KornwestheimVier Tage zum Lockerwerden und Auftanken

Siehe Nachgefragt, vom 12.09.2017 00:00 Uhr
Emma hat Vertrauen zu Diego gefasst – und zur Therapeutin Pia Allerdissen. Foto: Susanne Mathes
Emma hat Vertrauen zu Diego gefasst – und zur Therapeutin Pia Allerdissen.Foto: Susanne Mathes

Kornwestheim - Dafür, dass ihm die Ärzte nach der Geburt eine Überlebenschance von fünf Prozent prognostiziert hatten, sitzt Lennox unglaublich fidel auf dem Pferd. „Guck mal Mama, wie ich gleich losreite“, kräht der Sechsjährige. Als sich der mächtige, schwarzweiß gescheckte Criollo-Wallach Diego in Bewegung setzt, fühlt sich der Junge so sicher, dass er sich sogar nach hinten gleiten lässt. Das ruhige, freundliche Wesen des Pferdes und die ermutigenden Worte und hilfreichen Griffe der Reitpädadogin Pia Allerdissen machen’s möglich. Rücken an Rücken sind das Pferd und das Kind jetzt miteinander in Bewegung.

Vier Tage lang erleben zehn Mädchen und Jungen, die ihre zu frühe Geburt nicht unbeschadet überstanden haben, auf dem Sonnenhof die förderlichen Auswirkungen des therapeutischen Reitens – die positiven Impulse auf eingeschränkte Motorik beispielsweise. Der Bundesverband Das frühgeborene Kind mit Sitz in Frankfurt hat dazu eingeladen, unterstützt durch etliche Sponsoren. Krimi-Autor Sebastian Fitzek etwa, Träger des Europäischen Preises für Kriminalliteratur, spendete sein Preisgeld.

Die Kinder – fast alle benötigen einen Rollstuhl, manche können nicht frei sitzen, andere nicht sprechen – durften mitsamt ihren Familien anreisen und müssen für die vier Tage Unterkunft, Logis und Therapiestunden nichts bezahlen. „Der Andrang auf die Ausschreibung war enorm, zum Zuge gekommen sind die zehn Schnellsten“, berichtet Katharina Eglin, Sprecherin des Verbandes.

Lennox, der mit seiner Schwester Maya, seiner Mutter Yvonne und seinem Papa Bodo hier ist, hatte von Pforzheim aus den kürzesten Anreiseweg. Die Familien kommen aber aus dem ganzen Bundesgebiet, aus Berlin, aus Gera oder, wie die Familie Schmidt, aus der Nähe von Göttingen. Die Schmidts durften zu sechst kommen: Neben der vierjährigen Emilia, deren offener Rücken schon im Mutterleib operiert wurde und die in der 29. Woche dann per Notkaiserschnitt auf die Welt geholt wurde, und ihren Eltern sind auch die drei größeren Geschwister mit von der Partie.

„Die Drei genießen es total hier“, erzählt Cindy Schmidt. Wenn man ein Kind mit Handicap habe, kämen die Geschwister oft zu kurz. Beim verlängerten Reittherapie-Wochenende hingegen gibt’s für die Geschwisterkinder ein eigenes Programm, das auch die Therapiekinder einschließt, wenn sie nicht gerade auf dem Pferd sitzen. Das Betreuungsteam von „Intekreativ“ aus Kaiserslautern ist auf Kinder mit besonderen Bedürfnissen spezialisiert. „Uns ist es ein Anliegen“, sagt Barbara Mitschdörfer, Vorsitzende des Verbandes Das frühgeborene Kind, „dass sich jemand explizit mit den Geschwisterkindern beschäftigt, so dass sie sich auch mal wichtig vorkommen.“

Für die Eltern wiederum ist laut Mitschdörfer „oft schon eine Viertelstunde Kaffeetrinken ohne die Kinder etwas Besonderes und Entspanntes“. Kein Wunder, dass es manchen ergeht wie den Schmidts: Als die vier Kinder mal alle gleichzeitig in der Betreuung waren, wusste das Ehepaar erst mal gar nicht so recht, was es mit den anderthalb freien Stunden anfangen sollte.

Dass ihrer kleinen Emilia das therapeutische Reiten – das von den meisten Krankenkassen nicht finanziert wird – guttut, ist für Cindy und Jörg Schmidt offensichtlich. Auch Margit Cowden aus Frankfurt, Großmutter der achtjährigen Emma, sagt beim Anblick des Mädchens auf dem Pferderücken: „Wie hingeschmolzen! Und das, obwohl sie es sonst gar nicht so mit Tieren hat!“ Emma, in der 24. Woche mit 640 Gramm auf die Welt gekommen, leidet unter Spastiken und ist autistisch. Auf Diego wirkt sie gelöst, biegt sich durch, um einen Greifring von der Pferdekuppe zu angeln, legt sich auf seinen Rücken oder reckt die Arme in die Luft. Egal wie verhalten manches Kind bei der Erstbegegnung mit Diego oder dem zweiten Therapiepferd Leika war: „Pia hat es geschafft, sie alle aufs Pferd zu kriegen, und alle kamen mit einem Grinsen wieder runter“, sagt Katharina Eglin. „Das ist einfach eine Therapieform, bei der sich die Kinder nicht als defizitär empfinden.“ Die Beteiligten halten große Stücke auf die einfühlsame Reittherapeutin vom Sonnenhof.

Den Familien tut es aber auch gut, ein paar Tage unter Menschen zu sein, denen man sich nicht erklären muss. „Als wir hier die ganzen anderen Rollis gesehen haben, haben wir uns gleich wohl gefühlt“, meint Cindy Schmidt lächelnd. „Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen, aber hier fühlt man sich nicht mehr so allein. Das ist sehr entlastend.“