Kornwestheim Suche nach dem Licht und dem schwärzesten Schwarz

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  Foto: Birgit Kiefer

Kornwestheim – „Landschaften! Sprechen Sie bloß nicht von Landschaften!“, stellt Katharina Zipser gegenüber der Presse rigoros klar. Der Künstlerin aus Siebenbürgen ist eine Retrospektive gewidmet, die ab Freitag im Kleihues-Bau zu sehen ist. Das Landschaftsmotiv, betont die mit „Kath“ signierende Künstlerin, sei stets nur ihre „Auseinandersetzung mit dem Licht“ gewesen, keineswegs ein Selbstzweck, genauso wie religiöse Motive bei ihr nichts mit Religiosität oder Glauben zu tun hätten. Notgedrungen habe sie Landschaften zelebriert, erörtert sie, um sich mit der malerischen Hauptfrage ihres Lebens zu befassen: Wie kann das dargestellt werden, das heller als weiß ist?

Das Problem der Künstlerin, an dem sie sich über Jahrzehnte abarbeitete, simpel ausgedrückt: Das Weiß, das sie durch ihr Atelierfenster draußen sah, war heller als ihr weißes Blatt Papier oder die weiße Leinwand. Zur Verdeutlichung zeigt sie auf die Fenster im gezackten Dach der Galerie. In ihren letzten Schaffensjahren – die 1931 in Hermannstadt geborene Zipser hat aus gesundheitlichen Gründen das Malen eingestellt – wandte sie sich dem Gegenteil ihres bisherigen Studienobjekts zu: dem Schwarz. Auch dieses stellte sie vor ein Rätsel: selbst das schwärzeste Schwarz ist – neben Blau gesetzt, heller als ein Ultramarinblau. . . Eine ganze Serie hat Zipser, die ihre Farben immer selbst aus Pigmenten anrührte, diesem Phänomen gewidmet.

Die Biografie von Zipser erklärt diese Besessenheit: Die Malerin wurde in Siebenbürgen groß, in Klausenburg studierte sie Malerei und zeichnete Porträts von Kulturschaffenden. Danach studierte sie drei weitere Jahre in Bukarest. Aber vom herrschenden System fühlte sie sich künstlerisch eingeschränkt. Der sozialistische Realismus war vorgegeben. Eine – künstlerische – Befreiung fand Zipser, so überraschend das klingen mag, in der nicht weniger restriktiven Ikonenmalerei. „Da sind die Vorgaben rein formell“, erklärt Zipser den scheinbaren Widerspruch. „Da kam es nur auf die Qualität an.“ 1966 lernte sie ein Jahr lang byzantinische Ikonen- und Freskenmalerei und damit auch den Einsatz von Goldbeschichtungen. Wie das Gold das Licht reflektierte, dies prägte die junge Künstlerin. In späteren Werken setzte sie häufig Quarzglimmer ein, um ähnliche Effekte zu erzielen. Und die perfekte technische Umsetzung ging ihr über perspektivische Darstellung und inhaltliche Aussage.

Im Jahr 1970 siedelte Zipser nach dem Unfalltod ihres Mannes zusammen mit Tochter Pomona nach München über. Auch diese biografische Wende zeigt sich in den Arbeiten, die im Kleihues-Bau zu sehen sind: „Ich habe meinen ganzen Jugendfrust nachgeholt, Gefühlsduseleien waren das, Sehnsucht, Erotik habe ich gezeigt“, alles eben, was sie bis dato nicht malen konnte. Auf einem Bild hat sie ihr Alter Ego gemalt, nackt und gefesselt an einen Baum – und noch mal sich selbst, wie sie inmitten von Kunstkritikern und Matrioschkas mit einer Schleuder auf sich selbst zielt. „Wie man sich selbst verleugnet, und das auf Befehl hin“ – auch hier schimmert im Zorn die Biografie durch.

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