Kornwestheim Schüler fragen, Politiker antworten

Michael Bosch, vom 03.07.2017 00:00 Uhr
Die Bundestagskandidaten von CDU, SPD, Grünen, Die Linke, FDP und AfD in der Diskussion mit Schülern des Ernst-Sigle-Gymnasiums. Foto: Alisha Merwerth
Die Bundestagskandidaten von CDU, SPD, Grünen, Die Linke, FDP und AfD in der Diskussion mit Schülern des Ernst-Sigle-Gymnasiums. Foto: Alisha Merwerth

Kornwestheim - Irgendwann wurde es Özge Cicek zu viel. „Denken Sie bitte daran, dass Sie hier vor Schülern sprechen“, ermahnte die Elftklässlerin Macit Karaahmetoglu. Der SPD-Wahlkreiskandidat hatte zuvor von Integration als „synallagmatischen Vertrag“ gesprochen – vielleicht nicht ganz das Vokabular für eine Gesprächsrunde mit Schülern. Da half es auch nicht wirklich, dass er die Erklärung noch hinterher geschoben hatte, wie er kleinlaut anmerkte.

Politiker neigen offenbar dazu, komplizierte Inhalte möglichst kompliziert auszudrücken. Das und noch ein bisschen mehr wurde den Schülern der ersten Kursstufe des Ernst-Sigle-Gymnasiums (ESG) am Montag bewusst. Die Fachschaft Gemeinschaftskunde hatte zur Podiumsdiskussion in den Aulabau des ESG geladen – und die Kandidaten der etablierten Parteien, die sich Hoffnungen darauf machen dürfen, nach den Bundestagswahlen am 24. September ins Parlament einzuziehen, waren der Einladung gefolgt. Neben Karaahmetoglu stellten sich Steffen Bilger (CDU), aktueller Abgeordneter des Wahlkreises Ludwigsburg in Berlin, Ingrid Hönlinger (Grüne), Stefanie Knecht (FDP), Peter Schimke (Die Linke) sowie Martin Hess (AfD) den Fragen der Schüler und Schülerinnen.

Alle Kandidaten betonten zu Beginn der Runde, dass sie sich darüber freuen, dass junge Menschen sich für Politik begeistern, und unterstrichen, dass sie die Unterschiede zwischen ihren und den Positionen der anderen Parteien herausarbeiten wollten. „Ihr seid die Zukunft. Und ohne Politik geht in Zukunft nichts in Deutschland“, sagte Schimke. „Das ist natürlich eine Selbstverständlichkeit, dass wir unsere Positionen darstellen, wenn sich junge Leute für Politik interessieren“, sagte Bilger, der seit 2009 für die Christdemokraten im Bundestag sitzt.

Nach gut eineinhalb Stunden Diskussion zu den Schwerpunktthemen Krieg und Frieden, der Frage nach dem EU-Beitritt der Türkei, gesellschaftspolitischen Herausforderungen durch Migration und Integration sowie Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik war dann den Schülern klar: Auch wenn sich die Politiker auf der Bühne ganz ordentlich gekabbelt hatten, die Positionen liegen bei manchen Themen gar nicht so weit auseinander. „Besonders deutlich wurde das bei der Frage, was Integration ist und ab welchem Punkt ein Mensch in eine Gesellschaft integriert ist“, stellte Stefan Walter fest, der die Veranstaltung „relativ gut“ fand.

Zufrieden war auch Lisa Frank. Die 17-Jährige führte gemeinsam mit ihren Mitschülern Özge Cicek, Sven Lohmeier und Patricia Zacharias durch die Debatte. Frank ermahnte die Diskutanten immer wieder dazu, sich kurz zu fassen – meist mit mäßigem Erfolg. „Leider sind wir nicht mit allen Fragen durchgekommen“, sagte die Elftklässlerin, „die Diskussion ging für meinen Geschmack auch etwas zu stark in eine Richtung.“ Zacharias sagte: „Einige haben sich irgendwie ein bisschen verrannt.“ Und mit dieser Beobachtung hatten die beiden durchaus Recht. Immer wieder schwenkte das Gespräch zurück auf die Flüchtlingsthematik. Während Bilger vor allem die Politik von Kanzlerin Angela Merkel verteidigte, rechtfertigte AfD-Mann Hess die Positionen seiner Partei zum Islam, was dem 46-Jährigen durchaus auch inhaltlich verständlich gelang.

Bei der abschließenden Fragerunde musste Hess Stellung zur Position seiner Partei zur Homo-Ehe beziehen, woraufhin noch einmal eine hitzigere Debatte entbrannte. Ingrid Hönlinger punktete mit ihrer Aussage, dass sie froh darüber sei, dass „das Grünen-Projekt Ehe für alle endlich realisiert ist“. Hönlinger, aber auch Stefanie Knecht hatten sich häufig etwas mehr Mühe gegeben, ihre Inhalte auch 16 und 17-Jährigen schmackhaft zu machen, den anderen Polit-Profis fiel es schwerer, sich dem Rahmen anzupassen. Patricia Zacharias konnte der Veranstaltung dennoch etwas Gutes abgewinnen. „Immerhin haben wir jetzt mal ein paar Gesichter zu den Parteien“, sagte die 16-Jährige. Bis Zacharias und ihre Mitschüler wählen dürfen, könnten die sich aber schon wieder ändern. Im September sind die Elftklässler noch zu jung.