Kornwestheim Virtuoses Spiel auf der Lichtakkord-Klaviatur

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Ruhe, Stille und Anmut: Werke von Bruno Kurz zeigt das Museum im Obergeschoss des Kleihues-Baus. Foto: Susanne Mathes

Kornwestheim - Selbst wenn die Beleuchtung im oberen Saal des Kleihues-Baus ausgeschaltet ist und das Oberlicht nicht mehr bieten kann, als der trüb-graue Aprilhimmel draußen hergibt: Die Gemälde von Bruno Kurz leuchten. Weil sie selbst Quelle des Lichts sind, aber auch, weil sich in ihnen sogar matteste Lichteinfälle spiegeln und brechen – auf geharzten Bildpassagen oder auf freigekratztem Aluminiumuntergrund zum Beispiel.

„Lichtakkorde“ heißt denn auch sinnfällig der Titel der Ausstellung mit Werken des in Langenargen aufgewachsenen und in Karlsruhe lebenden Künstlers. 25 seiner Arbeiten zeigt das Museum im Kleihues-Bau vom heutigen Freitag an bis zum 9. Juli. Ein Glücksfall für das Museum, denn Kurz sprang kurzfristig ein, nachdem ein anderer Künstler abgesagt hatte. Und das, obwohl er in der Schlussvorbereitung für eine Einzelausstellung in Toronto steht, für die ein Großteil seines Werkes am 3. Mai verschifft wird.

Kornwestheim? Bruno Kurz, international erfolgreich als freischaffender Maler und Installationskünstler, googelte sicherheitshalber erst einmal. Mittlerweile zeigt er sich vom Ausstellungsort und der Konzeption des Hauses beeindruckt. „Das ist hier wirklich noch ein Museum und kein Event-Schuppen“, sagt der 59-Jährige. „Ich möchte, dass meine Bilder in guten Räumen gezeigt werden. Das passt hier wunderbar.“ Um die Ausstellung trotz all der Richtung Kanada reisenden Werke adäquat zu bestücken, beschaffte der Künstler sogar mehrere seiner Bilder, die sich in Privatbesitz befinden, als Leihgaben.

Die Menschen in den Bann der Materialität und Sinnlichkeit von Farbe zu ziehen, also das Essenzielle der Malerei herauszufiltern, ist Bruno Kurz ein Anliegen. „Ich möchte keine erzählerischen Botschaften in meine Bilder packen, sondern den Betrachtern das Angebot machen, in die Tiefe einzutauchen und Ruhe, Stille und Anmut zu finden“, sagt der Maler.

„Wir leben in einer Welt, in der wir im Sekundentakt von Bildern überflutet werden. Da hat mich natürlich schon die Frage beschäftigt: Was soll ich in einer Welt, in der die optischen Reize so überhand nehmen und die so zugestellt ist, eigentlich überhaupt noch malen?“ Die Haltung, die er ungeachtet von Zeitgeist, Moden und Strömungen dazu gefunden hat: Er schafft Werke, die „geistige Räume öffnen, vor denen man atmen kann, vor denen keine Beklemmung aufkommt“. Die im Kleihues-Bau gezeigten Bilder sind offene Horizonte: Sie evozieren Landschaften. Sie sind von realen Orten wie etwa den rauen Äußeren Hebriden inspiriert, die der Künstler wie viele andere Weltgegenden bereist hat, und tragen Titel wie „Arktischer Abend“, „Eismeer“ oder „Nord Passage“. Sie bilden diese Landschaften aber nicht ab. Der Betrachter soll das Recht auf seine eigenen Assoziationen haben.

Die von waagrechten Linien und Flächen dominierten, gleichwohl mit senkrechten Elementen korrespondierenden und in ruhigem Rhythmus pulsierenden Bilder bettet der Künstler zumeist in quadratische Formate ein. Er greift damit die zentrale Bedeutung des Quadrates in der abstrakten Kunst auf, ohne das jedoch groß zu Markte zu tragen. Ohnehin sprechen die Bilder ihre eigene Spannungssprache, in der es vieles zu entdecken gibt – allein schon durch die souverän und gleichzeitig überraschend verwendeten Materialien.

Einen Gutteil seiner Werke schafft Bruno Kurz auf Aluminiumplatten. Ihnen verleiht er vorab mit Schleifmaschinen Strukturen, bevor er mit Farben, Pigmenten, Harzen und anderen Materialien an den Auftrag geht, mal pastos, mal durchscheinend. Dabei hat er im Schaffensprozess stets das Spiel von Farbe und Licht im Fokus – und die Tatsache, dass diese je nach Standort des Betrachters changieren, schimmern, leuchten oder fluoriszieren. „Es kommt auch vor, dass ich die Hälfte wieder wegschleife“, erzählt Kurz. „Zu- und totgemalte Bilder, in denen das Licht weg ist, sind für mich eine Katastrophe.“ Wo es in seinen Bildern verdichtet ist, wo offen, wo es glänzt und wo nicht: All das ist kein Zufall.

Kongenial harmonieren die Werke, „in denen laut Dr. Irmgard Sedler „Emotionen und Vergeistigung zusammenfließen“, mit dem Ausstellungssaal im ersten Stock und seinen Oberlichtern, findet die Museumsleiterin. Der Raum bringe die Bilder zusätzlich zum Vibrieren und zum Klingen. Und so haben neben dem „Licht“ auch die „Akkorde“ im Titel der Ausstellung ihre Berechtigung.

 
 

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