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Kornwestheim„Wir müssen erst mal zurück auf null“

Susanne Mathes, vom 07.11.2017 07:00 Uhr
Erst mal zurückgestellt wird der Bau einer zentralen Mensa Foto: Susanne Mathes
Erst mal zurückgestellt wird der Bau einer zentralen MensaFoto: Susanne Mathes

Kornwestheim - Aus der neuen Zentralmensa für die Gemeinschaftsschule und das Gymnasium wird erst einmal nichts. Zu dieser Erkenntnis kommt die Stadtverwaltung, nachdem das Bonner Büro Biregio seine Progosen zu den Schülerzahlen in den kommenden Jahren vorgestellt hat. Diese verheißen einerseits, dass es Kornwestheim, wie es Fachbereichsleiterin Birgit Scheurer sagt, „stadtweit an einer dreizügigen Grundschule fehlt“, andererseits, dass die Realschule demnächst aus allen Nähten platzen könnte, während die Gemeinschaftsschule nicht nachhaltig an Akzeptanz gewinnt.

Folglich – so brachte es Scheurer gestern in einem Pressegespräch auf den Punkt, in dem Wolf Krämer-Mandeau und Robindro von Gierke vom Büro Biregio die Eckdaten ihres Gutachtens vorstellten – geht es für die Stadt nun darum, „die geplante Mensa hintan zu stellen, sich erst einmal mit den Fakten auseinanderzusetzen, sich ihnen zu stellen und damit den Auftakt zum Schulentwicklungsprozess einzuläuten“. Oder, kurz gesagt: „Wir müssen erst mal zurück auf null.“ Denn das Gutachten habe der Stadt nicht „Indikatoren für die Entscheidung gebracht, wo wir die Mensa hinsetzen sollen“. Sondern es habe ergeben, dass die Stellschrauben in Sachen Schule in mehrfacher Hinsicht neu justiert werden müssten.

Bis zu 70 Kinder mehr pro Jahrgang wird’s in Kornwestheim in ein paar Jahren geben, sagt Wolf Krämer-Mandeau. Steht die Stadt derzeit bei knapp über 1050 Grundschülern, wird die Zahl in den nächsten acht Jahren auf an die 1400 Grundschüler anwachsen. Vor allem in der Schiller-, der Silcher- und der Bolz-Grundschule „explodieren die Zahlen“, prognostiziert der Gutachter.

Das errechne sich aus dem Melderegister und den Schulstatistiken der Stadt, kombiniert mit Hochrechnungen zur künftigen Wohnentwicklung – und dabei seien nicht einmal angedachte Wohngebiete wie Ost IV mit eingerechnet, sondern nur Parameter wie bekannte Wohngebiete, Generationswechsel, Nachverdichtung und Bevölkerungszuwachs durch Flüchtlinge. Außerdem legten die Planer von Biregio ein Augenmerk darauf, dass in Kornwestheim ungewöhnlich viele Menschen im Familienplanungs-Alter zwischen 20 und 40 Jahren lebten.

Krämer-Mandeaus Folgerung: „Kornwestheim braucht langfristig Schulraum, nicht nur Container.“ Denn nicht nur an den Grundschulen reiche der Platz für diese Schülerzahlen nicht, sondern auch die weiterführenden Schulen kämen perspektivisch an ihre Grenzen, vor allem die Realschule, die in Kornwestheim eine sehr starke Position habe: „Sie beackert hier eine Fläche, die kaum noch Furchen für andere übrig lässt“, so Krämer-Mandeau. Das könne sich verfestigen, weil die Realschule nun auch noch eine weitere Differenzierung der Schüler und einen Hauptschulabschluss anbiete: Sie decke mittlerweile ein so unterschiedliches Begabungsspektrum ab, wie man es vor ein paar Jahren noch nicht habe absehen können. Auf die Kornwestheimer Realschule, sagt der Gutachter, könnten in Bälde Anmeldezahlen von 160 Schülern zukommen.

Die meisten Eltern wünschen sich zwar – das ergab eine von Biregio konzipierte Umfrage unter aktuellen Zweit- und Drittklässlereltern – , dass ihr Kind aufs Gymnasium kommt. Von diesen Eltern – 380 beantworteten den Fragebogen, das war ein Rücklauf von rund 70 Prozent – sind sich aber nur 134 bereits sicher, dass sie ihr Kind auch tatsächlich auf dem Gymnasium anmelden werden. 101 wissen schon, dass sie sich wohl für die Realschule entscheiden werden, 136 sind noch unentschlossen – und nur sieben antworteten, sie würden ihr Kind mit Sicherheit an die Gemeinschaftsschule schicken. Gleichzeitig hätten aber auch viele Eltern angegeben, über diese Schulform „nicht so gut“ informiert zu sein. „Wir gehen davon aus, dass die Anmeldezahlen an der Gemeinschaftsschule auch in der Zukunft im Bereich von zehn Prozent eines Jahrgangs oder darunter liegen werden“, sagte der Biregio-Leiter.

Was die Anmeldungen auf dem Gymnasium angehe, schafften es beispielsweise im Vergleich zu Ludwigsburg weniger Kornwestheimer Schüler, die gymnasiale Laufbahn zum Ende zu führen. „Dafür verzeichnet die Realschule in der neunten Klasse bedeutend mehr Schüler als in der fünften“ – ein Zeichen dafür, dass nicht wenige Schüler das Gymnasium abbrechen.

Es gelte nun mit entsprechender Demut und Sorgfalt an die Herausforderungen heranzugehen, „ohne Gewinner und Verlierer, mit Behutsamkeit und fernab des Marktplatzes“, sagte Wolf Krämer-Mandeau. Allzuviel Zeit sollten die Entscheidungsträger aber dennoch nicht ins Land gehen lassen. Dass es erst 2016 ein Schulgutachten gegeben habe, das all diese Bewegungen noch nicht prognostiziert habe, verwundere ihn: „Das hätte man sehen müssen.“