Kornwestheim Zugeschlagen, weil ein Gerücht im Umlauf war

Heike Rommel, vom 10.01.2018 20:00 Uhr
Das Gericht verurteilte einen 24-Jährigen wegen gefährlicher Körperverletzung. Foto: dpa
Das Gericht verurteilte einen 24-Jährigen wegen gefährlicher Körperverletzung. Foto: dpa

Kornwestheim - Der Staatsanwalt wollte ihn im Jugendgefängnis sehen, doch das Ludwigsburger Jugendgericht erkannte auf acht Monate Freiheitsstrafe, die es zur Bewährung aussetzte: Damit kam ein 24-jähriger Kornwestheimer, der einen 26-Jährigen aus Ludwigsburg im hiesigen Stadtgarten krankenhausreif geschlagen und getreten hatte, glimpflich davon. Das Gericht verurteilte ihn wegen gefährlicher Körperverletzung und Bedrohung darüber hinaus zu 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

In der Clique des Angeklagten war das Gerücht aufgekommen, dass der Ludwigsburger die Freundin des Angeklagten vergewaltigt hat. Sie lockte den Ludwigsburger unter einem falschen Vorwand in den Kornwestheimer Stadtgarten. Dort wartete dann aber nicht nur sie auf ihn, sondern eine „ganze Meute Halbwüchsiger“, wie ein Augenzeuge schilderte.

Die fünf Begleiter des Angeklagten, darunter zwei junge Frauen, landeten nach der Schlägerei alle mit auf der Anklagebank des Jugendgerichtes. Weil sie nach Einschätzung des Gerichts lediglich physisch vertreten waren, um eine Drohkulisse aufzubauen und dem Ludwigsburger Angst einzujagen, wurden ihre Strafverfahren sämtlich eingestellt, und sie durften das Gerichtsgebäude ungestraft verlassen.

Wer sitzen blieb, war der 24-jährige Kornwestheimer. Nach Auffassung des Gerichts war nur er es, der geschlagen und getreten hatte. Wie die Beweisaufnahme ergab, hat er das Opfer mit Fäusten in ein Gebüsch geschlagen und auch noch mit den Füßen getreten, als dieses längst wehrlos am Boden lag – „röchelnd und nach Luft schnappend“, wie Augenzeugen aussagten. Der Angeklagte bespuckte auch sein Opfer und drohte ihm, wenn er jetzt ein Messer hätte, würde er ihm auch ins Herz stechen. Das hatten sogar Passanten vernommen.

Zu Ende ging die Sache, als zwei Männer des Weges kamen und fragten, was da los sei. Die gesamte Clique beeilte sich, Richtung Bahnhof zu flüchten. Die beiden Sparziergänger holten gleich einen Krankenwagen und verständigten die Polizei. Letztere war so schnell da, dass sie die komplette Clique noch am Bahnhof fest- und mit aufs Revier nehmen konnte. Das Opfer landete mit einer Brustbein-, einer Brustkorb-, einer Bauch- und einer Knieprellung sowie einer Schürfwunde am Daumen im Ludwigsburger Klinikum und musste noch 14 Tage nach dem Krankenhausaufenthalt Schmerzmittel nehmen.

„Es wundert einen schon, was ein Gerücht auslösen kann“, sagte der Staatsanwalt über die Selbstjustiz im Kornwestheimer Stadtgarten. Dass es nicht nur bei einem Verhör über die angebliche Vergewaltigung bleiben würde, sei allen in der Clique klar gewesen.

Einen Menschen derart zu traktieren und auch noch weiter auf diesen einzutreten, wenn er schon wehrlos am Boden liegt, das hätte aus der Sicht des Anklägers mit zehn Monaten Jugendgefängnis gesühnt werden müssen. Die Gewalttat an dem Ludwigsburger war aus seiner Sicht außerdem von Anfang an geplant. Im Stadtpark habe nicht über eine angebliche Vergewaltigung diskutiert werden sollen, denn einer der Mitangeklagten habe zunächst bekannt: „Es war beschlossen, dass wir es ihm heimzahlen.“

Das passte überhaupt nicht zur Einlassung des Schlägers: „Schlagen war nicht geplant.“ Nach der Gewalttat hatte sich dieser nämlich auch noch damit gebrüstet, wie gut er trotz eines Verbandes am Handgelenk zulangen kann.