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KornwestheimWarum Fahrgäste auch mal gerne laufen

Nils Kraft, vom 08.10.2017 00:00 Uhr
Begehrtes Fotoobjekt: der Rote Flitzer Foto: Nils Kraft
Begehrtes Fotoobjekt: der Rote FlitzerFoto: Nils Kraft

Kornwestheim/Ludwigsburg - Knatternd setzt sich der Schienenbus vom Ludwigsburger Bahnhof in Bewegung. Überall quietscht und vibriert es. Die rund 50 Fahrgäste – darunter Bahnverrückte, Nostalgiker und Familien – haben sich eine gelbe Warnweste übergezogen. Sie nehmen auf den abgewetzten Bänken mit wenig Beinfreiheit Platz und bringen ihre Kameras in Position. Auf einer regulären Strecke für Personenzüge fährt der Rote Flitzer erst mal parallel zu den S-Bahnen aus dem Ludwigsburger Bahnhof heraus.

Hier befindet sich der Schienenbus aus den 1950er Jahren in guter Gesellschaft. „Der Rote Flitzer war noch bis Anfang der 90er Jahre als Personenzug im Einsatz und ist mit den S-Bahnen von heute gut vergleichbar“, erzählt Edgar Seitz vom Förderverein Schienenbus. Mit am längsten sei das Gefährt im Raum Tübingen in Betrieb gewesen. Außer in Deutschland konnten die Fahrgäste den dunkelroten Zug noch in Österreich nutzen.

Da wird’s eng. Foto: Nils Kraft
Die historische Bahn verlässt die den S-Bahn-Fahrgästen bekannte Kulisse und biegt in den Güterbahnhof Kornwestheim ein. Hier bietet sich ein Bild, das man so nicht alle Tage sehen kann. Zwischen voll beladenen Güterwagons schlängelt sich der Rote Flitzer bis zu einer freien Fläche, auf der unzählige Gleise nebeneinander liegen. Genau das ist es, was die Leute anzieht und warum sie Geld für eine Fahrt mit dem alten Schienenbus bezahlen. „Für die Fans ist es etwas ganz Spezielles und ein außergewöhnliches Erlebnis“, beschreibt Harald Frank von den Verkehrsfreunden Stuttgart. Der Verein organisiert immer wieder Schaufahrten wie diese, um ungewöhnliche Einblicke zu ermöglichen.

„Das macht den Reiz aus, dass wir hier Gleise befahren, die man als Normalsterblicher sonst nicht befahren kann“, betont Frank. Deshalb sind die Bahnverrückten hierfür aus allen Ecken der Republik angereist. Harald Frank hat auf seiner Gästeliste Anmeldungen aus Mannheim, Paderborn, Düsseldorf und Dresden.

Das Höhepunkt: Erstmals kurvt der Rote Flitzer auf einem Industriegleis mitten durchs Stadtgebiet von Ludwigsburg. Damit hier alles gut geht, stößt Frank von Meißner, Eisenbahnbetriebsleiter bei den Stuttgarter Straßenbahnen, hinzu. Vor allem als der Rote Flitzer die fünfspurige Schwieberdinger Straße überquert, ist Frank von Meißner hoch konzentriert. Mit seinem Funkgerät läuft er neben dem Schienenfahrzeug her, schaut ob alle Autos anhalten und hält die ganze Zeit Kontakt zum Lokführer. „Ich achte darauf, dass der Zug sicher durchkommt, keine Unfälle passieren und sich die Fahrgäste richtig verhalten.“

Obwohl das historische Gefährt „Flitzer“ heißt, kann es nur mit zehn Kilometern pro Stunde durch die Stadt schleichen. Dafür haben die Bahnbegeisterten aber auch genug Zeit, um Fotos von außen zu schießen. Zwischen den Fotostopps laufen viele Fahrgäste sogar mehrere Kilometer nebenher, um den Zug aus allen Winkeln abzulichten. Mit ihren knallgelben Warnwesten wuseln die dutzende Fahrgäste zwischen Gleisen herum oder scharen sich auf kleinen Verkehrsinseln. Manche quetschen sich durch die parkenden Autos, obwohl zwischen den Außenspiegeln und dem Roten Flitzer oft nur wenige Zentimeter Abstand ist.

Dass die Fans des Schienenbusses manchmal außer Rand und Band geraten, das hat Edgar Seitz vom Förderverein vor zwei Jahren auf einer Fahrt in Heilbronn erlebt. „Da waren die Leute so unvernünftig und sind bei laufendem Verkehr über die Straße gerannt, um Fotos zu machen“, erinnert er sich. Diesmal gehe es vergleichsweise geordnet zu. Und so kann der Rote Flitzer auch wieder fahrplangemäß in den Ludwigsburger Bahnhof einfahren – oder sagen wir mal besser in Schrittgeschwindigkeit eintrudeln.