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Kornwestheim Über das Unrechtsregime nicht geschwiegen

Susanne Mathes, vom 11.11.2013 19:00 Uhr
Friedrich Züfle arbeitete am Güterbahnhof und als Lokführer. Foto: Archiv
Friedrich Züfle arbeitete am Güterbahnhof und als Lokführer. Foto: Archiv

Kornwestheim - „Sie sind dringend verdächtig, sich eines politischen Verbrechens schuldig gemacht zu haben“, hieß es in dem Schreiben, mit dem die Reichsbahndirektion ein förmliches Dienststrafverfahren gegen Friedrich Züfle einleitete. Der Brief ging in die Dorotheenstraße in Stuttgart. Dort saß Züfle seit seiner Verhaftung am 24. Juli 1938 in Gestapo-Untersuchungshaft. Zu diesem Zeitpunkt hatte Friedrich Züfle noch ein halbes Jahr zu leben. Sein Einsatz gegen das NS-Regime wurde ihm zum Verhängnis.

Der geborene Baiersbronner war Rangierarbeiter am Kornwestheimer Güterbahnhof, später dann auch Zugführer. 1921 legte er seinen Reichsbeamteneid ab. Züfle engagierte sich politisch: Zwischen 1922 und 1925 war er Mitglied der KPD, bis 1933 dann bei der SPD. Das nationalsozialistische Regime bekämpfte Friedrich Züfle auf seine eigene Weise: Als Eisenbahner kam er viel herum. Er hatte sich einer Gruppe angeschlossen, die Informationen aus Hitler-Deutschland ins Ausland schmuggelte. Unter anderem hielt er Kontakt mit einer antifaschistischen Gruppe in der Schweiz. Die Welt „draußen“ sollte erfahren, wie die Zustände waren und wie das Unrechtsregime unbarmherzig und mit kalter Technokratie die Schlinge enger zog für diejenigen, die nicht ins System passten.

Friedrich Züfle verteilte auch antifaschistische Literatur, unter anderem auf dem Ulmer Hauptbahnhof. Dort schnappte für den 46-Jährigen schließlich auch die Falle zu, wie ein kurzer Vermerk aus dem Bahnhof Ulm an die Stuttgarter Reichsbahndirektion dokumentiert: „Zugschaffner Friedrich Züfle wurde heute nach Ankunft des Dg 7815, im Rbf Ulm von der geheimen Staatspolizei in Haft genommen“, heißt es darin. Auch Züfles Frau Anna Luise wurde verhaftet. Weitere Festnahmen durch die Gestapo folgten – und trafen vor allem Eisenbahner.

„Man ist plötzlich mittendrin im Geschehen“, sagt Anne Jeziorski, die sich für die Stolperstein-Initiative mit Friedrich Züfle beschäftigt hat. Im Urlaub und an freien Tagen hat sie sich in die Recherche gekniet. Warum? Eine persönliche Beziehung zu Züfle hat sie nicht. Die ist aber auch nicht notwendig, findet sie. Ihr geht es darum, etwas gegen das Vergessen zu tun, Zeichen zu setzen und wachsam zu sein. In Anbetracht von Rechtsradikalismus und NSU-Gewalt sei das Motto „Wehret den Anfängen“ aktueller denn je.

Ein dickes Lob zollt Jeziorski dem Staatsarchiv in Ludwigsburg. „Die Mitarbeiter dort haben alles möglich gemacht, damit wir gut recherchieren konnten. Das war klasse.“

Friedrich Züfle kam nie wieder frei: Er starb am 17. Dezember 1938 in der Gestapohaft. Es sei Selbstmord gewesen, hieß es, sid in so vielen Fällen, in den behördlichen Angaben. Über die genauen Todesumstände ist aber nichts bekannt. Auf den Tag genau sechs Jahre später starb Friedrich Züfles Frau. Die Spur des 1921 geborenen Sohnes Ewald, sagt Anne Jeziorski, verliere sich in den USA.

Für Friedrich Züfle wird am Mittwoch, 13. November, um 13.30 Uhr der Stolperstein verlegt – in der Bolzstraße 72, seinem letzten Wohnort.