KornwestheimWas die Experten der Stadt empfehlen

Werner Waldner, vom 23.03.2016 00:00 Uhr
Kein Problem mit zu wenigen Radfahrern: Münster in Westfalen Foto: dpa
Kein Problem mit zu wenigen Radfahrern: Münster in WestfalenFoto: dpa

Kornwestheim - Die Teilnehmer des AOK-Radtreffs haben sich nicht beirren lassen: Dienstags schwingen sie sich aufs Rad – gleich ob’s regnet oder ob die Stadt zu einer Einwohnerversammlung einlädt, bei der es auch ums Radfahren geht. Um 17.30 Uhr zischten sie gestern Abend von dannen und verpassten somit eine über zweistündige Veranstaltung, in der Thema war, warum die Stadt Kornwestheim dem Rad- und Fußverkehr künftig eine größere Bedeutung zumessen will. Denn das ist die Quintessenz eines Mobilitätskonzepts, das die Stadt beim Büro Modus Consult aus Karlsruhe in Auftrag gegeben hat und dessen Entwurf Dr. Frank Gericke den Besuchern der Einwohnerversammlung gestern Abend vorstellte. Das Interesse an der Veranstaltung war gut, viele Plätze im Rathausfoyer besetzt.

„Der Umweltverbund hat in Kornwestheim Priorität“, heißt es in Grundsatz 1 des Konzeptes. Unter Umweltverbund verstehen die Experten Busse und Bahnen, den Fahrradverkehr und die Fußgänger. „Das motorisierte Verkehrsaufkommen soll reduziert werden“, ist die logische Konsequenz, die auch so deutlich im Mobilitätskonzept genannt wird.

Gericke zeigte in der Einwohnerversammlung auf, wo es derzeit für Fußgänger und Radfahrer klemmt. Er berichtete von fehlenden Zebrastreifen oder Verkehrsinseln, von zu schmalen Geh- und Radwegen, von gefährlichen Kreuzungen, für Radfahrer gesperrten Wegen und einer fehlenden Brücke zwischen Beethoven-straße und Salamander-Areal. Um mehr Menschen zu mehr Wegen per Pedes oder per Rad zu bewegen, müssten diese Mängel beseitigt und attraktive Wegenetze geschaffen werden – durch klare Markierungen und Wegweiser, durch viele Ruheplätze zum Verweilen und Durchschnaufen, durch Abstell- und Lademöglichkeiten für Fahrräder. Für den Verkehrsexperten aus Karlsruhe von großer Bedeutung: öffentlichkeitswirksame Aktionen. Das Motto könnte lauten: „Kornwestheim bewegt sich. Kornwestheim bewegt dich“.

Um mehr Menschen in die Busse zu bekommen, schlägt Gericke insbesondere einen regelmäßigen Takt auch in den Abend- und Nachtstunden sowie am Wochenende vor. Das könnte durchaus zu Lasten der Busverbindungen am Tag gehen. Die erhobenen Zahlen hätten ergeben, so der Referent, dass die Verknüpfung zwischen Bus und S-Bahn in Kornwestheim noch nicht optimal sei. Im Mobilitätskonzept finden sich auch eine Reihe von Vorschlägen, wie das Busliniennetz besser gestaltet werden kann. Gericke gestern Abend einschränkend: „Man muss nicht unbedingt beim Linienverlauf etwas ändern.“

Viele Seiten widmet das Mobilitätskonzept dem Autoverkehr. Als Maßnahmen regt es unter anderem einen Kreisverkehr an der Kreuzung Stuttgarter Straße/Zeppelinstraße/Johannesstraße und an mehr Stellen in der Stadt Tempo 30 an. Auch mit der Parksituation haben sich die Verkehrsexperten auseinandergesetzt. In der Bahnhofstraße haben sie in den Mittags- und Nachmittagsstunden eine hohe Zahl an Falschparkern beobachtet. Um die Autofahrer besser zu den Parkplätzen zu leiten, empfiehlt das Mobilitätskonzept, einen Parkring um die Innenstadt auszuweisen.

Und noch ein Vorschlag aus dem Konzept: Mobilitätsstationen an neun Stellen in der Stadt, wo unter anderem Elektroautos und E-Bikes aufgeladen werden können und Stadtmobilautos stehen.

Was das Mobilitätskonzept nahelegt, das findet sich auch als Empfehlung im Lärmaktionsplan, den Wolfgang Schröder vom Ludwigsburger Büro BS Ingenieure gestern Abend in der Einwohnerversammlung vorstellte: Tempo 30, um den Verkehrslärm zu mindern. Es sollte in den folgenden Straßen eingeführt werden: Stammheimer Straße, Lindenstraße, Zeppelinstraße, Aldinger Straße, Lange Straße, Jakobstraße sowie Ludwigsburger Straße. Die Berechnung der Lärmwerte für Kornwestheim habe ergeben, dass es an mehreren Stellen im Stadtgebiet einen Handlungsbedarf gebe, sagte Schröder. So finden sich eine Reihe von Häusern, die auch in der Nacht den Wert von 63 Dezibel (A) überschreiten. Für solche Gebäude gebe es einen „vordringlichen Handlungsbedarf“, wie es im Fachjargon heißt. „Man muss ernsthaft über Verbesserungsmöglichkeiten nachdenken“, sagte der Lärmexperte, der auch von einem „signifikanten Gesundheitsgefährdungsrisiko“ für die Bewohner sprach. Schröder stellte diverse Möglichkeiten der Entlastung vor – angefangen vom „Flüsterasphalt“, den es mittlerweile auch für den innerörtlichen Bereich gibt, bis hin zu Lärmschutzfenstern, einem Durchfahrtverbot für Lkw oder eben Tempo 30.

Er listete auf, was die Stadt Kornwestheim in den vergangenen Jahren schon gemacht habe und erinnerte unter anderem an den jüngst auf der B 27 aufgebrachten neuen Asphalt, an das Schallschutzfensterprogramm 1994 bis 2005 und an die Lärmschutzwand an der Aldinger Straße, die zwar noch nicht gebaut ist, über die es aber eine Einigung gibt.

Was die Stadt von dem umsetzt, was am Abend bei der Einwohnerversammlung vorgestellt und diskutiert worden ist, das werden die nächsten Monate, oder besser gesagt Jahre zeigen. Bürgermeister Daniel Güthler machte deutlich, dass nicht alle Empfehlungen Wirklichkeit werden – manche noch nicht einmal mittelfristig, weil das Geld dafür nicht vorhanden sei.

Der Gemeinderat will das Mobilitätskonzept und den Lärmaktionsplan noch in diesem Jahr verabschieden. Die Anregungen der Bürgerinnen und Bürger vom gestrigen Abend sollen den Stadträten vorgestellt werden. Aber das ist gar nicht notwenig: Viele waren gekommen – im Gegensatz zu den Radlern des AOK-Radtreffs, die die Praxis des Radfahrens der Theorie vorgezogen haben.