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Kornwestheim Von Terror, Krieg und Tee-Gesprächen unterm Baum

Werner Waldner, vom 08.01.2016 00:00 Uhr
Hans-Ulrich Gack (Mitte) bei der Arbeit: Das Foto entstand im Flüchtlingslager Dahuk im Irak. Foto: z
Hans-Ulrich Gack (Mitte) bei der Arbeit: Das Foto entstand im Flüchtlingslager Dahuk im Irak. Foto: z
Größer kann die Veränderung kaum sein – hier die Kleinstadt mit rund 30 000 Einwohnern, in der Hans-Ulrich Gack im Jahr 1957 auf die Welt kam. Jetzt lebt der Journalist in der größten Stadt der arabischen Welt: Kairo zählt acht Millionen Einwohner, die Metropolregion mit über 16 Millionen Menschen ist die größte auf dem afrikanischen Kontinent. Von Kairo aus berichtet Hans-Ulrich Gack fürs ZDF.
Herr Gack, wir erreichen Sie zwar nicht in Kairo, sondern im Rheingau. Aber Sie werden es vermutlich trotzdem wissen: Wie ist denn das Wetter in Kairo?
Es ist für dortige Verhältnisse eher kühl mit Temperaturen unter 20 Grad.
Wie oft dürfen Sie als Korrespondent Ihren Arbeitsplatz für einen Besuch in Deutschland verlassen?
Ich fliege zwei- bis dreimal im Jahr nach Hause, zu Weihnachten und vermutlich im Ramadan, wenn in der arabischen Welt das öffentliche Leben ruht.
Wie hat sich für Sie das Leben in Kairo angelassen?
Das ist einfach eine riesige Stadt. Man steht immer im Stau. Wenn man zum Beispiel in der Rushhour zum Flughafen muss, dann muss man schon einmal zweieinhalb Stunden einrechnen. Es ist eine Stadt, die im Smog versinkt, die Luft ist furchtbar. Die Stadt ist laut, sie ist überfüllt, es sind Menschenmassen dort, die sich durch die Straßen und Gassen schieben. Alle fünf Sekunden, so heißt es, kommt ein Ägypter auf die Welt, die Bevölkerungsexplosion ist spürbar. Rund um Kairo zieht sich die Ringroad, eine 160 Kilometer lange Straße. Als ich sie bei meinem letzten Besuch vor eineinhalb Jahren befahren habe, da hat man kurz vor den Pyramiden in Gizeh noch den ländlichen Raum gesehen, Äcker, Felder. Das ist mittlerweile komplett zugebaut. Kairo, das ist eine Stadt, die aus allen Nähten platzt.
Sie zieht es beruflich immer wieder in den Nahen Osten. Was reizt Sie daran?
Als Kind habe ich schon die Bücher von Karl May verschlungen. ‚Durch die Wüste’, ‚Von Bagdad nach Stambul’, ‚Durchs wilde Kurdistan’ – das hat mich wie ein Virus gepackt. Der Orient, das war schon immer eine Welt. Dass ich jetzt wirklich dort bin und von dort aus berichten kann, das hätte ich mir nicht träumen lassen.
Hat das, was Sie in der Kindheit gelesen haben, mit der Wirklichkeit etwas zu tun?
Ja, manchmal schon. Karl May hat, obwohl er nie dort war, manches richtig beschrieben. Den Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten hat er damals schon gesehen. Aber die Welt ist natürlich eine andere geworden. Sie hat sich in den vergangenen 20 Jahren radikal verändert, gerade durch das Bevölkerungswachstum, durch eine Besiedelung der Landschaft, die wir uns in diesen Dimensionen nicht vorstellen können.
Sie gehörten viele Jahre zum Reporterteam des ZDF und werden jetzt praktisch in Kairo als Korrespondent sesshaft. Warum dieser Schritt?
Ich habe damit überhaupt nicht gerechnet und war eigentlich ausgefüllt als ZDF-Reporter. Das ist jetzt noch einmal was Neues, was ich gerne übernehme.
Sie müssen von Kairo aus viele Länder im Blick haben, die zum Berichterstattungsgebiet gehören. Wie bewerkstelligen Sie das?
Jedes Land ist anders, hat andere Probleme, und teilweise unterscheiden sich auch die kulturellen Hintergründe. Man muss diese Länder bereist haben, um sie begreifen zu können. Wenn man nur mit Agenturmaterial arbeitet, ist man nicht nahe genug dran. Man muss mit den Leuten reden, man muss mit ihnen auf dem Teppich oder unter dem Baum sitzen und Tee trinken, erst dann bekommt man ein Gefühl für diese Länder, für die Eigenarten.
Von der Ferne aus betrachtet wirkt der Nahe Osten immer gefährlich. Ist dem so?
Wenn man sieht, was im vergangenen Jahr zweimal in Paris passiert ist, dann relativiert sich dieser Blick ein wenig. Ich denke, dass wir in Europa eine etwas verzerrte Wahrnehmung haben, weil die Medien insbesondere dann berichten, wenn etwas Großes, zum Beispiel ein Terroranschlag, passiert. Das vermittelt dann natürlich das Gefühl: Hinter jedem Stein sitzt ein Attentäter, hinter jeder Mauer der böse Taliban, der einem an den Kragen will. Aber das ist die Pressearbeit, Sie kennen das. Sie berichten auch nicht über die vielen Wasserhähne, die nicht tropfen, sondern über den einen, der tropft. Insgesamt gesehen stelle ich aber auch fest, dass es gefährlicher geworden ist. Was wir vor dem Antritt einer Reise an Sicherheitsvorkehrungen beachten und treffen müssen, das ist massiv angewachsen. Einfach mal losfahren und beispielsweise eine Geschichte über die Bekaa-Ebene und die Hisbollah zu machen, das ist nicht mehr möglich. Die Zeiten sind vorbei.
Wie kommt man bei diesen vielen Gruppierungen, mit denen Sie es in unterschiedlichen Ländern zu tun haben, an Informationen? Pressestellen für eine erste Kontaktaufnahme gibt’s vermutlich nicht.
Doch, auch das gibt es. Ein Beispiel: Wir wollten eine Geschichte in Syrien über die Region Hassake machen, die von dem syrischen Ableger der PKK, der YPG, befreit worden ist. Da gibt es ein Büro von der PKK im Nordirak. Da rufe ich an, mache einen Termin für den Tag aus, an dem ich in Erbil bin. Dann treffen wir uns und ich berichte, was wir machen wollen. Das geht dann nicht von einem Tag auf den anderen, man informiert sich auch in Deutschland über mich, aber dann klappt das. Ich kann über die Region berichten, ich kann PKK-Kämpfer interviewen, eine Fraueneinheit begleiten – das läuft. Man muss sich herantasten und gegenseitig Vertrauen aufbauen. Und auch für andere Gruppierungen, zum Beispiel die Peschmerga, gilt das entsprechend: Man muss einen kennen, der wiederum einen kennt, der den Kommandeur kennt. Den trifft man dann, trinkt drei Stunden Tee mit ihm und redet über alles mögliche – und letztlich stellt er eine Eskorte, die einen in das Gebiet begleitet, das man bereisen will. Wir haben auch über den noch von Baschar al-Assad kontrollierten Teil Syriens berichtet. Das waren dann sechs Wochen Vorbereitung, das Ausfüllen von vielen Papieren, wir mussten dem Informationsministerium in Damaskus unser Anliegen und unsere Pläne vorstellen. Wir hatten dann zwei Aufpasser, Minder genannt, die uns völlig frei haben arbeiten lassen. Sie müssen Vertrauen herstellen können, Sie müssen berechenbar sein, dann läuft es in der Regel sehr gut. Wir waren jüngst in Syrien in Homs und wollten von dort aus fürs Heute-Journal berichten. Homs hat aber eine eher mittelalterliche Fernsehstation und eigentlich ist es nicht möglich, von dort aus zu berichten. Man hat aber für uns Kabel zusammengelötet. Wir konnten schließlich nicht nur unsere Beiträge überspielen, sondern auch fürs Heute-Journal live senden – und das, obwohl in Homs abends um 19 Uhr der Strom abgestellt wird. Man hat dann für uns sogar das Kraftwerk länger laufen lassen. Sie wussten nicht, was wir live senden, und haben uns machen lassen. Natürlich gibt es auch den anderen Fall, dass man etwas ausgemacht hat, und dann funktioniert nichts.
Warum haben die Syrer Sie machen lassen?
Das ist schwer zu durchschauen. Vermutlich wollten sie ihr schlechtes Image loswerden – und dann machen sie vieles möglich, was vorher undenkbar war.
Wie sieht es bei Ihnen mit den Sprachkenntnissen für den arabischen Raum aus?
Ich verstehe einigermaßen Arabisch, mit dem selber Reden ist es schwieriger. Meine Kenntnisse reichen, um das Eis bei schwierigeren Gesprächspartnern zu brechen. Aber ansonsten bin ich auf meine Übersetzer angewiesen. Ich arbeite mit Kollegen zusammen, die die Sprache sehr gut beherrschen.
Sie berichten gezwungenermaßen viel über Krieg und Terror. Wie sehr vermissen Sie es, dass Sie nicht den Alltag zum Gegenstand der Berichterstattung machen können?
Das machen wir auch. Und manchmal liegt beides auch sehr eng beieinander. Ich erinnere mich an Dreharbeiten in Damaskus, wo wir aus Jobar berichtet haben, ein umkämpfter, zerstörter Vorort. Und 1000 Meter weiter läuft das ganz normale Leben. In Afghanistan haben wir häufiger über den Alltag berichten können, im Nahen Osten springen wir einfach nur noch von einer Krise zur nächsten.
Europa träumt derzeit davon, den Konflikt in Syrien befrieden zu können, um weitere Flüchtlinge davon abzuhalten, in den Westen zu kommen. Kann das funktionieren?
Nein, ich glaube nicht. Wenn jetzt weniger Flüchtlinge kommen, dann liegt das daran, dass das Mittelmeer so unruhig ist und weniger Menschen das Wagnis der Flucht eingehen. So eine Flucht ist ja in der Regel nichts, was spontan vonstatten geht. Das ist häufig eine rational und finanziell durchgeplante Sache. Die Familie rechnet aus, wie viel Geld sie hat, wie viel Schmuck da ist, der verkauft werden kann. Sagen wir einmal, es sind noch 7000 Dollar da. Für die Flucht rechnet die Familie mit Kosten von 4000, 5000 Dollar. Dann wird zumeist ein Minderjähriger auserkoren, der die Flucht antritt mit der Maßgabe, die Familie später nachzuholen. Über die Schleuser wird die Flucht dann durchorganisiert. Die jungen Männer, die es nach Deutschland schaffen, stehen unter einem wahnsinnigen Druck. Die Familie hat im Prinzip die Ersparnisse geopfert, damit sie nach Deutschland kommen kann. Und nun müssen sie für das Geld sorgen, damit die Familie nachkommen kann.
Sie haben selbst mehrfach Flüchtlingslager im Libanon und in Jordanien besucht. Welchen Eindruck haben Sie dort gehabt?
Die Zustände sind unbeschreiblich, die Situation ist katastrophal. Die Vereinten Nationen stellen den Menschen nur noch acht Dollar für Lebensmittel zur Verfügung – pro Person und pro Monat. Der Betrag lag einmal bei 31 Dollar. Die Menschen kämpfen ums Überleben, die hygienischen Zustände sind grauenhaft: Ein Kornwestheimer würde das vermutlich nicht eine Woche aushalten, ohne dass er ernsthaft erkranken oder wahnsinnig würde. Es sind diese Zustände, die diese Massenflucht mit verursachen. Im Winter ist es schlimm, weil es viel regnet. Es ist alles nass, man steht knöcheltief im Matsch. Wenn man rechtzeitig dafür gesorgt hätte, dass die Menschen in diesen Lagern ordentlich überleben können, dann wäre ein Großteil dieser Massenflucht ausgeblieben.
Wie realistisch ist das Bild, das die Flüchtlinge von Deutschland haben?
Das sind großteils Utopien. Nehmen Sie als Beispiel die Jesiden aus dem Nordirak. 400 000 wurden aus dem Sindschar-Gebiet vertrieben. Viele Jesiden sind getötet, die Dörfer zerstört, Städte komplett ausgelöscht worden. Die Menschen wollen auf diesen Friedhof nicht mehr zurückkehren. Die haben die Vorstellung, dass ihnen in Deutschland Siedlungsfläche zur Verfügung gestellt wird, damit sie die Dörfer wieder aufbauen können. Das sind völlig utopische Vorstellungen, die mir aber immer wieder begegnen. Deutschland ist der Silberstreif, das ist die Hoffnung. Die Jesiden haben in ihrer Geschichte über 80 Pogrome erlebt. Sie wollen nur noch in Ruhe und Frieden leben.
Gibt es für die Flüchtlinge Hoffnung, dass sie in ihre Heimat zurückkehren können?
Bei einem Teil glaube ich das schon. Aber das wird ein langer Prozess. Der IS ist noch lange nicht zurückgedrängt. Andere haben mit ihrer Heimat gebrochen. Ich kann Ihnen keine Prozentzahl sagen, ich denke, es hält sich in etwa die Waage. Es sind meiner Einschätzung nach insbesondere die Christen, die sich eine Rückkehr nicht vorstellen können.
Sie kennen die deutsche Kultur gut, die arabische ebenfalls: Kann ein Zusammenleben funktionieren?
Es sind natürlich verschiedene Gesellschaften, die da aufeinander treffen. Die arabische ist zum Beispiel patriarchalisch geprägt. Es wird ein schwieriger Prozess, der sich über Generationen hinziehen wird. Das hat auch bei den türkischen Immigranten seine Zeit gedauert.
Was vermissen Sie von Deutschland am meisten, wenn Sie in Kairo sind?
Im Grunde genommen nichts, weil Kairo einfach eine ungemein spannende, farbige, interessante Stadt ist. Wenn überhaupt, dann das deutsche Schwarzbrot.
Gibt’s noch Verbindungen nach Kornwestheim?
Ja, meine Schwester lebt mit ihrer Familie dort, mein Bruder wohnt in Neckarrems. Ich komme zu selten dorthin, weil ich mit meiner Familie im Rheingau in der Nähe von Wiesbaden lebe.