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Kornwestheim Vom Bauernbuben zum Bahn-Chef

Siehe „Nachgefragt“, vom 16.10.2013 20:00 Uhr
Dr. Rüdiger Grube fühlt sich auf dem Roten Sofa wohl. Foto:  
Dr. Rüdiger Grube fühlt sich auf dem Roten Sofa wohl. Foto:  

Kornwestheim - Ich kann Sie zwar nicht sehen, aber ich fühle Sie!“ Mit seinem saloppen Einstieg hatte Rüdiger Grube die Lacher des im tiefen Dunkel sitzenden Publikums gleich schon mal auf seiner Seite. Ob’s gewollt war oder der mäßig ausdifferenzierten Beleuchtungsstrategie geschuldet, blieb offen: Jedenfalls waren der Bahn-Chef und die Oberbürgermeisterin zumindest optisch die einzigen Lichtgestalten im Theatersaal – und auch der Erste Bürgermeister Dietmar Allgaier, der ins Schwarze hinein verkündete: „Wer reist, hat ein Ziel. Wir sind nach unserer Reise mit unserem Roten Sofa zuhause angekommen. Pünktlich und mit dem ganzen Gepäck.“ Womit die Überleitung zur Bahn geschaffen war.

„Sie müssen nämlich wissen: Sie befinden sich heute in der Eisenbahnerstadt überhaupt“, meinte Allgaier zum Bahn-Manager. „Wenn nachts keine Zugbremsen quietschen und keine Güterzugwaggons aufeinander prallen, werden wir unruhig. Das gehört bei uns zum Schlafengehen wie die Gute-Nacht-Geschichte.“ Das erheiterte Grube sichtlich: „Sie sind die einzige Stadt Deutschlands, die mich zum Thema Lärm so freundlich begrüßt.“ Doch der Krach des Schienengüterverkehrs verursache immer größere Probleme. „Wenn eine Graugussbremse auf Stahl trifft, verursacht allein das 50 Prozent des Lärms.“ Die Bahn wolle aber nicht noch höhere Lärmschutzwände, sondern in den nächsten Jahren alle Waggons umrüsten und mit Bremsen aus einem Verbundwerkstoff ausstatten. Eine Herausforderung von vielen, die Grube mit etlichen Beispielen und Zahlen anriss.

Wie überhaupt quasi der ganze Abend um Herausforderungen, um Herangehensweisen und Umgangsstrategien ging – und das auch über das Thema Bahn hinaus. Der 62-jährige Manager, der zu seiner gut aufgelegten Interviewpartnerin Ursula Keck schnell einen Draht fand, gab auf dem Roten Sofa nicht nur den Macher und Entscheider. Er zeigte sich von einer nachdenklichen, auch verletzlichen Seite.

Von der OB auf seine nicht einfache Kindheit angesprochen, erzählte er von der Trennung seiner Eltern, die er als Fünfjähriger erleben musste. „Meine Mutter hatte nur eine Chance: Mit mir und meinem Bruder täglich unseren Bauernhof weiterzubringen. Die Schule war da eher sekundär. Dort habe ich mich oft geschämt.“

Eine tiefe Verletzung habe es für ihn bedeutet, dass seine Tante ihn ausgelacht habe, als er ihr sagte, er wolle Pilot werden. „Dazu brauchst du Abitur“, habe sie gesagt. Vorgesehen war aber nur der Hauptschulabschluss. Den Realschulabschluss machte Grube gegen den Willen der Mutter, schloss eine Lehre als Metallflugzeugbauer an, studierte mit Unterstützung eines Mentors Fahrzeugbau und Fahrzeugtechnik, danach Berufs- und Wirtschaftspädagogik, und promovierte. „Ich habe früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen und rate jungen Menschen: Steckt euch Ziele, auch wenn sie unendlich weit entfernt scheinen, und arbeitet täglich daran“, appellierte Grube, der immer wieder Zwischenapplaus erhielt.

Nicht nur das allerdings. Themen wie das Zugchaos in Mainz durch zu schlecht besetzte Stellwerke wurden vom Publikum ebenso angesprochen und mit Unmutsbezeugungen wie Stöhnen, Seufzen oder Lachen untermalt wie – selbstredend – Stuttgart 21. „Alles andere als erfolgreich“ und viel zu langwierig sei der Planungsprozess gewesen, räumte Grube ein; vieles sei nicht gut gelaufen, die Kostensteigerung natürlich ein Problem. Nur wenn man nicht um den heißen Brei herum rede und nichts zu vertuschen versuche, bleibe man in einer solchen Situation glaubwürdig. Er selbst sei zu emotional und ohne Eskalationspotenzial mit dem Protest gegen das Projekt umgegangen und anfangs gegen Schlichtung, Stresstest und Volksbefragung gewesen, sagte er im Gespräch mit Keck. „Heute weiß ich, dass all das richtig war. Auch ich lerne dazu.“ Es sei jedoch auch alles andere als fair gewesen, „was von den Gegnern alles geboten wurde“ – Morddrohungen inklusive. Das habe seine Familie sehr belastet.

Der Bahn-Chef gab sich überzeugt: „Wenn wir das alles mal hinter uns haben, wird Stuttgart über einen Standortvorteil verfügen und an Attraktivität gewonnen haben.“ Die Stuttgart-21-Gegner im Raum sahen das naturgemäß anders und geißelten das Grundwassermanagement und die Reduktion der Gleiszahl.

Grube sang aber auch noch ein Loblied – und zwar auf seine Mitarbeiter. Er sei überzeugt, dass Arbeitgeber stärker auf deren individuelle Belange eingehen müssten. „Wer so agiert, dass er immer die A-Karte zieht, kann nicht als kundenfreundliches und sympathisches Unternehmen rüberkommen.“ Die jüngste Gallup-Studie, dass fast 25 Prozent aller Mitarbeiter deutscher Firmen innerlich gekündigt hätten, sei erschreckend. Er selbst sei deswegen immer bemüht darum, möglichst viel von der Basis mitzubekommen und aufzunehmen.

Während Rüdiger Grube nach der Veranstaltung zu Günther Oettingers rundem Geburtstag weiterflitzte, ließen es sich die in großer Zahl erschienenen Gäste noch bei angeregten Gesprächen am Vernissage-Buffet schmecken.