Kornwestheim Türen abschleifen in der schönen Toskana

Susanne Mathes, vom 26.05.2015 00:00 Uhr
Über den Dächern von Volterra: Moritz Schmid (Mitte) mit zwei Kollegen aus dem Leonardo-Programm. Foto: z
Über den Dächern von Volterra: Moritz Schmid (Mitte) mit zwei Kollegen aus dem Leonardo-Programm. Foto: z

Kornwestheim - Eine neue Sprache lernen, die in der Berufsausbildung erworbenen Fähigkeiten im Ausland unter neuen Bedingungen einsetzen und fern der Heimat Freunde finden: All das will das von der Europäischen Union geförderte Mobilitätsprogramm Leonardo da Vinci ermöglichen. Moritz Schmid aus Kornwestheim ist einer von 15 jungen Handwerkerinnen und Handwerkern, die in den Genuss dieses Auslandsprogrammes gekommen sind. Und wenn er das Vierteljahr im italienischen Volterra kurz auf einen Nenner bringen soll, dann fasst er es so zusammen: „Es waren mit die schönsten Monate in meinem bisherigen Leben.“

Moritz Schmid ist Zimmerer. Er arbeitet bei der Firma Muny, bei der er auch seine Ausbildung gemacht hat. Und aus dem Geschäft kam der Anstoß, ein Motivationsschreiben für die Leonardo-Bewerbung zu verfassen. Schmids Meister Patrick Pressel war einst selbst Volterraner auf Zeit und bestärkte seinen Gesellen. „Mal aus dem Alltag rauskommen, mit italienischen Handwerkern zusammenarbeiten, was Neues lernen und in einer Gruppe von 15 Leuten überleben“: Das sei eine gute Vorstellung gewesen, meint der 22-Jährige. Schmid erhielt den Zuschlag, und mit ihm ein weiteres gutes Dutzend junger Leute – Maler, Glaser, Anlagenmechaniker, Schreiner und Stuckateure zum Beispiel. Aber auch eine Konditorin, eine Friseurin und eine Maler- und Lackierergesellin waren mit von der Partie.

Zu dem Auslandsaufenthalt gehörte ein einmonatiger Italienisch-Sprachkursus sowie ein zweimonatiges Praktikum in Betrieben vor Ort bei italienischen Partnern der Handwerkskammer Region Stuttgart – vor allem bei der Instandhaltung und Restaurierung historischer, denkmalgeschützter Gebäude.

Ein ehemaliges landwirtschaftliches Anwesen, das jetzt – in restaurierter Form – den Naturfreunden gehört, wurde ein Vierteljahr lang zur Interimsheimat der bunt gemischten Handwerkertruppe aus dem Schwäbischen und dem Badischen. Waren sie bei Temperaturen um den Gefrierpunkt gestartet, empfing sie die Toskana mit lauschigen 15 Grad und strahlendem Sonnenschein. Das auf einem hohen Bergrücken gelegene Volterra mit seiner ehemaligen Medici-Festung zog die Gruppe gleich in ihren Bann. Auch sonst, erzählt Schmid und lacht, ließ sich das Abenteuer gut an: „Am 10. Januar hab’ ich zum ersten Mal im Meer gebadet.“

Italienisch konnte zu Beginn des Aufenthalts kaum einer der Teilnehmer. Von Muttersprachlerinnen unterrichtet, tauchten sie vier Wochen lang intensiv in die Sprache ein. Außerdem erkundeten die Deutschen die nähere und weitere Region. Freundlich aufgenommen worden seien sie gleich, berichtet Moritz Schmid. „Die Volterraner kennen das Leonardo-Projekt. Und im Winter wird man dort sowieso nicht automatisch als Tourist eingestuft.“

Nach einem Monat Vokabeln-, Grammatik- und Konversation-Pauken ging’s dann an die Arbeit in den Partnerbetrieben. Die war für Moritz Schmid nicht wirklich anspruchsvoll: „Für Zimmerleute gab’s eigentlich keine Arbeit, das hatte ich aber schon geahnt. Ich habe deshalb einem Schreiner in einem alten Krankenhaus geholfen, Türen abzuschleifen.“ Andere aus der Gruppe legten beispielsweise im Etruskermuseum alte Wandfresken frei oder betätigten sich auf dem Gebiet der Erdbebensicherung. „Die haben auch beruflich viel mitgenommen“, erzählt der Kornwestheimer. Die Konditorin, die ausschließlich mit italienischen Kollegen zusammenarbeitete und sich daher schnell gut verständigen konnte, bekam sogar das Angebot, in der Pastecceria zu verlängern: „Sie ist jetzt noch dort.“

Als Ende März das 15-jährige Bestehen des Leonardo-Programmes mit deutschen und italienischen Partnern und vielen angereisten „Ex-Leonardos“ stattfand, war aus den Teilnehmern ein zusammengeschweißter Haufen geworden, der sich als Teil einer großen Familie fühlte.

Auch wenn er als Zimmermann keine neuen Erkenntnisse gewonnen hat: Die Eindrücke, die Begegnung mit dem italienischen Leben und der neuen Sprache, die Besichtigung von geschichtsträchtigen und anmutigen Städten wie Rom und Florenz, das Zusammenwachsen und Sich-Arrangieren in der Gruppe, gemeinsame Abende am Kaminfeuer, der Kontakt zu den Italienern – all das hat in Moritz Schmid nachhaltig beeindruckt. Freundschaften sind entstanden, enge Bande geknüpft worden. Seit Anfang April ist Schmid zurück in Kornwestheim. Aber den ersten Besuch im schönen Volterra, den hat er schon wieder hinter sich.