Kornwestheim/Stuttgart„Jetzt kann ich noch Dinge dazu erzählen“

Marius Venturini, vom 16.01.2016 07:00 Uhr
Gert Nagel kennt zu jedem Stück seiner Sammlung eine Geschichte. Foto: Marius Venturini
Gert Nagel kennt zu jedem Stück seiner Sammlung eine Geschichte.Foto: Marius Venturini

Ein großer logistischer Aufwand“, sagt Gert Nagel, als er den Saal im Erdgeschoss betritt. An Außen- und Zwischenwänden hängen zahllose Perser- und Kaukasierteppiche. Sie sind Teile von Nagels Sammlung, die am 27. und 28. Januar versteigert wird. Komplett. Mehr als 2000 Kunstobjekte kommen dann im renommierten Stuttgarter Auktionshaus Nagel in der Neckarstraße unter den Hammer.

Nagel, der am heutigen Samstag 80 Jahre alt wird, war bis 2010 im Kornwestheimer Kleihuesbau mit seinem Sammlermuseum präsent. Schon damals kannte er zu jedem Stück eine hörenswerte Geschichte. Und es sind nicht nur Teppiche, die im Auktionshaus zur Besichtigung ausgestellt sind. Auf insgesamt drei Etagen reihen sich Fayencen, historische Möbelstücke, einige Bilder sowie teils mehrere hundert Jahre alte Waffen und Gegenstände aus Bauernhäusern aneinander – alles liebevoll hergerichtet in Vitrinen oder Kojen mit Trennwänden. Der Betrachter weiß kaum, wohin er als Erstes schauen soll.

Gert Nagel weiß das sehr wohl. „Unter den Persern ist das hier der Interessanteste“, sagt er, als er im Parterre vor einem opulenten Teppich steht. Datiert ist das Stück um das Jahr 1900. Zu sehen sind, neben einer detaillierten Ansicht zweier Globushälften, arabische Verse. „Es geht nicht nur um das faszinierende, fremdländische Objekt, sondern auch um den Zugang dazu“, betont Nagel. Sämtliche Schriftzeichen in der Bordüre sind für den Katalog übersetzt worden.

Wenn er in Sachen Teppiche von hohem Flor, von geknüpft, gewebt oder absichtlich übrig gelassenen Nähten spricht, ist Gert Nagel in seinem Element. „Teppiche sind wie Gemälde, das macht sie so reizvoll“, sagt Nagel. Heute sei alles nur noch 08/15. Das ist nichts für ihn – wie auch das Dixieland-Jubilee-Konzert verrät, das er zunächst in der Stuttgarter Liederhalle, später im Kornwestheimer Kulturhaus und mittlerweile in der Ludwigsburger Waldorfschule organisiert.

Doch warum gibt der Antiquar, der von 1965 bis 1990 selbst als Auktionator im vom Vater gegründeten Haus tätig war, seine Sammlung her? „Mit 80 Jahren ist der Moment gekommen, an dem man sich vielleicht davon trennen sollte“, sagt Nagel – sehr wohl mit einem Anflug von Wehmut. „Und jetzt kann ich noch Dinge dazu erzählen. Wenn ich nicht mehr da bin, geht das nicht mehr.“ Aber die Versteigerung hat auch praktische Gründe. Viele Gegenstände lagerten in einem Bauernhaus auf der Schwäbischen Alb, das der Sammler mittlerweile aufgegeben hat. „Man muss das auch alles aufbewahren und pflegen.“

Im ersten Stock. „Mein Lieblingsthema waren Fayencen. Wenn man sich am Porzellan versuchte und es nicht konnte, kamen meistens Fayencen dabei heraus“, sagt er und lacht. Die Werke aus Keramik lagern in Vitrinen, den kompletten Gang entlang. Nagels Begeisterung für diese Kunst rührt aus seinen Anfangstagen als Auktionator. „Die Stadt Ellwangen hatte Mitte der 60-er Jahre eine Ausstellung geplant mit Fayencen aus aller Welt.“ Und Vater Fritz Nagel legte die Organisation in die Hände des Sohnes. „Ein Buch musste ich auch dazu machen, und so kam ich auf diese Schiene.“

Zielstrebig geht Nagel auf eine der Vitrinen zu und lässt sich einen Krug daraus reichen. „Der Deckelhalter“, sagt er, „ist viel mehr, als es scheint.“ Aufgeschraubt erscheint eine Muskatnuss. „Mit Muskat oder Pfeffer hat man früher das Bier gewürzt, weil es schnell schal wurde“, berichtet er. Es ist nur ein winziger Teil von Nagels Wissen über seine Sammlung – ebenso sein Kurzreferat über die Verwendung einzelner Keramikformen, die erst für ein Gesamtkunstwerk und erst später separat benutzt wurden.

Nur an eines kann sich Nagel, der zudem Experte bei der Fernsehsendung „Kunst und Krempel“ im Bayrischen Rundfunk ist, nicht mehr erinnern: an das erste Stück, mit dem er seine Sammlung begonnen hat. „Aber das hier stammt noch von meinem Vater“, fügt er sofort hinzu und deutet auf das „Liebespaar im Herbst“ aus Porzellan. Im Krieg, als in Mannheim Bomben fielen und Vater Fritz an der Front war, wurde der Sohn ins badische Bühl geschickt. Mit einigen Gegenständen im Gepäck. Darunter war eben jene Arbeit. Nur wenig später wurde die elterliche Kunsthandlung tatsächlich dem Erdboden gleich gemacht.

Um die Ecke stehen Möbel, mal nobel, mal bäuerlich-rustikal. „Die Schreiner früher waren toll“, sagt Nagel und öffnet das Geheimfach eines pompösen Barock-Sekretärs aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Ein weiteres Stockwerk höher, zwischen Zaumzeug, Werkzeug und landwirtschaftlichen Geräten, offenbart Nagel einen seiner Pläne: „Wenn ich nichts weiter zu tun habe, mache ich ein Sprichwörter-Buch.“ Anhand einer Steinschloss-Pistole – spätes 18. Jahrhundert – demonstriert er: „Gespannt sein kommt von ‚den Hahn spannen’. Wenn der gespannt war, waren es alle Beteiligten auch.“ Als Anschauungsmaterial behalte er rund 60 Exemplare aus seiner Sammlung.

Vorbei an Sägen („Diese Ornamente, das ist ja nur noch Freude und Kunst“) und weiteren Arbeitsmaterialien geht es wieder hinunter ins Foyer des Auktionshauses. „Ich kann mich nicht erinnern, dass in den letzten Jahren irgendwo eine solche Allround-Sammlung versteigert worden wäre“, sagt Nagel dann. Ihm wäre es am Liebsten, wenn möglichst viele Stücke an ein Museum gehen würden. Dafür wurden die Startpreise bei der Auktion auch eher niedrig angesetzt. Zudem hat sich Nagel bereit erklärt, deutschen Museen mit einer Finanzierungsspende unter die Arme zu greifen. Gegen eine entsprechende Spendenbescheinigung übernimmt er dann die Zuschlagssummen zum Katalogpreis der Objekte höchst selbst. Zu zahlen sind für die Museen lediglich noch etwaige Steigerungen darüber hinaus sowie die Gebühren.

Denn schlussendlich gehe es ja um den Erhalt der Kultur. „Mao wollte seinem Volk die Kultur austreiben“, sagt Nagel, „und heute kaufen Chinesen ihre Kunst zu teilweise exorbitanten Preisen zurück.“ Die Menschen hier, im Gegensatz – „die werden ihre Kultur selbst los“.