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Kornwestheim„Wir spielen hier nicht den Aufpasser“

Susanne Mathes, vom 26.12.2012 18:00 Uhr
Seit es den Bolz- und Basketballplatz gibt, haben die Anwohner an der Jahnstraße oft unruhige Nächte. Sie fürchten, dass das noch schlimmer wird, wenn das Jugend- und Freizeitgelände erst einmal gebaut ist. Foto: Susanne Mathes
Seit es den Bolz- und Basketballplatz gibt, haben die Anwohner an der Jahnstraße oft unruhige Nächte. Sie fürchten, dass das noch schlimmer wird, wenn das Jugend- und Freizeitgelände erst einmal gebaut ist.Foto: Susanne Mathes

Kornwestheim - Die Gruppe von Jahnsträßlern, die sich vor ihren Häuserblocks versammelt hat, ist heterogen. Frauen, Männer, Junge, Alte, Berufstätige und Rentner. Zwei Dinge einen sie: Sie wohnen direkt am zukünftigen Jugend- und Freizeitgelände. Und es ist ihnen angesichts dessen, was da geplant ist, ziemlich mulmig zumute. Erst recht, seit sie gelesen haben, dass sie ein Bestandteil des Betreuungskonzeptes sein sollen. Denn so hat es die Stadtverwaltung vorgeschlagen: Um keinen Sozialpädagogen für das Freizeitgelände einstellen zu müssen, hofft sie auf das Funktionieren einer „personenneutralen Betreuung“ unter Zuhilfenahme des Streetworkers, des Gemeindevollzugsdienstes, der Polizei sowie der verschiedenen Nutzer und Anwohner, die zur sozialen Kontrolle beitragen sollen.

„Eine personenneutrale Betreuung? Aber ohne uns. Das lehnen wir als Häusergemeinschaft ab. Und wir sprechen für mehr als 50 Mietparteien“, sagt eine Frau aus dem Kreis der Anwohner. Sie will, wie die anderen Umstehenden, ihren Namen nicht in der Zeitung veröffentlicht haben – sie haben Angst, sonst für die Jugendcliquen erkennbar zu sein, die das Gelände schon jetzt nutzen und vor allem im Sommer regelmäßig über die Stränge schlagen. Laute Musik, Gegröle, Mofa-Wettrennen oder wildes Parken auf der zu den Mietshäusern gehörenden Privatstraße sind den Anwohnern zufolge an der Tages- oder, besser gesagt, an der nächtlichen Ordnung, seit die Stadt den Bolz- und Basketballplatz auf dem ESG-Gelände eröffnet hat. Bis lange nach Mitternacht gehe das oft.

„Wenn man etwas sagt, bekommt man dumme oder drohende Kommentare zurück“, erklärt ein älterer Jahnstraßen-Bewohner. Ein anderer sagt: „Ich würde das Risiko nicht eingehen, nachts etwas zu sagen. Nachher schmeißen die mir noch einen Böller auf den Balkon.“ Das sei alles schon da gewesen. Ebenso wie Klingelterror. „Oder man sagt’s einmal zu oft und dann schlagen die zu.“

Wenn die Störenfriede es zu schlimm trieben, sagen die Anwohner, hätten sie auch schon die Polizei gerufen. „Aber die kommt nur, fährt zum Parkplatz hoch, bleibt da eine Weile stehen und fährt dann wieder weg. Und kaum ist sie wieder fort, geht das Halligalli weiter“, berichten die Anwohner erbost. „Ist ja auch optimal. Die Bahn liefert noch das notwendige Flutlicht.“ Auch gezündelt werde auf dem brach liegenden Gelände immer wieder. „Aber wenn man die Feuerwehr ruft und die am Kimry-Turm schon den Alarm anmacht, sind die Zündler natürlich sofort in alle Himmelsrichtungen verschwunden.“

Die meisten Schlafzimmer der Anwohner gehen in Richtung ESG-Gelände. „Wir haben doch ein Recht auf unsere Nachtruhe, wenn es schon tagsüber wegen der Bahn immer laut ist“, finden die Jahnsträßler. Dass die Nachtruhe eingehalten werde, kontrolliere aber keiner. Rufe man bei der Polizei oder beim Ordnungsamt an, bekomme man das Gefühl vermittelt, man sei nur lästig. „Wenn das Gelände erst mal noch weiter ausgebaut wird, wie soll das dann erst werden? Ohne richtige Betreuung?“, fragen sich die Frauen und Männer.

Überhaupt, die Planung für das Gelände. „Warum spricht da mit uns niemand drüber?“, wollen die Anlieger wissen. Die letzte Information habe vor fast drei Jahren stattgefunden. „Da war der Herr Triller mal hier oben und hat Anregungen gesammelt und erste Ideen vorgestellt.“ Seitdem habe die Stadt die Anwohner nicht mehr mit einbezogen. „Viele hier wissen nicht mal, was überhaupt geplant ist, weder das mit der Hallensanierung noch das mit dem Jugendgelände. Auch dass hier der Bolzplatz gebaut wird, haben die meisten erst mitgekriegt, als die Bagger angerollt sind. Wer keine Zeitung liest, hat keine Ahnung“, sagen die Anwohner.

Über diese Informationspolitik sind sie erbost. „Die beschließen einfach etwas und nehmen Fördergelder mit, haben aber keine Ahnung, was hier eigentlich abgeht“, sagen die Anwohner. Sie zweifeln daran, dass das 1,2 Hektar große Gelände wirklich ausreichend Platz für Dirtline, Motorik-Parcours, Vater-Sohn-Bereich, Kita und die weiteren angedachten Nutzungen bereit hält. Sie sind auch skeptisch, ob es wirklich, wie erhofft, alle Generationen anzieht. Sie fürchten, dass sich Cliquen breit machen und andere potenzielle Nutzer sich dann nicht mehr auf das Gelände trauen.

„Es ist nicht so, dass wir grundsätzlich dagegen sind, dass mit dem Gelände endlich etwas passiert“, sagen sie. Es verlottere schon lange genug. Auch die Parkplatzsituation gehöre dringend geregelt. „Aber wir spielen hier nicht den Aufpasser. Und es muss für uns in einem erträglichen Maß bleiben.“ Sonst sehen diejenigen, für die es irgendwie machbar ist, nur noch eine Alternative: „Wegziehen.“

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