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KornwestheimMit einer „aufgeklärten Wehmut“ Abschied nehmen

Werner Waldner, vom 20.04.2017 00:00 Uhr
Leonhard Völlm Foto: Sabine Schwieder
Leonhard VöllmFoto: Sabine Schwieder

Kornwestheim - Langsam heißt es Abschied nehmen – von der Johanneskirche in der ursprünglichen Form und von der Orgel. Das vorletzte Konzert bestreitet am kommenden Sonntag, 23. April, Leonhard Völlm, der von 2008 bis 2013 Organist in der evangelischen Kirchengemeinde Kornwestheim und Leiter der Johanneskantorei war. Er spielt unter anderem Werke von Johann Sebastian Bach und Leon Boëlmann. Zum letzten Mal erklingt das Instrument am 14. Mai bei einem großen Abschiedskonzert. Danach wird mit dem Umbau der Johanneskirche begonnen. Im Gespräch schaut Leonhard Völlm auf seine Zeit in Kornwestheim und auf die Orgel in der Johanneskirche zurück.

Herr Völlm, Ihr Konzert wird eines der letzten an der Orgel der Johanneskirche sein. Ist am Sonntag dann auch Wehmut mit im Spiel?
Ich würde von einer aufgeklärten Wehmut sprechen. Ich nehme die normative Kraft des Faktischen zur Kenntnis, aber natürlich wird dieses Konzert etwas bei mir bewirken. Ich weiß nur noch nicht was. Ich komme auf jeden Fall mit gemischten Gefühlen und will mit diesem Konzert auch eine gewisse Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, dass mir die Gemeinde als Musikstudent freie Hand gelassen hat. Das hat mir zu einem großen Vorsprung verholfen, von dem ich jetzt profitieren kann.
Entwickelt man als Organist zu seinem Instrument eine gewisse Beziehung?
Man entwickelt eine Beziehung zum Raum, zum Instrument, zur Gemeinde. Ich muss mich auf den Weg zu meinem tonnenschweren Instrument machen, muss ihm sozusagen den Hof machen. Das ist etwas anderes, als wenn ich, wie beispielsweise ein Geiger, das Instrument mit mir herumtragen kann. Als Organist habe ich auch die Möglichkeit, in Improvisationen Gedanken zum Beispiel aus der Predigt aufzunehmen und in Zwiesprache zu treten. Auch das schafft eine besondere Beziehung zur Situation und zum Instrument.
Was zeichnet die Orgel der Johanneskirche aus?
Es ist ein Instrument der Nachkriegszeit und verfügt über einige klangliche Eigenheiten, die es heute so kaum noch gibt. So verfügt die Orgel über ein Register namens Schreipfeife, ein Register, das nur ungerade Obertöne produziert, die in Kombination mit anderen Pfeifen ungewöhnliche Klangfarben erzeugen können.
Ist die Vermutung richtig, dass solche Klangfarben für heutige Hörgewohnheiten nichts mehr sind?
Meiner Einschätzung nach ändert sich alle 50 Jahre die Art, wie man eine neue Orgel klanglich ausrichtet. Die Orgel der Johanneskirche ist gut 50 Jahre alt und ihr neobarocker Klang ist derzeit nicht populär. Wenn ich in den Ruhestand gehe, wird man sich vermutlich ärgern, dass es die Orgel nicht mehr gibt. Was die Johanneskirche auch auszeichnet, das ist das Zusammenspiel zwischen Orgel und Raum. Das Ensemble ist bewusst so gestaltet worden.
Wo Licht, da auch Schatten: Was ist nicht so gelungen an der Orgel der Johanneskirche?
Ein Problem ist sicherlich die asymmetrische Aufstellung der Orgel. Dadurch bedingt sind einige mechanische Kunstgriffe erforderlich, die es für andere Orgeln nicht benötigt. Die Orgel ist innen auch sehr eng: Sie sollten nicht größer als 1,85 Meter sein und nicht mehr als 90 Kilogramm wiegen, wenn Sie in die Orgel wollen.
Sitzt man als Organist nicht eher vor der Orgel, als dass man in ihr hockt?
Es gibt in der Johannesorgel schon einige Zungenregister, die man regelmäßig beistimmen muss – je nachdem, ob’s warm oder kalt in der Kirche ist.
Sie spielen am Sonntag auch ein selbst komponiertes Stück mit dem Titel Nekropolis. Haben Sie es für den Abschied von der Johannesorgel geschrieben?
Es passt in der Tat zum Anlass, aber ich habe es während meines kirchenmusikalischen Praktikums in Tübingen komponiert, und zwar für die Stiftskirche, in der es ein Beinhaus gibt, und ihre Orgel. Es ist ein Stück vom Werden und Vergehen, eine Auseinandersetzung mit der Endlichkeit.
Sie sind mittlerweile auch Orgelsachverständiger für die evangelische Kirche in Württemberg. Was macht ein Orgelsachverständiger?
Ich bin sozusagen Baugutachter für Orgeln und berate Kirchengemeinden in Orgelangelegenheiten. Viele Gemeinden kämpfen für ihre Orgeln, sei es, dass sie sie renovieren oder sogar eine neue anschaffen wollen. Die Kirchengemeinde in Möhringen, in der ich tätig bin, will sich für 800 000 Euro ein neues Instrument anschaffen.
Für wie viele Orgeln sind Sie als Sachverständiger zuständig?
Da kommt sicherlich eine dreistellige Zahl zusammen.
Sie spielen zurzeit in Möhringen das gesamte Orgelwerk von Bach. Wie viel Zeit haben Sie veranschlagt?
Ich hatte zunächst vor, das Ganze auf 14 Konzerte, die jeweils gut eine Stunde dauern, zu verteilen. Aber die Zeit drängt ein wenig wegen der neuen Orgel. Und so spiele ich das Orgelwerk von Bach nun in den Gottesdiensten.
Immer nur Bach, ist das nicht langweilig?
Überhaupt nicht. Und natürlich spiele ich auch noch andere Sachen. Im täglichen Arbeitsablauf nimmt Bach beim Üben ein bis zwei Stunden in Anspruch.
Sie üben täglich?
Fast täglich. Und das muss man, wenn man in Form bleiben will.