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Kornwestheim Wenn Zinnfiguren zum Leben erwachen

Michael Bosch, vom 03.01.2018 10:12 Uhr
Heinz Grell vor einem Schrank mit einigen seiner Zinnfiguren Foto: Michael Bosch
Heinz Grell vor einem Schrank mit einigen seiner Zinnfiguren Foto: Michael Bosch

Kornwestheim - Es sind feinste Linien, die Heinz Grell auf die filigranen, fast zerbrechlich wirkenden Figuren malt. Pinselstrich für Pinselstrich wird so aus einem weiß und grau grundierten Stück Zinn ein preußischer Soldat. Strich für Strich haucht Grell ihm mit seinen Farben Leben ein. Mit seinen 88 Jahren beweist der Rentner ein ruhiges Händchen, wie es andere mit Mitte 20 nicht haben. Kein Wunder: schon seit Jahrzehnten beschäftigt sich Heinz Grell mit Zinnfiguren.

Seine Spezialität sind Dioramen: kleine Schaukästen aus Holz, die Bilder der Maler Carl Spitzweg und Ludwig Richter nachempfinden und sie in die dritte Dimension heben. „Unter Sammlern und Liebhabern“, sagt Grell mit ein bisschen Stolz in der Stimme, „bin ich schon bekannt“.

Einfach kopieren kann er die Gemälde nämlich nicht. Und dass er ein guter Maler ist, der sich vor den Zinnfiguren auch schon mit Öl und Leinwand auseinandergesetzt hat, hilft zwar – es braucht aber noch mehr. Grell muss Baupläne zeichnen, etwas von Perspektiven verstehen und mit Holz und Kupferblech umgehen können. Nur so lässt sich dem Betrachter später der Eindruck vermitteln, er stehe vor einem echten Bild.

Die 200 Exemplare des Buchs waren schnell vergriffen

Spitzweg widmet sich Grell vor allem, weil ihm dessen „hintergründiger Humor“ gefalle, zudem lüden die Gemäldevorlagen mit plätschernden Brunnen, zerfallenden Festungsanlagen oder Fliegen fangenden Soldaten dazu ein, sie in dreidimensionale Schaubilder zu verwandeln.

Von der Güte der Arbeit Grells zeugt ein Sammelband mit dem Titel „Romantik in Zinn“, den er kürzlich herausgegeben hat und der seine Dioramen zeigt. 200 Exemplare hatte Grell drucken lassen – sie waren schnell vergriffen. Selbst im fernen Japan orderte ein befreundeter Sammler ein Heft. „Dank meines Hobbys habe ich Freunde in der ganzen Welt gefunden“, sagt Grell. Obendrein habe er auch viel gelernt, nicht nur handwerklich und künstlerisch, sondern auch über die Geschichte.

Mit sechs Jahren, das war 1935, hat er von seinem Opa einen Laubsägekasten geschenkt bekommen. Sein Interesse an Modellen war geweckt, und aus den Flugzeugen und Schiffen wurden irgendwann die Zinn-Männchen.

Kriege seien zu allen Zeiten einschneidende Erlebnisse gewesen, sagt Grell. Noch dazu war das Militär besonders in Deutschland in früheren Zeiten sehr viel präsenter. Und da Zinnfiguren gewöhnlich frühere Epochen darstellen, gebe es daher auch besonders viele verschiedene Soldatenfiguren, erklärt Grell. Wie andere Sammler hat auch er sich zuerst mit dieser Sparte der Zinnfiguren beschäftigt.

Auch heute stehen etliche Soldaten aus verschiedenen Epochen und Einheiten in seinen Vitrinen. Daneben allerdings auch ganz freundliche Zeitgenossen wie Asterix und Obelix, die Sieben Schwaben, die Hasenschule, Sissy und Kaiser Franz, der Nikolaus in zigfacher Ausführung oder Rapunzel. „Von Adam und Eva bis zur Mondlandung gibt es eigentlich alles in Zinn“, sagt Grell, dessen Sammlung dies auch widerspiegelt. Er kennt zu jedem seiner Stücke eine persönliche Geschichte, aber auch den historischen Hintergrund. Dass dieser wichtig ist, musste Grell ein bisschen schmerzhaft erfahren, als er auf einem seiner ersten Sammlertreffen gefragt wurde, ob er ein neues preußisches Regiment entdeckt habe.

So lange die Hand noch ruhig ist, bemalt er weiter

Der Kornwestheimer hatte die Figuren zwar ähnlich, aber eben nicht ganz originalgetreu bemalt. „Von da an wurde ich in schonender Weise in die Geheimnisse der Uniformkunde eingeweht“, sagt Grell. Und auch bei seinen anderen Werken habe er anschließend stets versucht, so nah wie möglich an der Vorlage zu arbeiten. Vom Konzertzimmer des Berliner Schlosses hat er – obwohl eigentlich verboten – in einem unbemerkten Moment ein Foto geschossen, um das „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“ nachzubauen.

Für das Werk wurde der heute 88-Jährige 2001 beim Dioramenwettbewerb in Kulmbach mit dem dritten Preis ausgezeichnet. Danach habe er nicht mehr an Wettbewerben teilgenommen. „Selbst wenn sich die Juroren um größte Objektivität bemühen, sind sie gegen eine Beurteilung nach persönlichem Empfinden nicht gefeit“, sagt Grell .

Seiner Leidenschaft für Zinnfiguren hat der dritte Platz ohnehin keinen Abbruch getan. Grell sitzt regelmäßig an seinem Schreibtisch und bemalt unter seiner Lupe, die er sich aus Eisenplatte, verschraubtem Eisenstab und einem Reagenzglashalter selbst gebaut hat, seine Figuren. Im Schrank warten noch etliche unbemalte Rohlinge darauf, dass sie von Heinz Grell Leben eingehaucht bekommen. Sein eigenes sei inzwischen zu kurz, um „auch nur einen Bruchteil der blanken Figuren zu bemalen“. An Ideen für neue Dioramen mangele es ihm aber nicht. Er will weitermachen, solange seine Augen noch gut sind. „Noch“, sagt der ehemalige Revisionsleiter einer Versicherung, „ist auch meine Hand ruhig genug.“ Und wenn dem nicht mehr so ist? Dann müsse eben die andere Hand genau so stark zittern, wie die, die den Pinsel führe. Am besten natürlich synchron.