm die Polizei die 28-jährige Frau und ihren 40-jährigen Begleiter fest. Bei der Frau wurden 1,4 Promille und bei dem Mann 0,1 Promille gemessen. Die Beamten fotografierten Nasirys Verletzung und riefen einen Rettungswagen. Im Krankenhaus wurde der Riss auf seinen Wunsch hin nur geklebt. „Ich habe Angst vor dem Nähen“, sagt der 26-Jährige. „Ich habe jetzt wirklich Angst, wieder mit der Bahn zu fahren.“

Menschen sollen nicht wegschauen

Farid Nasiry ist noch immer geschockt: „Ich habe jetzt wirklich Angst, wieder mit der Bahn zu fahren.“ Dort könne man nämlich schlecht weglaufen. In Afghanistan hat er den Krieg miterlebt. „Aber selbst dort hat mich niemand so angefasst.“ Er komme sich seit dem Vorfall in der S-Bahn minderwertig vor, sagt er. „Ich bin nicht nur ein Ausländer, ich bin auch ein Mensch.“ Nasiry lebt schon fast zwei Jahre in Deutschland, er wohnt in Bietigheim.

Dass das aggressive Verhalten Asylbewerbern gegenüber angestiegen ist, legen die Zahlen aus der Polizeistatistik allerdings nahe. Im Jahr 2014 hat die Polizei lediglich zehn Straftaten im Kreis Ludwigsburg gegen Asylbewerber registriert. Im Jahr 2016 waren es 215. „Man muss aber genau hinschauen“, sagt Polizeisprecher Peter Widenhorn. „Meistens handelt es sich um Körperverletzungen in Asylantenheimen.“ Etwa 80 Prozent dieser Straftaten spielten sich dort ab. Im Vergleich zeigt sich aber dennoch ein deutlicher Anstieg der Straftaten, bei denen Asylbewerber zum Opfer wurden – auch außerhalb dieser ersten, oft überfüllten Aufnahmestellen. „Ich möchte, dass die Menschen bei so etwas nicht wegschauen, sondern helfen“

Sieben Tage war Nasiry krankgeschrieben, gleichwohl ist er schon zwei Tage nach dem Vorfall trotz Kopfschmerzen wieder zur Arbeit gegangen. Zu Hause sitzen bleiben wolle er nicht. Seit 13 Monaten arbeitet er in einer Elektrofirma in der Produktion. „Ich habe eigentlich einen Bachelor und bin Chemie-Ingenieur.“ Auch seine Chefin und seine ehrenamtliche Betreuerin sind entsetzt und fühlen mit ihrem Schützling mit. Beide bestätigen, dass Nasiry sich sehr gut integriert habe.

Es war sein Wunsch, mit dieser Erfahrung an die Presse zu gehen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. „Ich möchte, dass die Menschen bei so etwas nicht wegschauen, sondern helfen“, sagt er. Inzwischen ist eine Anwältin eingeschaltet und der Afghane hat Anzeige erstattet. Die Polizei leitet nun den Sachverhalt an die Staatsanwaltschaft weiter. Die Täterin muss mit einer Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung rechnen. Das Strafmaß liegt zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft.